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Neue Nationalzeitung · 1908-01-10 · Heft 2 (10.1.1908) · p. Seite 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 2 (10.1.1908)
Date
1908-01-10
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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»Neue National-Zeitung" er immer langsamer; die Nadel veränderte unmerklich das Tempo ihrer Bewegungen — es schien, als erstarren seine Finger. Im schwachen Schein der zu Ende brennenden Lampe nahm sein Gesicht wiederum das Aussehen eines Mondes an und unter den gesenkten Lidern schauten große, traurige, müde Augen hervor. — Wird's gleich sein? — fragte Ghaim wieder. Leiser öffnete den Mund, aber statt des gewöhnlichen „gleich* — entsteigt ihm ein widerholtes, kurze?, tiefes Husten. Ghaim senkte tierer das Haupt. Jetzt gibt es weder Fragen, noch Antworten; es herrscht Stille, von Zeit zu Zeit nur von einem kurzen, dumpfen Husten unterbrochen. Endlich! Ghaim steht so rasch vom Stuhl auf, als hätte er eine langsame Bewegung gehabt. Er legt die fertig gewordene Arbeit in einen grossen Laken, zieht sich einen wattierten Paletot an, setzt aut's Hauskäppchen eine alte Mütze und ist zum Ausgel en bereit. Leiserek begleitet immer den Vater; Ghaim lässt ihn zwar nicht das manchmal schwere Bündel tragen, aber beim Läuten an der Tür, während man die Treppe emporsteigt, nimmt Leiser es vom Vater, denn es geht nicht, dass der Schneider selbst die Arbeit nach Haus trage, und überdies kann der Junge auch ein Trinkgeld bekommen. Sie gehen rasch durch die schwach beleuchteten Strassen des Städtchens. Der Schnee knistert unter den Füssen und es herrscht ein grimmiger Frost; die Dächer und Strassen funkeln von Schneebrillanten. Und über ihnen, über den Häuserzeilen, wölbt sich die Himmelsbläue voll flimmernder grosser Sterne. Chaim sieht weder die Sterne, noch empfindet er die Kälte: er hegt nur den einen Gedanken: rechtzeitig anzukommen. Hingegen richten sich die Augen seines Sohnes gegen den Himmel, irren von Stern zu Stern und der in ihnen sich ausprägende Ausdruck der Apathie verwandelt sich allmählich in ein tiefes Nachsinnen. Schliesslich machen sie in irgend einem Gässchen voe einem Haustor Halt. Ghaim öffnet behutsam das Pförtchen, um Gott behüte den Hund, der immer einen besonderen Appetit seinen langen Kaftanschössen entgegenbringt, nicht zu necken. Rasch, verstohlen, als kämen sie mit den schlimmsten Absichten, schleichen sie längs des Zaunes dahin und erreichen schliesslich die Tür des Küchenflurs. Zur rechten Zeit, denn aus einem Winkel lässt sich zweimal solch ein starkes Bellen vernehmen, dass man, ohne zu sehen, erraten kann, was für riesiges Ungetüm dies sein müsse. Langsam, dann heftiger, klopfte Chaim an die Tür, aber auch das Bellen wird immer drohender, und schliesslich taucht der riesige zottige Kopf des Ungetümes auf. — Täte — lässt Leiser sich vernehmen, die entsetzten Augen weit öffnend — warum hast du nicht von der Strasse aus angeläutet? — Aber Leiserek, weisst Du denn nicht, dass die Herrschaften sich ärgern, wenn Juden bei ihnen von dor Strasse aus läuten? Ah, ah, was für grobe Stimme er hat. Milor, Milor, ich bin es, dein Freund! Aber der höfliche, beinahe flehende Ton seiner Stimme irritiert das Ungetüm immer mehr. Er kommt so nahe heran, dass man seine weissen, starken Zähne und das am Nacken drohend gesträubte Fell sehen kann. Das Bellen wird immer stärker und das rettet eben den zu Tod erschrockenen Vater und Sohn. Die Küchentür wird mit einem lauten Knarren geöffnet und Chaim den Sohn vor sich herschiebend, stürzt über die erlösende Schwelle! — Dass ihr endlich gekommen seid! — rief die Köchin aus — das ist Euer Glück, denn Madame ist furchtbar bös. Die Füsse abreiben! Ich habe erst geräumt. Das würde noch fehlen, dass mir Juden den ganzen Kot hereinbringen'. — Nu, es ist nicht um was sieh zu ärgern — lässt Chaim sich sanft vernehmen, bei sich denkend, dass im Vergleich mit dem Zorn der Dogge, dieser zu ertragen sei; gleichzeitig empfindet er in der Vorahnung eines dritten Sturmes, der der gefährlichste sein dürlte, eine gewisse Unruhe. Kaum, dass die Tür sich hinter der Köchin geschlossen, kaum dass sie Zeit hatten die Füsse vom Schnee abzureiben, als die Frau Apothekerin auf der Schwelle erschien. Ein Blick genügte Chaim, um die dräuende Stimmung der Frau y.u erkennen. — Ich glaubte, ihr werdet überhaupt nicht mehr kommen. Es ist eine Strafe Gottes mit solchen Schneidern! War denn der Tag zu wenig? Man muss durchaus bis in die Nacht warten, um den Leuten die Ruhe zu stören. — Es war viel Arbeit — meinte Chaim halblaut. — Viel Arbeit? Hört nur! Und habt ihr nicht beinahe einen Monat gehalten? Eine Pfuscherei, aber keine Arbeit. Wir werden noch sehen, ob es anzuziehen ist. — Das Kleid ist fein worden — liess Chaim sich so artig vernehmen, als antwortete er auf ausgesuchteste Komplimente. — Lobt nur nicht, denn ich kann das nicht leiden. Ihr lobt damals am meisten, wenn es am ärgsten genäht ist; ihr glaubt, dass die Leute selbst keine Augen haben. Zeig nur. Chaim wickelte schweigend das Parket auf und das Kleid zwischen zwei Finger fassend, hob er es triumphierend in die Höhe. (Fortsetzung folgt Jüdische Toynbee-Halle (XX , Othmargasse 46). Beginn der Vorträge an Wochentagen halb 8 Uhr; Samstag, sowie an Sonn- und Feiertagen 7 Uhr abends. Eintritt trei für jeden Erwachsenen. , Vortrags-Programm für die Zeit vom 11. bis 17. Jänner 1908. Samstag den 11.: Konzert, arrangiert von Prof. Adler. — Sonntag den 12.: „Literarischer Abend — Shakespeare.- Dr. Leo Feld. — Montag den 13. : „Das Wesen der Volkswirtschaft.14 Dr. M. Reiss. — Dienstag, den 14.: rDie Hygiene des Auges." (II.) Dr. Max Meissner. — Mittwoch den 15.: (Thema vorbehalten.) Univ. Prof Dr. Josef Pollak. — Donnerstag den 16.: „Das jüdische Proletariat." Dr. S. R. Landau. — Freitag den 17.: Bibelvortrag. H. LÖW-Vogel« Anmeldungen von Vorträgen nnd Mitwirkungen bei Konzerten wolle man an den Obmann Herrn Dr. J. Samuely, I., Fischerstiege 6, gelangen lassen. Briefkasten der Redaktion. S. W. in Szakolcza. Baronin Hirsch'sche Wohltätigkeits- Stiftung, I., Ledererhof. Prof. W. Wir danken Ihnen für den Aufsatz. Derselbe erscheint in der nächsten Nummer. An mehrere Einsender von Artikeln. Wir bitten Sie um Geduld. Es wird bei uns alles gelesen und geprüft. Briefkasten der Administration. M. G. und A. H. Ihr Abonnement ist in Ordnung. V. P. Die Nummer ist ganz erschöpft. Die zehn Exemplare der verlangten Broschüre gehen an Sie erst in einigen Tagen ab. E. W. Policka. Sie haben nunmehr bis 30. Juni 1908 bezahlt. eingesendet.

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