Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1908)
- Date
- 1908-01-17
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 3 Ein Jude als Konkursmasse-Verwalter. In einer Stadt Westpreußens hat ein Amtsrichter beim Konkurse eines jüdischen Glaswarenhändlers die Ernennung eines Juden zum Konkursverwalter mit Rücksicht auf die Konzession abgelehnt Zur Begründung der Ablehnung erklärte der famose Amtsrichter: „Die Juden bilden einen Staat für sich, sie unterstützen sich gegenseitig und ergreifen einer für den anderen Partei". Dagegen überreichte der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens beim Präsidenten des königlichen Landgerichtes Thorn die Beschwerde. Diese wurde jedoch abgewiesen mit dem Hinweis, daß der Amtsrichter überhaupt nicht verpflichtet gewesen sei, die Gründe seiner Ablehnung anzugeben und deshalb dieser Teil seiner Erklärung als außeramtlich anzusehen sei. Der Zentralverein beruhigte sich dabei nicht. Er wandte sich beschwerdeführend an den Oberlandesgerichtspräsidenten in Marienwerder und erhielt folgenden Bescheid: rDie über den Amtsrichter N. erhobene Beschwerde habe ich geprüft und soferne für begründet erachtet, als die von dem betreffenden Richter inbeztig auf das Judentum getanen Äußerungen meines Erachtens besser unterblieben wären. (!) Dies ist von mir dem Amtsrichter eröffnet worden." Eine derartige Entscheidung ist sowohl nach der deutschen als nach der österreichischen Konkursordnung ganz ungesetzlich. Dies schadet nichts. Drei Instanzen sind im deutschen Reiche darin einig, daß ein Jude im Konkurse eines Juden nicht Masseverwalter sein darf. Der Grossrabbiner von Frankreich soll demnächst gewählt werden. AKs Wähler fungieren ciie Mitglieder des Zentralkonsistoriums zusammen mit einer gleichen Zahl eigens ernannter Delegierter der der Zentralorganisation angeschlossenen Kultusvereine. Das Zentralkonsistorium hat lür das Amt des Grossrabbiners ein Jahresgehalt von 20.0C0 Francs ausgesetzt. Die Kandidatenl^te ist noch nicht offiziell mitgeteilt; jedoch weiss man, dass f( Igende Persönlichkeiten in Betracht kommen: J. H. Dreyfuss, der Pariser Grossrabbiner; Rabbiner Israel L e v i, der Schwiegersohn des verstorbenen Grossrabbiners von Frankreich; Isaak L e v y, der Grossrabbiner von Bordeaux; Alfred L e v y, der Grossrabbiner von Lyon; Bloch, der Grossrabbiner ven Nancy und Weiss, der Grossrabbiner von Marseille. Der Mieterstrike im Judenviertel von New-York. Der Mieterstreik in New-York nimmt die grössten Dimensionen an. Namentlich im Ghetto, auf der unteren Ostseite, wo auf unverhältnismäßig kleii em Raum mehr als eine halbe Million osteuropäischer Juden zusammengepfercht wohnen, macht sich, wie die „B. Z." berichtet, eine kollossale Erregung geltend. VonTausenden besuchte Massenversammlungen werden abgehalten, in denen in der heftigsten Weise die Mieter von den Agitatoren zum Widerstand gegen die Hauswirte aufgefordert werden. Umzüge mit Transparenten und Bannern, die in hebräischen Lettern in jiddischem Jargon die wütendsten Angriffe gegen die „Haustyrannen" enthalten, durchziehen die untere Ostseite von der 14. Strasse bis Chatham Square. An der Spitze der Bewegung steht genau so wie bei den Mietskrawallen des Jahres 1904, ein junges Mädchen, Paline N e w m a n n, e i n e 21jährige Fabriksarbeiterin, die von der jiddischen radikalen Presse, dem „Vorwärts" und ähnlichen Organen bereits als die , Jungfrau von Oileans der Ostseite" gefeiert wird, In einer gestern abgehaltenen Versammlung, die von Tausenden besucht war, wurde eine Resolution angenommen, in der den Mietern anempfahlt n wird, keine Miete zu bezahlen, in den Wohnungen zu bleiben und einer Exmission mit Hilfe der anderen Mieter gewaltsamen Widerstand et.tgegenr.usetzen. Viele Redner traten sogar für Bewaffnung der Mieter ein und vielfach wird diesem Vorschlag Gehör gegeben. Manche der Mietskasernen gleichen einem w ffen-tarrenden Arsenal, und man befürchte;, das es vielfach zu Blutvergiessen kommen wird. Eine Versammlung in der es äusserst stürmisch herging, wurde von der Polizei auseinandergesprengt. Die „(Tops*, wie der Newyorker Slang die Schutzleute nennt, machten in rücksichtslosester Weise von ihren Knüppeln Gebrauch und schlugen unbarmherzig auch auf Frauen und Kinder ein. Einige der Hauptredner, die zu aufreizend gesprochen hatten, wurden verhaftet, viele der Teilnehmer trugen enrnsthafte Verletzungen durch die Schläge mit den schweren Polizeiknüppeln davon. „Jüdische Christbäume." Im „Prager Tagblatt" findet sich iolgend»* kurze und schöne Ankündigung: .Israelitisches Waisenhaus. Das Christbaumfest findet am Sonntag, den 22. d. M. um 5 Uhr nachmittags statt." Schöne „Israeliten* werden aus diesem Waisenhaus hervorgehen. Die Juden in M i 11 e i 1 u n g e n d Landesa nites Bd. jüdischen Bevölkerung Neben Lembe bevölkerung 43.412 un jüdische Einwohner Kolomea..... Stanislau ...... Tarnopol...... 8 Städte zählen Drohobycz ..... Stryj ....... Buczacz ...... Rzcszow ..... den Städten Galiziens. Nach den es g a 1 i zischen statistischen 21, Heft 1 können wir die Zahl der in den grösseren Städten mitteilen: rg und Krakau deren jüdische Zivilei 25.430 beträgt, haben mehr als 10.000 . 16417 Przemysl ......13.319 13.826 Tarnow...... 12.484 . 13.330 Brody ......11.854 4 bis 10.000 jüdische Einwohner: . 8678 Chrzanow . . . . 8 554 Podgorze .... 6.730 Zloczow .... 6.144 Rawa .... 5.504 5414 5 257 5.098 Die jüdischste Stadt in Galizien ist Brody, wo die jüdische Bevölkerung 72,1 0 „ aller Einwohner ausmacht. Eine absolute Mehrheit besitzen die Juden in: Buczacz.......57,3" o der Gesamt-Bevölkerung Rawa........57,8 „ „ Kalusz..... . 55,1 „ „ „ „ Chrzanow..... 54,1 „ „ „ „ Sanok....... 52,7 „ „ Zloczow.......51,9 „ „ „ „ Stanislau ..... 51,3 „ „ „ „ Gorlice......51,2 „ , „ „ Kolomea.......50,8 „ „ „ „ Mehr als V-t der Gesamtbevölkerung bilden die Juden in Zolkiew........49,2 Rzeszow....... 48,3 Nadworna...... 48,3 Drohobycz..... . 44,8 Tarnow .......42,7 Sniatyn.......42,6 Brzezany .......40,6 Sokal.........39,3 Stryj .........37,8 Horodenka.......36,6 Przemysl . . •.....35,2 Zbaraz....... . 34,8 ferner mehr als 25"/o der Gesamtbevölkerung in Dohna ........29,1 Lemberg........29.0 Jaworow........28,4 Trembowla......27,7 Tysmienica.......25,9 Grodek........31,6 Neu Sandec......30,8 Podgorze ....... 30.6 Jaroslau........30,1 Krakau ....... 29,6 Sambor........29,4 Die am dünnsten mit Juden bevölkerten Städte hatten noch immer einen recht hohen Prozentsatz jüdischer Einwohner, nämlich: Jaslo .........23,2 Wieliczka.......15,6 Wadowice.......16,4 Biala.........13,2 Büchereinlauf. Dr. Julius Moses : Hebräische Melodien. Eine Anthologie. Berlm-L-ipzig 1907. Modernes Verlagsbureau Kurt Wigand. — Die Lösung der Juden frage. Eine Rundfrage. Im selben Verlage. Justizrat Bernhard Breslauer. Die Zurücksetzung der Juden im Justizdienste. (Denkschrift im Auftrage des Verbandes der Deutschen Juden.) Berlin 1907. Dr. Bernhard Wachstein. Wiener hebräische Epitaphien. Wien I9u7. Sitzungsberichte der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien. In den nächsten Nummern unserer Wochenschrift erscheinen nachstehende Aufsätze: Rüben Brainin: Von meiner Reise durch Galizien; Scholem Äleichem: Eine Humoreske (übersetzt aus dem Original).