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Neue Nationalzeitung · 1908-01-17 · Heft 3 (17.1.1908) · p. Seite 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 3 (17.1.1908)
Date
1908-01-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 3 sehr günstig. Es prosperierte materiell und Goldfaden war im Stande, alle Schwierigkeiten, die mit der Schaffung eines Repertoires und mit der Heranbildung von Künstlern verbunden waren, zu überwinden. Die Tiieaterstücke schrieb er alle selbst und die Schauspieler hat er unter Opfern an Zeit und Geld aus den untersten Volksschichten herangezogen. Seitdem ist das jüdische Theater gesichert. Es hat nicht nur in den grösseren Städten Russlands, sondern auch in Oesterreich, England und Amerika lesten Fuss gefasst. Es ist heute die Quelle der Unterhaltung und Belehrung für die breitesten Volksschichten, es ist gleichzeitig ein Kulturfaktor und eine Bildungsstätte im eminenten Grade. Aber Reichtümer hat sich Goldfaden dabei nicht geschaffen. Er schlug kaum sein trockenes Brot heraus und musste dazu noch wandern, durch die Zentren des jüdischen Proletariats, unverstanden und verkannt vom jüdischen Bürgerstande und vom offiziellen Judentum. Er teilt das Schicksal aller jüdischen Geister, die eine innere Mission treibt, ihr Leben auf dem Altare ihres Volkes darzubringen. Abraham Goldfaden, der seinem Volke alles gegeben und alles geopfert hat, darf Anspruch erheben, vom ganzen jüdischen Volk* anerkannt und verehrt zu werden. L. Der ungarische Judentag» (Von unserem Korrespondenten.) Budapest, den 10. Jänner. Der langjährige Kampf zwischen orthodoxen und neologen Juden ist wieder einmal recht laut und lebhaft geworden. Während sich die zwei »Parteien* die längste Zeit ausserhalb der grossen Öffentlichkeit befehdeten, ist der Streit momentan so weit gediehen, dass ganz U igarn dem seltenen Schauspiel zusehen darf. Der unmittelbare Anlass dieser unerquicklichen Streitereien, wir die seitens der neologen Landeskanzlei in Aussicht genommene Veranstaltung eines Judentages füc Ungarn. Die offiziellen Vertreter der Orthodoxen leimten eine Teilnahme an diesem Judentage mit der prinzipiellen Begründung ab, dass die „Neologen nicht als Repräsentanten des Judentums angesehen werden können." Von ihrem Standpunkte aus, meinen dies aber die Neologen ebenso von den Orthodoxen, und so setzte eine heftige Pressfehde ein, die sich aber nicht allein auf die jüdischen Blätter beschränkte, sondern auch auf den „Budapesti Hirlap" und auf den, neuerlich wieder mit den Juden kokettierenden „Magyar Szö" übergriff. Der Streit beginnt schon zu einem Amüsement zu werden. Einen Tag lassen die Orthodoxen verlautbaren, die Regierung sei ganz auf ihrer Seite; tagsdarauf schreien die Neologen, „ein leitender Staatsmann" habe sici für sie erklärt. Und in diesem kleinlichen Gezänke muss die Idee einer imposanten Versammlung ungarischer Juden zugrunde gehen. Der Judentag ist geschlossen, noch ehe er eröffnet wurde . . . Die Fragen, die auf dem Judentag behandelt werden sollten, zeigen kein hohes Niveau. Diese Fragen wären, wie der Präsident der neologen Landeskanzlei, Dr. Moritz Mezei, erklärt, die folgenden gewesen: 1. Die Durchführung des XX. Gesetzartikels 1848, natürlich auch gegenüber der israelitischen Konfession., 2. Die richtige Djtationsbestimmung für die israelitische Konfession. 3 Die Sicherung der konfessionellen Autonomie und die Reform\tion ihrer Organisation, was nicht ausschliesst, dass die Organisation auf eine solche dezentralisierte Basis gestellt werde, in deren Rahmen gemeinsam zwei gleichberechtigte Repräsentations-Köiperschaften wirken können . . .fc Das ist alles, was die Führer der ungarischen Juden auf einem Judentage vorzubringen haben. Die Orthodoxen bejubaln diese Erklärung als ein Zeichen des Rückzuges. Sie wollen sich des Friedens erfreuen. Es kann aber nicht wundernehmen, wenn die Regierung dieser Zänkereien endlich wirklich überdrüssig wird, und Graf Apponyi seine Drohung, „Orthodoxe und Neologe mit Gewalt zusammenzubringen" wahr machen sollte. Denn in keinem anderen Staate der Erde wären derlei Streitereien in solchem Masse möglich. Die Orthodoxen stützen sich auf ihre staatliche Autonomie; die Neologen auf die ihrige. Die offiziellen, vom Staate anerkannten Vertretungen der zwei Richtungen, sind die Landeskanzleien. Es sind also zwei Körperschaften; aber nicht ein Forum . .. Darin liegt die prinzipielle Seite der Frage. Beide Köiperschidten sind verstrickt in die enggezogenen Grenzen ihrer konfessionellen Tätigkeit. Beide Richtungen bemühen sich, der ungarischen Regierung ihren magyarischen Patriotismus recht überzeugend vorzubringen. Orthodox und neolog — alles kernmagyarisch. Man überbietet sich im dümmsten Chauvinismus, und im servilen „Eljen!"-Geschrei vergisst man das Judentum. Den derzeitigen Machthabern in Ungarn kommt dies wohl zustatten. Ihnen sagt dieser Streit zu. Denn solange sich die Würde und die Macht der ungarischen Juden in konfessionellen Streitereien äussert, haben K o s s u t h Ferencz und Konsorten nichts zu fürchten. Deshalb befolgt der schlaue Grat Apponyi die Politik, abwechselnd dem einen und dem anderen Recht zu geben, um so die Verwirrung zu erhöhen. Man lenkt die Juden von ihren eigenen Volksfragen ab, um sie für die „Koalition" zu begeistern. Deshalb ist auch mit Sicherheit anzunehmen, dass der Zustand derselbe bleiben wird. Apponyi wird nichts mit Gewalt unternehmen. Das momentane Verhältnis der Juden zur Regierung ist für letztere profitabler. Solange es an jüdischem Selbstbewusstsein fehlt, werden die ungarischen Juden nach wie vor als waschechte Magyaren die Stützen einer Regierung bilden, die ein verhülltes antisemitisches System propagiert, und sich erst dann der Judenfrage erinnert, wenn es gilt, die religiösen Spaltungen innerhalb des jüdischen Volkes in Ungarn für eigene Zwecke — aufrecht zu erhalten . . . Wird der geplante Judentag dennoch stattfinden? ... Man weiss darüber in den sonst gut informierten Kreisen noch immer nichts. Wenn aber die Grundlage seiner Beratungen nichts anderes sein sollte als ein Debattieren der religiösen Gegensätze, so leisten wir selbstbewussten Juden Ungarns darauf gerne Verzicht. Wenn dieser Judentag trotz der heutigen Gegensätze und der ablehnenden Haltung der Orthodoxen dennoch zusammentritt, dann wünschen wirs dass er nicht von jenem Geiste des Ghettos und einer engherzigen Killepolitik beseelt sein möge! Der Frankfurter Tag der deutschen Juden sei ihm vorbildlich, und alle sozialen Fragen der ungarischen Juden mögen Behandlung erfahren. In Ungarn meldet sich der Antisemitismus täglich lauter, er findet in den Kreisen der oberungarischen Bauern lebhaften Anklang. Die jüdische Jugend folgt dem Zuge ihrer Zeit und sprengt die Fesseln eines engherzigen Israelitismus, um den Weg zum Judentum zu finden. Wir wollen die Wichtigkeit religiöser Fragen keineswegs verkennen, wir begreifen auch den Gegensatz der zwei Richtungen. Aber unüberbrückbar erscheint er uns nicht. Denn von beiden Anschauungen führt eine Brücke zur Gemeinschaft des jüdischen Volkes. Daran mögen die Veranstalter des Judentages denken. Dr. S.

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