Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1908)
- Date
- 1908-01-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 3 „ Neue National-Zeitung" Seite 3 JOS. JACOBS (New-York). Professor Salomon Sd)ed)ter. Am 7. Dezember 1907 vollendete Dr. Schechter sein 60. Lebensjahr und die Gelegenheit ist angemessen, seinen wissenschaftlichen Errungenschaften und seiner Stellung in der Welt jüdischer Gelehrsamkeit eine Würdigung angedeihen zu lassen. Wenn ich es wage, von den Daten meines Freundes auf einem Wissensgebiete zu sprechen, in welchem ich persönlich nicht die Autorität eines Sachverständigen beanspruchen darf, so geschieht dies, weil ich in dem Vierteljahrhundert, währenddessen ich seine Laufbahn mit immer steigender Bewunderung beobachtet habe, häufig Gelegenheit fand, die Meinung der größten europäischen und amerikanischen Gelehrten, Juden und anderer, über den Charakter und Bedeutung seiner Werke zu hören. Alle stimmten darin überein, daß Dr. Schechter heute zu den drei oder vier der führenden jüdischen Gelehrten der Gegenwart zählt. Seine Stellung in der Welt der rein jüdischen Wissenschaft wurde mit einem Schlage durch das erste Werk, das er veröffentlichte, seine Ausgabe des „Aboth von R. Nathan* geschaffen, welche noch immer als Musterausgabe rabbinischer Texte gilt. Hier wurde zum ersten und beinahe einzigen Male das ganze handschriftliche und gedruckte Material, welches mit der Erläuterung eines rabbinischen Textes in Beziehung stehen konnte, für seine Erklärung mit demselben Grade von Gründlichkeit und Genauigkeit verwertet, welche Gelehrte gewöhnlich auf anderen Feldern philosophischer Tätigkeit zu entfalten pflegen. Mit anderen Worten: Dr. Schechter gab dieses Werk nach derselben Methode heraus, nach welcher Jebb eine Tragödie des Sophokles, Lightfort eine Ignatius-Epistel oder Frazer seinen Pausanias herausgeben würde. Die Wichtigkeit eines reinen Textes kann nur von Sachverständigen gewürdigt werden, aber es leuchtet auch dem Laien ein, wie irreführend ein Dokument sein kann, wenn es Druckfehler und Anmerkungen enthält, die ihm einen volllkommen verschiedenen Charakter verleihen. Ehe nicht die gesamte jüdische Literatur auf ähnlicher Grundlage wie die Ausgaben Dr. Schechters wiederherausgegeben wird, kann man niemals sicher sein, ob man nicht einen verdorbenen Text zitiert und irrige Folgerungen daraus zieht. Dr. Schechter hat seither ähnliche Vorbilder in seiner Ausgabe eines der kleinen Midraschim, „Agadath Shir Ha-sharim" gegeben, welche das ganze Material zur Herstellung eines reinen Textes enthält, und im ersten Band des großen Midrasch der von der „Cambridge University Press" publiziert wurde und auch der Midrasch-Literatur ein enormes, unveröffentlichtes Material hinzufügt. In Kürze, Dr. Schechter muß in der Geschichte rabbinistischer Gelehrsamkeit endgiltig den gleichen Rang einnehmen, wie Bentley in der klassischen. Auch er gab nur ein paar Werke heraus, aber er brachte die Methode, durch welche ein Heer von Nachfolgern die griechischen und lateinischen Klassiker von den Irrtümern befreite. Die Eigenschaften, welche solche Taten erfordern, sind ebenso mannigfaltig als selten. Außer einer gründlichen Vertrautheit mit hebräischen und aramäischen Sprachen in ihren verschiedenen Entwicklungen ist ein kühles, kritisches Urteil, auf tiefer Kenntnis der rabbinischen Denkmethoden basierend, und eine vollständige Beherrschung der rabbinischen Literatur PROFESSOR SALOMON SCHECHTER in ihrer ganzen Ausdehnung und ihren verschiedenen Zweigen notwendig. Dr. Schechter steht, was den Umfang seiner Kenntnisse in dieser Literatur anbelangt, geradezu einzig da. Er weiß nicht nur die ganzen Ipsissima verba der Bibel und des Talmud tatsächlich frei aus dem Gedächtnisse, sondern er beherrscht auch die ganze immense Midrasch-Literatur, hat die Hauptphilosophen gelesen, ist mit den unverständlichsten Abhandlungen der Cabbalisten und Chassidini vertraut, weiß die Coden und die Poskim und deren Gegenliteratur, gerade als ob er jeden Tag gesetzliche Fälle zu entscheiden hätte, und außerdem tauchte er in die Tiefen der großen, vielgestalteten polemischen Literatur der Juden bis zu den geonischen Zeiten, aus denen er gerade diejenigen Stellen hervorhebt, welche anscheinend von Nutzen für die Menschheit sind. Die Folge davon ist, daß keine Situation im jüdischen Leben und Denken existiert, über welche er nicht die genaueste und eigenartigste Information gebrauchsfertig aufgestapelt hätte. Ich erinnere mich eines eigentümlichen Beispieles dieser Art, welches sich vor drei oder vier Jahren ereignete. Ich hatte zufällig seine Aufmerksamkeit auf die Diskussion gelenkt, welche über das Geschlecht der Engel im Zusammenhang mit Borghums Skulpturen in der neuen St. Johns Cathedrale abgehalten wurde und er verwies mich sofort auf ein paar hebräische Abhandlungen aus dem 18. Jahrhundert, in welchem die Sache vom jüdischen Gesichtspunkte erörtert wurde. Diese ausgebreitete und minutiöse Beherrschung der jüdischen Literatur in ihrer ganzen Ausdehnung war es auch, die zur Entdeckung führte, durch welche sein Name sowohl der allgemeinen als auch der jüdischen OeffentWchkeit so bekannt wurde; zur Entdeckung des hebräischen Originals des unechten Buches von Ben Sira in der Geniza von Cairo- Ich habe an anderer Stelle (Fortnightly Review 1899) die wunderbare Forschergeschichte erzählt, welche durch einen kleinen und beinahe unleserlichen Streifen hebräischer Schrift zur Entdeckung des hebräischen Originals eines Werkes führte, welches in der christlichen Welt ein wirklicher Teil der Bibel ist und in der hebräischen Wissenschaft die Lücke zwischen Bibel und Mischna ausfüllt. Solche Ereignisse sind nicht auf bloßen Zufall zurückzuführen. Dr. Schechter hat vorher hunderte Papierstreifen ähnlichen Charakters und gleicher Provenienz durchgesehen, welche von dem Bodleian in Oxford erworben wurden und mit unfehlbarem Instinkt ihren Charakter und ihre Quelle festgestellt. Es ist in der Gelehrtenwelt kein Geheimnis, daß viele derartiger Identifizierungen, welche sich im zweiten Bande des Bodleian Katalogs vorfinden, in erster Linie Dr. S c h e c h t e r zu verdanken sind. Seine Auffindung der Stelle von Ben Sira war daher die Culmination ähnlicher Arbeiten über weniger bekannte Texte der hebräischen Literatur, welche bestimmt sind, den Annalen des hebräischen Studiums ein vollständig neues Kapitel anzureihen. Es ist hier nicht der Raum, über den Einfluß dieser Entdeckung auf die Annahme der höheren Kritik zu sprechen, aber daß die Zitate aus den Psalmen, welche die höheren Kritiker den Makkabäerzeiten zugeschrieben hatten, in dem hebräischen Texte von Ben Sira hundert Jahre früher erschienen, hat den wilden Hypothesen der höheren Kritiker sicherlich