Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1908)
- Date
- 1908-01-17
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 „Neue National-Zeitung* Seite 7 drohungen nicht zurückschrecken, bilden gar keine Garantie eines höheren moralischen Niveaus. Die galizischen Landtagswahlen und die Juden. Rzeszöw, Mitt> J inner. (Orig. Korr) Die Wahlen zum galizischen Landtag nahen heran Der Zeitpunkt der Wahlen ist von der Statfchalterei schon bestimmt: Für die Landgemeindenkurie fällt er auf den 25 Februar, für die städtische Kurie, die uns doch am meisten interessirt auf den 2. März und für die Handelskammern auf den 3 März. Die so heissersehnte Wahlreform ist nicht zur Annahme gelangt. Die konservative Mehrheit des Landes hat es verstanden, durch ihre Verschleppungsmethode die Reform zu begraben. Jetzt stehen wir vor neuen Wahlen, auf Grund des alten Wahlsystems. Wie vorauszusehen ist, wird es dabei einen sehr harten und erbitterten Kampf geben. Das Volk empört und erbittert über die Wahlrechtsvereinigung, wird zur Wahl schreiten unter der Parole des allgemeinen Wahlrechtes und wird nur oppositionelle Kandidaten wählen Die Landbevölkerung, die, wie es sich während den Wahlen zum Raichsrat erwiesen hat, unter dem Einflüsse der polnischen Volkspartei steht, wird nur diese Kanditaten unterstützen; auch die Städte werden bestimmt oppositionell wählen. Was uns interessirt, ist: Wie haben sich die Juden zu den Wahlen zu verhalten und was haben wir vom neuen Landtag zu erwarten? Nach den jetzigen Verhältnissen und der geltenden Wahlordnung, werden die Juden und speziell die Nationaljuden bei den Wahlen nur eine sehr bescheidene Rolle zu spielen haben. Die drei Handelskammern werden wohl auch weiter drei Juden wählen, aber man kennt sie ja, die Herren Kolischer, Löwenstein und Sare. Sie sind Polen „mosaischer Konfession" und das Judentum interessirt sie wie die Kuh, die man melken kann. In der städtischen Kurie war bisher nur ein Jude gewählt: Dr. Fruehtmann in Sambor. Trotzdem die Juden die Majorität in manchen Städten haben, wurden dort bisher infolge der mündlichen Abstimmung unter dem Drucke der Bezirkshauptleute polnische, ja sogar altpolnische Abgeordnete gewählt. Es ist daher die Ansicht laut geworden, dass wir bei den Wahlen nicht selbständig auftreten dürfen und uns damit beguügen mögen, der allgemeinen Opposition zum Siege zu verhelfen, um dadurch den Kampf um das allgemeine Wahlrecht zu erleichtern. Diese Ansicht ist falsch Wir dürfen selbstverständlich dort, wo wir keine eigenen Interessen haben, die Opposition unterstützen. Aber wir müssen unbedingt selbständig auftreten. Wir dürfen nicht von der Oberfläche gänzlich verschwinden — das wäre für uns ein politischer Selbstmord; wir müssen ein Lebenszeichen geben. Ueberdies ist die Situation noch nicht ganz so schlimm, wie man annimmt; Zwei bis drei Mandate sind noch immer für uns zu erobern, und für diese müssen wir uns um jeden Preis einsetzen. Der nächste Landtag wird die Wahlreform durchzuführen haben, und das glaube ich, ist für uns schon Grund genug, uns an den Wahlen zu beteiligen. Unsere Stimme muss bei der Erledigung der Wahlreform ertönen, unsere Postulate müssen vorgelegt werden. Bedenken wir nur, dass auch die Wahlreform für den Reichsrat, eine für uns viel günstigere Gestalt angenommen hätte, wenn wir schon bei deren Beratung den jüdischen Klub gehabt hätten. Ja, im nächsten Landtag müssen die Forderungen der jüdischen Bevölkerung gehört, es muss unser Recht gefordert werden. Es harrt unser ein harter und verzweifelter Kampf, wir müssen ihn aber unternehmen, wir dürfen nicht zurückschrecken, denn es gilt um unsere Stellung und unsere Zukunft im Lande. AI. Wiesenfeld; Russland. Die Niederlage der Kahal-Partei. Warschau, den 12. Januar. (Orig.-Korr) Auch Warschau hat seine Kahalclique. Seit vielen Dezennien h;üt sie das Heft der Gemeinde in ihrer H *nd, und kümmert sich sehr wenig um das geistige und kulturelle Leben der Juden, während sie für polnischen Chauvinismus und Patriotismus Stimmung mach'. Eigentlich sind es nur einige Familienstämme: Bergson, Nathansohn, Wawelberg, Rotwani etc., deren Aeste und Aestchen immer mehr und mehr in der christlichen Gesellschaft aufgehen. Die getauften Juden in unserer Stadt bilden eigentlich eine Gesellschaft für sich, die man unter der Bezeichnung .Mechesy* gebührend w'irdigt. Diese polnisch-assimilatorische Familienwirtschaft, die sich durch einen besonderen Hass gegen die russischen Juden, für die sie den Namen „Litwokes" prägte, auszeichnet, hat nun ihr Ende erreicht. Die Geduld der jüdischen Bevölkerung ist zu Ende, und die vorgestern beendeten Kultuswahlen haben bewiesen, dass der national jüdische Geist die Gemüter unserer Gemeinde erobert hat. Sämtliche jüdischen Parteien, u. zw. die Orthodoxen (Chassidim), die Konservativen (Mittelpartei), und die Jüdischnationalen schlössen einen Block, um gemeinsam die assimilatorische Hochburg niederzureissen. Das ist ihnen auch gelungen. Nach hartem Kampfe hat der „Block" gesiegt, Von den 1792 Wählern beteiligten sich 80 Perzent am Wahlkampf. Von 14 Mandaten eroberten die Assimilanten kaum fünf. Sie haben die Majorität verloren. Ihr geistiger Führer Prof. Dickstein, das Prototyp eines polnischen Chauvinisten, ist unterlegen. Von den übrigen 11 Mandaten erhielten: die Chassidim vier, die Konservativen zwei, ein Unparteiischer eines und die Jüdischnationalen zwei. Es sind dies Josef L e w i t e, welcher 854 und Dr. Bychowski, welcher 844 Stimmen erhielt. Die Assimilanten sind über ihre Niederlage entsetzt und beabsichtigen ihre Alandate niederzulegen. Ob sie es nun tun oder nicht, — die Herrschaft der Gemeinde haben sie einfür allemal verloren. Amerika. Das Removal Office. New-York. David M. Bressler, Generalmanager des hiesigen Industrial Removal Office, jener Institution, die sich die Ablenkung der jüdischen Einwanderung von New-York angedeihen lässt, hat einen Bericht über die Tätigkeit dieser Gesellschaft erscheinen lassen, dem wir folgendes entnehmen: Seitdem das Bureau funktioniert, also seit 1902, sind ca. 30 000 jüdische Einwanderer durch seine Vermittlung nach dem Süden und Westen der Vereinigten Staaten geschickt worden. Grundprinzip der Removalorganisation ist, die Verteilung der Einwanderer nach den natürlichen Gesetzen der Einwanderung vorzunehmen, d. h. die Leute dahin zu schicken, wo nach Männern ihre s Berufes Nachfrage herrscht. Der Geschäftsgang ist