Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1908)
- Date
- 1908-01-17
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 3 Einhalt geboten. Professor Schechter's editio princeps der Fragmente von Ben Sira, von ihm entdeckt und zusammen mit seinem Freunde Dr. Taylor, Lehrer am St. Jolin's College, Cambridge, herausgegeben, hat bereits eine ganze Literatur über diesen interessanten Fund hervorgebracht. Aber der Ben Sira wurde, so wichtig es auch für die jüdische Wissenschaft ist, an Bedeutung noch von dem übrigen Inhalt der Genizah übertroffen, welchen Dr. Schlechter von der Gemeinde Cairo's in Anerkennung seiner Gelehrsamkeit und Hingebung für die jüdische Forschung zum Geschenk erhielt, als er diese Stadt besuchte, um den Inhalt des ,.Schlupfwinkels" zu erforschen; er bildet jetzt eines der geschätztesten Kleinodien der Cambridger Universitäts-Bibliothek. Da sich Dr. S c h e c h t e r für die Wiederherstellung der Überreste jüdischer Literatur interessierte, so ließ er doch niemals ihre Beziehungen zum Leben, zum jüdischen Leben und Geiste außer Auge Hier reicht er den großen jüdischen Denkern der Vergangenheit die Hand, Männern vom Schlage eines Zunz, Luzzatto und sogar größerer Namen aus dem Mittelalter. Außer dem idealen Leben in der jüdischen Vergangenheit, hat er ein außerordentlich abwechslungsreiches Leben in der Gegenwart gelebt. Am 7. Dezember 1847 in Foscani in Rumänien geboren, führte er dort das Dasein des „Jllea oder hoffnungsvollen Talmudschülers, bis er die intellektuellen Anforderungen eines rumänischen Dorfes überholt hatte und nach Wien ging, um die wissenschaftliche Methode kennen zu lernen, und das große Material jüdischer Wissenschaft das er er in seinen Knabenjahren erworben, zu verwerten. In Wien lernte er unter Weiß und Friedmann die scholastische Methode, Texte zu behandeln, wovon er später ein so brillantes Beispiel in seinem „Pirke von R. Nathan" gab. Er ging nach Berlin, wo er unter Prof. Levy arbeitete. Um das Jahr 1883 hat ihn Claude G. Montefiore, der den wichtigen Einfluß, welchen ein Scholastiker von der Art Dr. Schechter's auf den im Aufsteigen begriffenen jüdischen Intellekt des britischen Königreiches ausüben könne, erkannt hat, nach London berufen. Während der 20 Jahre seines Aufenthaltes in England bildete Dr. Schechter den Mittelpunkt jener jungen, jüdischen Geister, welche an den Universitäten und anderswo sich mit den höheren Interessen des Judentums beschäftigten. Seine Bedeutung wurde sowohl inals auch außerhalb der jüdischen Gemeinde Englands anerkannt. Zum rabbinischen Korrektor an der Universität von Cambridge ernannt, erhielt er bald den Grad eines Doktors der Literatur für seine Arbeiten und nicht nur honoris causa. Die Universität- College in London ernannte ihn hierauf zum Professor des Hebräischen. Schechter schrieb mehrere reife und lichte Lebensbilder über große jüdische Persönlichkeiten der Vergangenheit, welche später in seinen r Studien im Judentum" gesammelt wurden. Diese sind in der jüdischen Literatur wegen ihrer tiefen Einsicht in menschliche Charaktere von außerordentlich verschiedenartigen Anlagen und Fähigkeiten ohne Parallele, Dr. Schechter zeigte, daß er imstande sei, in die innerste Seele von Menschen so verschiedener Typen wie Nachmanides des Mystikers, Elijah Wilna's des Gelehrten und Nachman Krochmal, des einsamen Denkers. Ich habe mir Dr. S c h e c h t e r's bedeutendste Leistung für den Schluß aufgehoben : eine Serie von Studien über rabbinische Theologie, von welcher ein Teil in der ..Jewish Quarteriy Review ' erschienen ist, während sich das Ganze jetzt in Druck befindet. Hier wurde Dr. Sc hechtet's große Kenntnis des jüdischen Lebens und seine ausgedehnte Beherrschung der jüdischen Literatur mit seiner leidenschaftlichen Liebe der jüdischen Ideale vereint. All das, in lebensvollem und bilderreichem Stil ausgesprochen, hat der theologischen Welt bereits den neuen Gedanken gebracht, daß das Judentum noch eine lebende Kraft in Millionen jüdischer Herzen sei und daß die Theoiogie im Allgemeinen von Dr. Schechter's Darbietungen viel zu lernen und zu verlernen hat. Gerade weil sie nicht lobrednerisch geschrieben sind, stellen sie die jüdischen Ideale für die Außenwelt in ein viel angenehmeres Licht als es bisher jemals geschehen ist und haben sogar in der unvollständigen Form, welche sie in der Jewish Quarterly Review erhielten, einen tiefen Einfluß auf die Haltung der christlichen Theologie gegenüber der Synagoge ausgeübt. Es ist angemessen, hier noch zu sagen, daß der Eindruck, welchen diese theologischen Studien sowohl auf die allgemeine als auch auf die jüdische theologische Welt gemacht hat, zum großen Teil Dr. S c h e c h t e r's großer Belesenheit über andere als jüdische oder theologische Gegenstände zuzuschreiben ist. Ich habe vielleicht genug gesagt, um darzulegen, warum Prof Schechter's Freunde — er kennt die Kunst, überall Freunde zu gewinnen, wohin immer er geht — ihn mit ebenso viel Verehrung als Liebe betrachten und einen immer wachsenden Kreis von Lesern und Bewunderern für jene Werke voraussehen, welche dem großen Publikum zugänglich sind. Ganz von seinen Arbeiten abgesehen, hat seine Persönlichkeit auf seine Zeitgenossen einen tiefen Eindruck gemacht. Er gehört zum Typus jener Männer, welche dursh ihre ausgedehnten Interessen im Leben und ihre humane Art, die dunkelsten Fragen mit den lebenden Tatsachen menschlicher Interessen in Verbindung zu bringen, den Eindruck der Meisterschaft erwecken. Dr. Schechter hat eine Meinung von sich selbst und er kennt seine eigene Meinung, Eigenschaften, welche keineswegs so häufig vorkommen, als man denken könnte. Mit der Kraft begabt, seine Gefühle und sogar seine Vorurteile — und er ist stolz auf sene Vorurteile — in lebensvoller und bilderreicher Phraseologie auszudrücken, ist seine Konversation ein fortwährender Genuß. Keine Schilderung von Dr. S c h e c h t e r's Einfluß, sogar aut scholastischem Gebiete wäre vollständig, welche nicht das große Herz hinter dem Verstände erkennen würde, das dem geschriebenen Worte die bewegliche Kraft verleiht. Der loyalste Freund, hat er Männer der verschiedensten Meinungen, sowohl der jüdischen als auch der allgemeinen Gesellschaft Englands und Amerikas an sich gezogen. Ich erinnere mich, daß sein Haus in Cambridge das Rendez-vous all' dessen war, was sich iu den verschiedenen christlichen Secten, die an der Universität vertreten erschienen, am ineisten auszeichnete, und hier in Amerika wird er von Männern der verschiedensten theologischen Stellung als Meister und vor allem — als Freund um Rat befragt. Sogar sein Verhältnis zu den Studenten des Seminars ist mehr das eines älteren Bruders als eines Vorgesetzten. Dr. Schechter nimmt solcherweise als Denker, als Persönlichkeit, als Sprecher und als lebender Einfluß eine einzigartige und führende Stellung unter den jüdischen Gelehrten der Welt ein. Noch eine andere Seite seiner Tätigkeit ist seine Stellung als Präsident des jüdisch-theologischen Seminars von Amerika, allein es würde mir,fals Kollegen nicht anstehen, dabei des Längeren zu verweilen. }ch will nur andeuten, daß er administrative und disziplinarische Kräfte gezeigt hat, welche seinen besten Freunden als Ueberraschung kamen und ich möchte nur die Tatsache verzeichnen, daß Während der fünf Jahre seiner Administration die Anzahl seiner Schüler in dem Seminar auf das Vierfache gestiegen ist, und daß er sich gezwungen sieht, so viele neue Kandidaten von der Zulassung abzuweisen als ihm möglich ist. Und mit all' dem ist er nur 60 Jahre jung und hat, wie wir alle hoffen, noch viele, viele Jahre segensreicher Tätigkeit als Forscher vor sich. (..American Hebrew'.) Unsere P. T. Abonnenten werden um gefl. Zusendung der Pränumerationsgebühr anlässlich des Quartalswechsels mittels der ihnen zngehenden Erlagscheine ersucht. Die Administration.