Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1908)
- Date
- 1908-01-10
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2425679-2425722-2425725--0575-2426868- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 2 „Neue National-Zeitung" Seite 9 Die Inschriften auf den Grabsteinen. „Ich komme mir vor wie im Rathaus. Und nicht wie im Kultusvorstand". Obiger Ausspruch des Vorstehers Sam. Sf einer ist sehr bezeichnend für die Debatte, die sich über die Frage entsponnen hat, ob auf den Grabsteinen obligatorisch einige hebräische Worte angebracht sein müssen, oder ob man dies den Parteien gegenüber lediglich als Wunsch bekannt zu geben habe. Für das erstere hatte sich die Friedhofskomrnission ausgesprochen, letzteres wurde von der Majorität des Vertreterkollegiums beantragt.Die Kultusvorsteher Sam. Steiner, Schräme k, Kauders und Dr. Markus Spitzer setzten sich mit. aller Energie dafür ein, dass dem jüdischen Friedhof der jüdische Charakter gewahrt werden müsse. Die Redner wiesen mit Recht darauf hin, wie traurig es sei, dass man am jüdischen Friedhof durch lange Alleen gehen kann, ohne auch nur eine jüdische Silbe zu sehen. Und während man heute mit vielen Mühen und Geldopfern die hebräischen Inschriften auf uralten Friedhöfen sammelt, weide der jetzige Friedhof von hebräischen Inschriften entblösst. Besonders warm setzte sich für die obligatorische Verpflichtung der Anbringung einer hebräischen Inschrift auf jedem Grabstein Dr. Markus Spitzer ein. Er wies darauf hin, dass während man in orthodoxen Gemeinden (beispielweise in Galizien) den rein hebräischen Charakter der Grabsteine verteidigt, und sich gegen jedes deutsche Wort wehrt, sehe man hier gerade das umgekehrte Schauspiel, wo jedes hebräische Wort so schwer erkämpft werden muss. Man sei hier immer so konservativ, aber wo es sich um fünf hebräische Worte handelt, — sei man plötzlich so treisinnig! Diese prinzipiellen Darlegungen des Dr. Spitzer, durch welche erst die Debatte auf ein höheres Niveau erhoben wurde, waren dem Herrn Präsidenten ersichtlich — unangenehm. Er winkte ab und ermahnte Dr. Spitzer, doch nicht so weit auszuholen. Dr. Josef Breuer droht . . , . Nach den beredten Worten des Dr. Spitzer musste man geradezu einen Widerwillen empfinden, als Herr Dr. Josef Breuer, von dem die grosse Oeffentlichkeit nur so viel weis1?, dass er ein gesuchter praktischer Arzt ist, mit der Pose eines Feldherrn, der von hundert höherbesteuerten Wählern getragen wird, gegen die obligatorischen hebräischen Inschriften nicht bloss protestierte, sondern sogar nach dem Muster eines demokratischen Gemeinderates mit dem — Verwaltungsgerichtshofe drohte! Der Mann hat Courage. Kais. Rat Weil, der ebenfalls auf eine höhere Kurie zurückzublicken vermag, konnte es sich ebenfalls nicht versagen, den Schrecken der Staatsbehörden an die Wand zu malen. Und der Gedankengang der Breuer und Weil hat Recht behalten! Kultusvorsteher Sam. Steiner hatte ja wirklich Recht, als er bemerkte: „Ich komme mir vor wie im Rathaus, nicht wie im Kuitusvorstand!" Sein Antrag und der ihm Gleichgesinnten blieb mit 0 Stimmen in der Minorität. Von 36 Mitgliedern des Wiener Kultusvorstandes, sind nur 0 der Ansicht, dass, wenn man als Jude lebt und als Jude stirbt, auch der Grabstein ein jüdischer sein müsse. . . Es wird nun auch für die Zukunft so bleiben, dass den Parteien „empfohlen" wird, wenigstens fünf Buchstaben auf einen Grabstein zu setzen, unter dem ein Jude ruht. Dabei ist man ja, wie Dr. Spitzer bemerkte, bei jeder Gelegenheit konservativ.. Diese Gelegenheit ist aber bloss: Wahlpolitik und Demagogie. Ist man aber tot, dann braucht man nicht mehr zu heucheln. Also wozu die hebräische Inschrift? . . Spenden: An grösseren Spenden sind eingegangen : Von Herrn kais. Rat Leopold Sachs zum Andenken an seine verstorbenen Eltern für das Altersversorgungs- und Siechenhaus..... K 2000. - Von Herrn Hermann Back von Begavär durch Herrn Dr. Alfred Berger für den Neubau Talmud Thora-Schule . . . ..... ... „ 1000. - Von Herrn Dr. E. Friedman n, noe. der Verlassenschaft, zur Errichtung einer ,.Anna Wottitz und Albert Weinberger-Stiftung' Nominale K 2500.— Stempelrückersatz K 10— „ 2510. - Von Herrn Dr. Max D i a m a n t, als Legat für die Therese Pfefferkorn'sche Stiftung....... r 1892 59 Die Kultuswahlen in Krakau. Krakau, den 5. Jänner (Orig. Korr ) Die letzten Kultuswalilen, di^ am 3(J. und 'Ii. Dezember stattlanden, haben auf der Plattform eines Kompromisses zwischen der bisher im Kultusvorstand herrschenden Partei, der „Kahal-Partei", und den „unabhängigen" .luden stattgefunden. Vor einem Jahre hätte man dies noch für unmöglich gehalten, wenn man in Betracht zieht, in welch rücksichtsloser Weise Dr. Adolf Gross, der Führer der Unabhängigen, die ^Kahal- Partei" bekämpfte, die er als Ausbund der Korruption und Reaktion hinstellte. Allein es scheint, dass die unglaubliche Aenderung der Parteiverhältnisse in Krakau, wo sich die Stanczyken-Majorität des Gemeinderates den Demokraten angeschlossen hat und wodurch die zu beiden Parteien gehörigen jüdischen Flügel isoliert worden sind, auch die beiden entgegengesetzten jüdischen Parteien einander näher gebracht hat. Die Einigung der beiden Parteien halten wir. was immer man auch von diesem plötzlichen Saltomortale des Dr. Gross sagen kann, für sehr erspriesslich, weil sie zu einer Einigkeit führen kann. Als Preis für das Kompromiss erhielten die Unabhängigen von 15, (> Mandate. Dieses Bündnis ist aber auch deswegen vom jüdischnationalen Standpunkt aus zu begrüssen, weil es die Schaffung einer vierten, allgemeinen Kurie mit zehn neuen Mandaten zur Folge hatte. Krakau ist die erste Stadt in Oesterreich, wo jeder Jude, ob er nun Kultussteuer zahlt oder nicht, sein Wahlrecht ausüben darf. Es wurden gewählt: I. Kurie: Advokat Dr. S. Tilles, Julius Schönwetter, Advokat Dr. .1. Deiches, Advokat Dr. Ignatz Landau, Advokat Dr. Lauer. II. Kurie: H. Heimann, A. Deutscher, M. B 1 a n k s t e i n, S. A n i s f e 1 d, M. J o n k 1 e r. III. Kurie: J. Birnbaum, S. Landau, A. Marguli es, Z. Gross, G. Langrock. Bemerkenswert und bedauerlich ist die Niederlage, welche die zwei zionistischen Kanditaten Dr. Wa h r h a f t i g und Dr. H i 1 f s t e i n erlitten. Ersterer erhielt 34, letzterer 21 Stimmen; Ueber die Ursachen dieser Niederlage wäre viel zu sagen und wir wollen nächstens auf die unglückselige Taktik unserer Zionisten zurückkommen. Sie sind sehr grosse Idealisten, aber sehr schlechte Politiker. Es wäre aber die höchste Zeit, dass sich die Lemberger Parteileitung um ihre hiesige Heerde, die führerlos hin- und hertrottet, etwas mehr bekümmern sollte. Unsere P. T. Abonnenten werden um gefl. Zusenduug der Pränumerationsgebühr anlässlich des Quartalswechsels mittels der ihnen zugehenden Erlagscheine ersucht. Die Administration.