Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1908)
- Date
- 1908-01-17
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 „Neue National-Zeitung* Seite 5 Der Pogrom in Kieuh Ein Kolossalgemälde von Stanislaus v. Fabianski. (Ausgestellt im Wiener Kunstverein.) Grellfarbige Plakate erinnern seit einigen Tagen an die rassischen Schrecken. Stanislaus v. F a b i a n s k i, der polnische Maler, zeigt im Kunstverein sein Kolossalbild »Der Pogrom in Kiew". Das Bild wird dem Wiener Publikum als Attraktion geboten. Man weiss: Blut . . . Ein selbstverständliches Interesse. Und was die Wirkung erhöht: „Nach dem Leben aufgenommen* Es ist der freudenvolle Tag des Manifestes. Der Zar verkündet seinem Volke ein freieres Russland, mhige Tage. Es scheint, als wiche er der Volksmacht, dem Volkswillen. Alles atmet auf in dem weiten Russland. Ueberall Jabel und Hoffnung . . . Das Zimmer einer Judenfamilie. Was sofort in's Auge fällt: Das Manifest des Zaren. Es hängt recht sichtbar an der Wand, so dass es jedem in's Auge fällt . . . Das ist das Bild, die Allegorie des Bildes. Was sonst darauf im ersten Augenblicke erkennbar, sind Menschenkörper und Blut. Dort, an der Treppenstufe, liegt der Körper eines alten Mannes. Die Augen richten sich sehnsüchtig zur Türe, als suchten sie voll Sehnen den Ausweg ... Da hat ihn, noch ehe er den Ausgang erreichte, das mörderische Beil erreicht. Fast wäre es ihm gelungen . . . Neben ihm liegt der halbnackte Körper eines jugendfrischen Mädchens, mit Blut befleckt. Auch sie mag das Manifest zu neuer Hoffnung erweckt haben, nichts von Todesangst ist in ihrem Gesichte zu lesen, ergeben und unsagbar traurig blickt sie empor . . . Ein Frauenkörper, zertreten von dem Gestampfe der enteilenden Mörder: und noch eine Leiche... Aber alle überragt die Gestalt eines Greises, der aufrecht dasteht, mit einem Sammtkäppchen auf den silberweissen Haaren, und mit dem Talles umgetan ... Er steht da, alle überragend und überschauend — als würde er leben . . . Er wurde von einem Bajonett aufgespiesst . . . Niemand lebt in diesem Jadenhause und der Tod schwebt mit seinen grauen Schwingen durch die elende Judenhütte . . . Der Alte rief noch den alten Jadengott an, ehe er starb, sein letztes Wort ein „Sch'mi Jisroel ..." Und diese Stille des Zimmers der Toten beleuchtet kein Mondessehein. Durch das abgerissene Dach des Hauses zeigt sich ein wolkenschwerer Himmel, schwarze Wolkenfetzen jagen dahin . . . Eine verweilt über dem Hause . . . Eine schwarze, schwere Wolke . . . Sie hängt über diesem Hause und weicht nicht, wie sie von Rot- Russland nicht weichen will — die schwarze Wolke . . . Der graue Himmel . . . „Die Sterne, wo sind sie, mein Gott?! . . Hinter dem Hause wälzt der Dniepr seine blauen Fluten. Trostlose Melancholie liegt auf dem Wasser: stromaufwärts sieht man Schiffe langsam ihres Weges ziehen und in das Ganze klingt es herein, wie die Melodie zerrissener Saiten, wie banges Weinen eines Kindes . . . Nacht ist es; Nacht im Zimmer, vor dem Hause, überall — in Russland . . . Das weisse Papier des Manifestes hebt sich ab von der Dunkelheit und glänzt, wirft Schatten voraus, wie eine Verheissung . . . „Nach dem Leben aufgenommen . . ." Vor diesem Bilde stehend, wo ein grenzenloses Volksleid ungewollt und unbewusst einwirkt, möchte man verzweifeln. Dann aber entsinnt man sich, wie alles Leid und Elend nicht zu überdenken. Das hat kein Künstler geschaffen, der dieser oder jener Richtung angehört, diesem oder jenem Bund. Mich interessiert's auch nicht. Ich fühle wie mir aus diesem Jammergemälde der eiseskalte Hauch des Verderbens entgegenweht, ich finde in seinen Farben den Rythmus einer müden Melodie, das Klagelied eines unglücklichen Volkes. Ich sehe: auch das ist-- Leben! . . . Wozu die Frage? Die Kritikasterei? Längst wissen wir es, dass dies alles geschehen konnte, und wir haben aufgehört zu denken, wie lange noch? . . . Im Trubel der beleuchteten Kärntnerstrasse, im Gedränge mit einem eleganten Publikum, überlegt man noch immer, ob jedes Detail stimmt, ob das Ganze .wahr"? Greift zum Abendblatt und liest: Telegramme: Russland. . . . Die Teilnahme der Polizei an den Kiewer Pogroms wurde in dem Pogromprozesse festgestellt. Russland ist aktuell. Das Bild wird es nicht bleiben. Aber bleiben wird es als ein Dokument der Schande, als ein Ausschnitt aus dem „Leben" der Juden im Jahrhundert der Kultur und Humanität. Und es wird nach Jahren noch so tief wirken, wie heute ein neugefundenes Bild von Khnopf. Max Schacherl. fRPRReSPONDeNZCN (j ' Österreich-Ungarn. Aus dem niederösterreichischen Landtag. Wien, den 14. Jänner. (Orig. Korr). Die Sitzungen des Landtages gestalten sich sehr abwechslungsreich. Der gro>s-2 Pump der Herren Stadtväter bereitet bei der Wiener Gemütlichkeit trotz der ellenlangen Artikel der „Neuen Freien Presse" niemandem ernstliche Sorgen; er erregt auch keine heftigen Debatten, blos B i e 3 oh 1 a w e k und Genossen sorgen für erheiternde Momente. Aber auch der einzige Sozialdemokrat im Landtage, der Abgeordnete S e i t z, kann es nicht unterlassen, sich zu blamieren. In der Sitzung vom 13. d. M. kam es zu einem bezeichnenden Zwiegespräche zwischen Bielohlawek und Seitz. Ersterer rief dem Abgeordneten S ei t z zu: „Ohne die Juden wäret ihr keine zwei gewählt worden! . . " Abg. Seitz wies diese Konstatierung mit gut gemachter Entrüstung zurück, und glaubte die Tatsache am besten damit dementieren za könuen, dass er erklärte: „Wir haben mit den Juden nichts zu tun; wir geraten im Parlamente mit den Z i o n i s t e n wiederholt i n K o n f 1 i k t!" . . . Der Abg. Seitz wäre nicht der erste Sozialdemokrat, der mit so kühler Energie feststehenden Tatsachen widerspricht. Es ist ein eingefressenes Vorurteil, dass nicht auch Bielohlawek hie und da einmal etwas Vernünftiges sagen kann. Sein Zuruf hat jedenfalls bewirkt, dass man wieder einmal erkannte, wie undankbar die Sozialdemokraten ihren Wählern gegenüber sind. Vor der Wahl alarmieren sie die jüdische Bevölkerung, betteln um die Stimmen; einmal im Parlamente, — verleugnen sie unverfroren ihre Wähler. Es bedarf bloss eines Hinweises auf Galizien, um festzustellen, dass vor den Wahlen von einem „wiederholten Konflikt mit den Zionisten" nichts zu sehen war. Denn die zionistischen Stimmen waren in vielen Fällen für sie von entscheidender Bedeutung. Der Zeichenlehrer Prof. Albert Sturm, wurde an Stelle Gessmanns in den Landesausschuss gewählt. Man wird sich über das rasche Emporkommen des vor nicht zu langer Zeit noch in weitesten Kreisen unbekannten Gymnasialprofessors nicht mehr wundern, wenn man seine Tätigkeit als Parlamentarier in Betracht zieht. Als die Zierde der Partei, der unübertreffliche Ritualmordmechaniker Ernst Schneider, nicht mehr in den Reichsrat gewählt wurde, da glaubte man allgemein,