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Neue Nationalzeitung · 1908-01-17 · Heft 3 (17.1.1908) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 3 (17.1.1908)
Date
1908-01-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NKJ5 s^iOS/L-CEiCüNG X. JAHRGANG. JÜDläCRPOUCISCRE WOCR5NSCRR1FC fi&RRUSGSBBK*. OrS.^LNNÖ^U:: Nr. 3. WIEN, 17. JÄNNER 1908. Hm Grabe eines Uolk$did)ter$. Am vorletzten Donnerstag standen Hunderttausend Menschen am offenen Grabe Abraham Goldfadens in New-York, unheimlich zusammengedrängt und von dem heissen Wunsche erfüllt, den Sarg zu berühren- Die Tagesblätter registrierten trocken die Nachricht. Aber wer dieser Abraham Goldfaden ist, was er jenen Hunderttausend Menschen war, die mit Lebensgefahr seinem Sargtuche nahten, das verschweigen sie, das wissen sie nicht. Wäre Goldfaden der geistige Heros auch nur des kleinsten Balkan- oder nordischen Staates, die grossen Blätter, deren Leserkreise sich zumeist aus Israeliten rekrutieren, hätten ihm prompt eine Anweisung auf den Unsterblichkeitstitel ausgestellt .... Es gibt aber nicht nur Zeitungen, es gibt viele Tausende gebildeter Juden, die die Todesnachricht, kalt liess, weil sie diesen Namen zum erstenmal hörten. Der Name eines Possendichters oder Operettensängers ist ihnen gewiss nicht entgangen. Ihnen allen gelten nicht diese Zeilen. Sie wenden sich vielmehr an die Freunde und Anhänger Goldfadens, die auf der ganzen Weltkugel zerstreut sind, die beim Namen Goldfaden authorchen, und von weiter, weiter Ferne seltsame Töne, Worte und Melodien vernehmen. Das jüdische Volkstheater ist es, das in unserer Phantasie wach wird, mit all den Bildern aus unserer Vergangenheit, die es auf die Bühne gezaubert hat, mit all den Volkstypen, die es der Zukunft überliefert hat. Wir empfinden es, was das jüdische Volk an Goldfaden verliert, denn wir wissen, was er für das Volk geleistet hat. Und so finden wir es erklärlich, dass in jenem Millionenzentrum des jüdischen Volkes eine grosse Trauer und eine tiefe Wehmut alles erfasste, als die sterblichen Ueberreste dieses Volksmannes in dieErde gebettetwurden. So gestaltete sich die stumme Begleitung zu einer lauten, ja stürmischen Demonstration für den Verstorbenen. Es war dies der Dank, der einzige Dank für ein Leben voll Kummer und Sorgen, voll Arbeit und Entbehrung — der Dank des jüdischen Proletarier- Volkes an seinen Proletarierdichter .... Worin bestand hauptsächlich die Bedeutung Goldfadens? In seinem Volksempfinden. Er schrieb zuerst Gedichte, vornehmlich lyrischer Art, worin er bald wehmütig, bald sarkastisch alle die Leiden und Verfolgungen schilderte, denen unser Volk ausgesetzt war. (»Das Jüdel", „Das Jüdel-Semit", „Die Haman-Tasch' mit Mohn', „ Waniuscha-ben Jischa" u. s. w.). Und bald erscholl wieder aus seinen Liedern der Ruf nach dem Wiederaufstehen unseres Volkes .... In der Ballade „Das verirrte Schiff" schwingt er sich empor zur wahren Grösse eines Volksführers. Seine poetische Kraft reisst uns fort; wir sehen ihn vor uns, wie er durch Nacht und Nebel von der Kommandobrücke seinem Volke zuruft: „Dorthin, dort, nach dem Süden . . . / Das Volk, es hat ihn verstanden; die Lieder Goldfadens sind zu einem Gemeingut der jüdischen Volksmassen geworden — vom Ural bis St. Francisko und von Petersburg bis an den Jordan. Das Hauptverdienst Goldfadens um das jüdische Volk, um seine geistige und kulturelle Hebung liegt aber erst in der Schaffung des jüdischen Volkstheaters. Der ehemalige Zögling der Rabbinerschule in Zytomir und spätere Kaufmann in Odessa hat eine breitere Basis gesucht, um die Volksmassen aus ihrer Lethargie, aus ihrem Indifferentismus zu erwecken. Er wandte sich der Publizistik zu. Zuerst gründete er (1875) gemeinsam mit dem Novellisten Linecki ein humoristisches Blatt „Isrulik" in Lemberg, dann gab er allein das „Volksblatt* in Czernowitz (1877) heraus. Beide Unternehmungen misslangen, da ihnen die russische Zensur den Eintritt verwehrte. Goldfaden fasste den Entschluss, ein jüdisches Theater in Bukarest zu errichten. Der Versuch gelang. Die finanzielle Hochkonjunktur, die in dieser Stadt während des russischtürkischen Krieges herrschte, war dem Unternehmen

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