Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1908)
- Date
- 1908-01-17
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 dass das Ritualmordressort der antisemitischen Partei nunmmr verwaist sei. Es zeigte sich bald, dass Abg. Sturm einen würdigen Ersatz bildet. Die Zwiscnenrufe bei der Debatte über die „Verjudung der Universitäten", über den Fall Hilsner, — alles war so vollkommen,— mit einem Wort: der ganze Schneider . . . Nun ist er Landesausschuss geworden! Wer wird sich noch wundern? . . . Wie die Verhältnisse liegen, ist es noch nicht die letzte Etappe in der Karriere des verdienstvollen Verfechters der Äitualmordidee . . , sch. Verband der israelitischen Religionslehrer. Wien. Montag, den 30. Dezember 1907, fand die VI. Generalversammlung des Verbandes der israel. Religionslehrer an österreichischen Mittelschulen unter dem Vorsitze des Obmannes Rabbiner Dr. D. Feuchtwang im Sitzungssaale der israel. Kultusgemeinde statt. Der Vormittag war von den internen Geschäften der Generalversammlung ausgefüllt, während der Abend dem Vortrage des Herrn Prof. Dr. A. Weiss über „Das Hebräische in der Mittelschule" und der sich daran schliessenden Diskussion eingeräumt war. In der Vormittagssitzung erstattete der Obmann den Rechenschaftsbericht, aus welchem hervorgeht, dass der Ausschuss in der abgelaufenen Funktionsperiode im Interesse der Standesehre und Stellung der Religionslehrer unermüdlich gearbeitet, vieles erstrebt und nicht Unbeträchtliches erreicht habe. Es wurden verschiedene Petitionen und Memoranden an die bezüglichen hohen Behörden gerichtet und nicht weniger als vier Mal Deputationen in das Ministerium entsendet. Der Vorsitzende betonte namentlich, dass der Ausschuss im Interesse aller Kollegen, auch derer, die ausserhalb des Verbandes stehen, gewirkt und allen fühlbare Erfoge erzielt habe. Esmussteauch der Tatsache gedacht werden, dass in jüngster Zeit in einzelnen Kronländern des Reiches Separatverbände entstanden seien, die vielleicht ohne es zu wollen, manche Sehritte des Reichsverbandes durchkreuzt hätten. Rabb. Dr. Feuchtwang referierte auch über die Tätigkeit des Vereines hinsichtlich der Schaffung eines einheitlichen Lehrplanes. Ein Komitee habe sich wohl konstituiert, eine Enquete sei veranstaltet worden, doch sei es zu keinen Resultate gekommen. Schuld daran wären erstens die Gründung der Separatverbände, die ihre besonderen Lehrpläne einführen wollten und ferner der U nstand, dass dem Verbände von hoher Stelle klar bedeutet wurde, dass an eine Gemeinsamkeit dieser Pläne gar nicht zu denken sei solange die Juden Österreichs nicht eine Einheitlichkeit vorstellten, die in einer Behörde die Spitze hat und für alle Juden Österreichs als massgebend gälte. Nach Aufzählung weiterer Punkte aus der Wirksamkeit des Ausschusses dankt der Obmann allen seinen Mitarbeitern, ganz besonders dem Obmannstellvertreter Prof. Dr. Weiss und dem Schriftführer Prof. Dr. Pollak und lässt seine Rede in ein dreimaliges Hoch auf Se. Majestät den Kaiser ausklingen, in welches die Versammlung begeistert einstimmte. Hierauf entsteht eine Debatte über die Sonderbestrebungen der Landesverbände, die auf die Interessen des Verbandes schädigenden Einfluss nehmen. Hiezu beantragt Rabb. Dr. Rosenmann folgende Resolution: „Die Generalversammlung beschliesst: Es sei unter Berücksichtigung der Bestrebungen der einzelnen Landesverbände im Interesse des Standes ein Zusammenwirken mit denselben anzustreben". Diese Resolution wird angenommen. Die Wahlen ergaben: ObmannRabb. Dr. Feucht wang, Schriftführer Dr. M. Rosenfeld, Ausschussmitglieder: Prof. Dr. G o 1 d h am m e r, Prof. Dr. Grünfeld, Rabb. Dr. Lazarus, Rabb. Dr* Prossnitz, Prof. Kanitz, Rabb. Dr. Rosenmann und Prof. Dr. Weiss. Zu Revisoren wurden Rabb. Dr. Bauer und Prof. Pollak gewählt. Im Namen aller Mitglieder dankt Prof. Dr. Grünfeld dem Vorsitzenden für sein hingebungsvolles Wirken im Interesse des Verbandes, womit die Vormittagssitzung beschlossen wird. In Fortsetzung der Tagesordnung erteilt der Vorsitzende am Abend in Anwesenheit zahlreicher Gäste, darunter Ehrw. Oberrabbiner Dr. Güdemann, Lektor M. Friedmann, Vice-Päsident Landesschulrat Dr. Gustav Kohn und vieler Vorstandsmitglieder der israel. Kultusgemeinde Herrn Prof. Dr. Weiss das Wort zu seinem anderthalbstündigen Vortrage: „Hebräisch in der Mittelschule". Der ausgezeichnete Vortrag erregte, wie die lebhafte Teilnahme an der Diskussion zeigte, das grösste Interesse der Zuhörer. Es ergriffen das Wort Oberrabb. Dr. Güdemann, M. Paul-Schi ff, Landesschulrat Dr. Kohn, Prof. Dr. Grünfeld u. a. Der Vorsitzende erwiderte jedem der Redner und konstatirte, dass die Diskussion sich auf der Höhe des Vortrages gehalten habe und dass die Versammlung im Wesen mit dem Vortragenden übereinstimmte. Nach einem Schlussworte des Landesschulrates Dr. Gustav Kohn, worin er im Namen des Kultusvorstandes dem Verbände den Dank aussprach und erklärte, denselben jederzeit fördern und unterstützen zu wollen, schloss Rabbiner Dr. Feuchtwang den VI. Verbandstag. Der Landesausschuss und der Taufschein. Lemberg. Anfangs Jänner. (Orig. Korr.) Als ein beredtes Zeichen, wie offenkundig seitens der herrschenden Klassen in Galizien die Gleichberechtigung der Juden mit Füssen getreten wird, mag die jüngste Konkurs- Ausschreibung für eine Arztensstelle in Krakau seitens des galizischen Landes - Ausschusses beweisen. Die Frechheit geht nicht höher. Man nimmt sich nicht einmal die Mühe, das Gesetz wenigstens formell zu wahren und den Juden das Anstreben einer autonomen Stelle zu gestatten. Sofort bei Ausschreibung des Konkurses wird eine unerlässliche Bedingung hingestellt: der Taufschein. In schamloser Weise wird den Juden erklärt, dass sie wohl alle Landesumlagen zahlen mögen, ja auch ihr Wahlrecht für den Landtag ausüben dürfen, aber sie, die Schlachzizen und ihre demokratischen Lakaien sind doch die Herren, und vom Strassenkehrer bis zum Landesrat hinauf darf nur ein Christ im Landessolde stehen. Dabei gill der Herr Landmarschall persönlich als ganz moderner liberaler Herr und neben ihm sitzen im Landesausschusse auch ein Bürgerlicher und ein Ruthene, die für gewöhnlich auf demokratische Grundsätze schwören. Hoffentlich werden die Juden bei den bevorstehenden Landtagswahlen diesen letzten Affront des zurücktretenden Landesausschusses nicht vergessen und selbst bei den mündlichen Wahlen den Pressionen der Bezirkshauptleute gegenüber etwas mehr Nackensteifheit an den Tag legen. Rechtzeitig aber müssen sich die Juden auch vorsehen, dass sie der neugegründeten „Demokratischen Union" nicht auf den Leim gehen. Denn trotz ihres jüdischen Passus im Wahlaufrufe, worin den Juden die Verwirklichung der Gleichberechtigung nunmehr (warum erst jetzt?) in Aussicht gestellt wird, muss man sich vor den allpolnischen Hetzern, die an den fanatischen Chauvinismus der polnischen Städtebewohner appellieren, in acht nehmen. Diese galizischen »Schwarzen Hundertschaften", die auch vor Pogrom-