Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1908)
- Date
- 1908-01-10
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 11 W. DALECKA. 3n der Sdjneider-lüerkstatt. (Deutsch von S. H o r o w i t z.) (1. Fortsetzung.) Statt des Flennens, des Geschrei's und des Getrampels mit den Füssen, Hess sich jetzt von allenthalb das Atmen der Schlafenden vernehmen, manchmal von einem leisen, schlaftrunkenen Aufschluchzen unterbrochen. Am schwierigsten hielt es, Riwke hinzulegen. Der mit grosser Anstrengung von dem Bruder erbeutete Teil des hochroten Aermels erfüllte sie mit solch einem Stolz und Entzücken, dass sie sich weder vom Schlaf noch von einer Rückgabe der Beute etwas sagen liess. Sie presste das Fähnchen mit den Händen an die halbentbiösste gelbliche Brust und mit einem energischen Lamentieren protestierte sie gegen jeglichen Versuch der Matter, sie zum Bett zu führen. Anfangs schrie Malke nicht weniger als die Kleine, versuchte sogar Gewalt anzuwenden, als dies aber nicht half, und der geschmeidige Kinderleib sich wie ein Aal in ihren Händen wand, gab sie ihr Ruhe und verfiel in eine jähe Zärtlichkeit und begann sie in leidenschaftlichen Umarmungen beinahe zu ersticken. Dann wandte sie sich an den Mann und erzählte in lebhaften Worten, was für ein gescheites Kind dies sei, das klügste von all ihren Kindern, ja, das klügste auf dem ganzen Erdenrund. Unterdessen näherte sich das Kind dem Vater, lehnte sieh an seine Knie und das kastanienbraune Köpfchen emporrichtend, heftete sie den intelligenten Blick auf's Gesicht der Mutter. Ciiaim hörte die Erzählung der Frau an und fühlte auf seinem Knie die weiche Berührung des kindlichen Körpers. Sein Gesicht hellte sich auf und der Mund bekam den Ausdruck eines seligen Lächelns. Er riss die Augen von der' Arbeit los und blickte auf's Kind. Dieses, das Köpfchen zurückbeugend, schlug zu ihm die himmelblauen, im Lampenschein wie Brillanten glänzenden Augen auf. Es schaute den Vater forschend an und ihre ganze, ihrer Gelüste bewusste Gestalt schien zu sagen: ich werde nicht zurückgeben! Ghaim konnte nicht weiter an sich halten: seine Hand tauchte in's bunte Haargelocke des Mägdeleins, er beugte sich und küsste ihre gerötete Wange. — Nu, nimm es dir, ich werde es dir nicht abnehmen. Das bezog sich auf jenen Stoffschnitzel, das das Kind fortwährend an die Brust drückte. Das wollte die Kleine nur haben. Sie machte kehrt und mit den blossen Füssen über den Fussboden trippelnd, eilte sie mit ihrem Schatz sich hinter den Ofen zu verstecken. Mittlerweile setzte Malke sich neben den Mann und begann die Stückchen und Abfälle der beendenden Arbeit durchzustöbern. — Chaim — liess sie sich gedehnt vernehmen. — Nu? — Wäre von alldem nicht ein halbes Kleidchen für Riwke? Er schüttelte das Haupt verneinend. — Chaim — liess sie sich nach einer Weile wieder vernehmen — und wenn man ihr von diesen Stückchen ein halbes Kleidchen aufnähte, wäre es fein — sie schnalzte mit der Zunge und bog den Kopf zur Seite. — Es geht nicht — antwortete Ghaim langsam. — Pst! Pst! — schnalzte Malke neuerdings — was für Kleidchen das wäre, was für rares Kleidchen! Man könnte es selbst am Sabbath tragen, und wie hübsch Riwke darin wäre. Ghaim schwieg schon. — I *h werde nicht viel nehmen : diese zwei Reste : braucht sie denn viel? Sind diese Schnitzel denn Gold V Siehst Du, noch diese! Und das Stückchen, das sie selbst genommen — oh, was für gescheites Kind das ist — und alles wird sein. Du brauchst ja das nicht mehr. Nu, Chaim, ich nehme, — Jörn wird schreien — lässt Ghaim sich halblaut vernehmen. — Warum soll sie schreien! — sprudelt Malke hervor, mit den Augen funkelnd. — Wozu braucht sie das? Wird sie davon ein zweites Kleid haben? Ist sie denn keine Dame? Wird es bei ihr nicht jahrelang liegen? Bei ihr kann es liegen und faulen und die arme Riwke wird nackt herumgehen. Dieses Lamentieren klang wie verzweifelt und Ghaim schwieg schon und nähte wie stumm und taub fleissig; seine Lippen bekamen solch einen Ausdruck, wie irgend eines Leidvs, einer Bitterkeit. Nachdem Malke zu Ende geschrien, blinzelte sie auf ihren Mann, nahm die ausgesuchten Stücke, wickelte sie zusammen und sie mit sich nehmend, zog sie sich nach dem Hintergründe der Stube zurück. Eine geraume Weile herrschte eine Stille, in welcher nur das Plätschern des Wassers in der Balie und da? Geklapper der knatternden Maschine sich vernehmen liess. Leisers Stimme unterbrach auf einmal dieses Schweigen. — Täte, ich bin schon fertig — liess sich die Stimme langsam und leise vernehmen. — Gib her — entgegnete der Vater, ohne die Augen aufzuschlagen. Seit Leiser neben ihm Platz genommen hatte, vermied Ghaim es nach dieser Seite hinzublicken. Der Bursche überreichte die Arbeit und in Erwartung weiterer Weisungen erlaubte er sich eine gerade Stellung anzunehmen. Es schien, als sei er plötzlich gewachsen, so verstand es diese dürre Gestalt, sich über der Arbeit zusammenzukauern. Denn dürr war sie! Ein wahrer Heuhalm. Es war nur zu verwundern, wie solch ein elender Brustkasten alle Organe zu fassen vermochte. Er bog sich zurück, bog die scharf hervorstehenden Arme ein und stöhnte jäh dumpf auf, wie ein glühendes Eisen durchbohrte ihn ein Schmerz. Kr hob beide Hände zur Brust und kauerte hastig wiederum nieder. Auch jetzt wandte der Vater ihm keinen Blick zu, nur die Nadel bewegte sich lebhafter zwischen den Fingern. Nach einer Weile übergab er dem Sohn die zugerichtete Arbeit. Leiser nahm sie schweigend entgegen, beugte sich und begann einen langen Faden hoch über's Haupt zu ziehen. In der Stube herrschte wieder Schweigen. Das Lämpchen, das letzte Petroleum autsaugend, blakte, die Luft wurde stickig, das Dunkel wird immer dichter. Ghaim's Hand geriet in eine immer raschere Bewegung und durch die dunkle Haut seiner Wangen begann eine Ziegelröte zu dringen. — Wird's gleich sein? — fragt er Leiser von Zeit zu Zeit. — Gleich! — antwortete der Junge gedehnt und langsam. Und wie diesen Worten zum Trotz, wurde