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Neue Nationalzeitung · 1908-01-03 · Heft 1 (3.1.1908) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 1 (3.1.1908)
Date
1908-01-03
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 1 ,Neue National-Zeitung" Seite 11 W. DALECKA. Jn der Sd)neider-lüerkstatt. (Deutsch von S. Horowitz.) Chaim S c h o s t a k war ein Damenschneider und sein ganzes Leben opferte er, um die schönen und minder schönen Frauen seines Geburtsstädtchens zu putzen. Er opferte! Dieses hehre Wort kann man. ohne Missbräuche seiner Tragweite buchstäblich auf dessen langjährige mühselige Arbeit anwenden. Von der ersten Jugend bis zu den letzten Tagen, die sein Haupt schon stark ergrauen Hessen, hatte er all seine Tage und häufig auch die Nächte, der Verschönerung seiner Mitbürgerinnen gewissenhaft gewidmet. Infolge der langjährigen Praxis hatte er sogar solch eine Routine erlangt, dass alle Frauen, die bei ihm arbeiten Hessen, aus seinen Händen wie nach einem Modell hervorgingen; es konnte scheinen, dass in seinen Vorstellungen nur ein unwandelbares, unsterblichesSchönheitsideal herrsche, das er auf jede Gestalt und jedes Alter, auf jede Statur und jeden Körperumfang anzuwenden liebte. Seine Klientinnen hatten sich gleichfalls schon an die Unwandelbarkeit dieses Typs gewöhnt und gar keine Fasson hätte wohl mehr ihren Beifall gefunden. Obwohl die Bestellungen, die aus Chaims Händen hervorgingen, nicht so aufgenommen und gewürdigt wurden, wie er es erwartete, obwohl alle Damen die ihre Stoffe ihm anvertrauten und auf eine bestimmte Lieferfrist rechneten, gleichfalls nicht das und nicht so erhielten, wie sie es erwarteten, woraus verschiedene Differenzen und lebhafte Dispute entstanden — trotzdem blieben die Kundinnen ihrem Schneider, und er ihnen treu. Wir finden ihn eben in einem Momente der Unruhe und in der Erwartung eines Triumphes. Ueber seine Arbeit gebückt, näht er beim spärlichem Licht eines Lämpchens fleissig, um das Stück noch heute fertig zu machen. Er scheint ganz in sich konzentriert zu sein und nichts verrät die in ihm wühlende Unruhe. Seine hohe, hagere Gestalt hat dieselben langsamen, von Würde gekennzeichneten Bewegungen und das eingefallene von einem auf die Brust wallenden, schönen Bart umrahmte Gesicht, besitzt seinen gewöhnlichen Ausdruck der Ermüdung und des ernsten Nachsinnens. In seine Gedanken vertieft gawahrt er nicht einmal, dass die zwei jüngsten seiner siebenköpfigen Kinderschaar, der kleine Mendele mit der noch kleineren Riwke hinter seinem Rücken einen heftigen Streit wegen eines Teiles eines zugeschnittenen Aermels mit einander austragen. Dieser Fetzen bunten Stoffes entzückte beide gleichmässig und beide bemühen sich, ihn in Besitz zu bekommen. Er bemerkte gleichfalls nicht, dass dem blakenden Lämpchen ein dünner Streifen schwarzen Rauches zum russigen und niederen Deckengebälke entsteigt; ebensowenig wie dieser Rauch sich auf seinen und den Wangen, den Augen und Lungen seiner Kinder festsetzt. Er Geachtet nicht oder will es nicht beachten, wie ein Etwas zwischen seinen Schulterblättern bohrt, wie die seit fünfzen Stunden zusammengekrümmte Wirbelsäule mit vollen Kräften ruft: Richte mich empor, denn ich halte es nicht aus! — Wie in der Brust ihn etwas sehr empfindlich saugt und zwischen der Arbeit und den auf sie gehefteten Blick von Zeit zu Zeit das Gespenst eines Stückchen Herings mit wenigstens einem Happen Brot auftaucht. Aber Ghaim verscheucht diese zudringlichen Gedanken sehr energisch; übermorgen ist Sabbat und so wird er sich sattessen, vielleicht gar die ganze Hälfte eines Härings — und jetzt muss man sich beeilen, denn die Frau Apothekerin hat heute schon dreimal geschickt und hiess durchaus vor neun Uhr fertig zu werden. Und zu dem Gefühl der Akkuratesse gesellt sich diesmal ein Umstand von viel grösserer Tragweite. Nu, Chaim, wirst du heute tertig werden? lässt sich die Ehegesponsin Malke von Zeit zu Zeit vernehmen. Was ist da zu fragen? Wenn er das Kleid heute nicht fertig macht, wird morgen kein Geld da sein, weder um im Ofen einzuheizen, noch um Petroleum kaufen zu können, um weiterzunähen. Und die hungrige Kinderschaar wird den ganzen Tag quietschen — und wenn ein Kind so wimmert, tut das Herz sehr weh, sie werden bleich, wie durchsichtig sein. Er weiss all dies und beeilt sich, dass seine Hände zittern; wozu ihn noch antreiben? — Malke — sagte er zur Frau, ohne den Blick emporzuschlagen — rufe Leiser, dass er ein wenig helfe. Malke erhob ihren zottigen Kopf von der Balie. in welcher sie etwas wäscht und blinzelt ihn mit flammenden Augen an. — Du bist verrückt — bricht sie aus — hat denn Leiser nicht seit frühmorgens genäht; ist er denn durch die letzten drei Tage auf diesem Stuhl nicht wie angeschmiedet gesessen? Man muss mit dem Kinde Erbarmen haben, er wird schliesslich krank werden, er hat heute ohnehin noch stärker als sonst gehustet. Ich denke nicht einmal daran, ihn zu wecken, soll er nur etwas schlafen. — Ach diese Malke, wie versteht sie schmerzlich zu reden! Ihm, dem Vater, Erbarmen mit seinem Kinde in Erinnerung zu bringen! Sieht er denn nicht, wie dieser hagere, schlanke Jüngling in seinen langen enganliegenden Kleidern wie ein geknickter, trockener Heuhalm aussieht? Weiss er denn nicht, woher diese Papierfarbe seines Gesichtes und dieser apathisch-feurige Blick seiner Augen V Auch Ghaim ist einst jung gewesen : er weiss, wenn es ihm jetzt schwer fällt, fünfzehn Stunden unausgesetzt über der Nadel gebückt zu sitzen, so sind jene fünfzehn Stunden, wenn man andere frohgemut sich tummelnde Kinder sieht, wenn die jungen Muskeln stürmisch nach Bewegung schreien, dies umso schwerer fällt. Ghaim denkt das sehr gut; aber ebenso denkt er, dass er die Arbeit bis neun Uhr fertig machen müsse und dass er ohne Hilfe des Sohnes dies nicht bewerkstelligen werde. — Malke — rief er mit unsicherer Stimme. — Wues? lässt Malke sich vernehmen. Chaim schweigt eine Weile, als wollten die Worte nicht aus seiner Kehle, bis sie noch einmal die Frage wiederholt. — Weck Leiser auf — sagt Chaim schüchtern. Du, Räuber! — schrie die Frau — er will das Kind töten, er will es ganz töten! Oh, Malke, was für schreckliches Wort hast du ausgesprochen — bewegte sich Chaim wie von einer Nadel gestochen. — Wozu solch schreckliche Worte reden? Und was wird sein, wenn du Leiser nicht aufwecken wirst? Wenn du ihn nicht aufweckst, wird er nicht aufstehen und mir nicht helfen, und wenn er mir nicht hilft, werde ich die Arbeit nicht fertig machen.

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