Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1908)
- Date
- 1908-01-03
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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mmmmmmmmmßmmmm*^ w*^mm Nr. 1 „Neue National-Zeitung" Seite 9 6in Jnteruieu) mit Scfoalom flsd)- Wien, Ende Dezember. Der bekannte Bühnenschriftsteller, dessen jiddische Dramen zuerst auf deutschen Bühnen Zugang gefunden haben, hielt sich dieser Tage aut der Durchreise von Warschau nach Rom vorübergehend in Wien auf. Herr Asch hatte, wiewohl er sonst ein Gegner aller Interviews ist, die Freundlichkeit, einen unserer Mitarbeiter zu empfangen, und demselben über seine gegenwärtige literarische Betätigung einige Mittheilungen zu machen. Wie aus denselben hervorgeht, ist sein letztes Drama „Sabbatai Zwi" bereits gedruckt, doch ist das Original noch nicht erschienen, weil es gleichzeitig mit vier Uebersetzungen (Polnisch, Deutsch, Russisch und Englisch) auf dem Büchermarkte erscheinen soll. Herr Asch ist wie es scheint auf Amerika nicht mehr gut zu sprechen, seitdem im New-York sein Stück »Der Gott der Rache* vom Publikum abgelehnt wurde. Er wird auch seine weiteren Arbeiten den amerikanischen Theatern nicht mehr überlassen. Dagegen hofft Herr Asch, dass eines seiner Stücke demnächst auf einer hervorragenden Wiener Bühne zur Ur- Aufführung gelangen werde. Eine besondere Anerkennung seines dramatischen Talents hat Asch in seiner Aufnahme in den deutschen Bühnenklub gefunden. Sehr interessant ist es jedenfalls, dass Herr Asch in den deutschen Bühnenklub als jiddischer Schriftsteller, wie seine Mitgliedskarte lautet, aufgenommen wurde. W. SP^CWSÄ Universitätspröfessör und Religionslehrer. Zu den polemischen Ausführungen des Herrn Prof. Dr. Salomon Ehrmann in der Plenarsitzung des Wiener Israelitischen Kultusvorstandes vom 22. Dezember 1907 gegen die „Offene Anfrage" des Herrn „Religionslehrers" in der „Neuen National-Zeitung" vom 13. d. M. erlaube ich mir folgende Bemerkungen zu machen: Wenn die K u 11 u svorstehung— ich unterstreiche das Wort Kultus — die Vorträge aus der Geschichte der Juden — wie es anzunehmen ist — deshalb eingeführt hat, um in der Gemeinde ein Interesse für die jüdische Religion und deren Kultus wachzurufen, ±o sollten allerdings Vorträge über Spinoza und Heine von einem solchen, diesen Zweck verfolgenden Vortragszyklus ausgeschlossen werden, denn beide waren als Juden doch nur — ihr sonstiger Geistesheroismus in Ehren — das was wir heutzutage gemeiniglich mit dein Namen „Freigeister" oder „Konfessionslose" bezeichnen. Ein Spinoza und Heine huldigender Vortrag könnte also die jüdischen Zuhörer sicherlich nicht für Religion und Kultus erwärmen, wohl aber — noch mehr als dies ohnehin schon der Fall ist — für freigeistige Strömungen und Kanfessionslosigkeit empfänglich machen. Wenn sieh die Mitglieder der Wiener Kultusgemeinde in Sachen der Religion und des Kultus Spinoza oder Heine als Vorbilder nehmen wollten, so könnte es sehr bald geschehen, dass der jüdische Kultus überhaupt aus Wien verschwindet und Professor Dr. Ehrmann würde dann aufhören, Kultusvorsteher zu sein. J. O. Sehr geehrter Herr Redakteur! Als Seitenstück zu dem jüdischen Studenten, der „Madonnenlieder * dichtete, finde ich in der gestrigen Nummer der, Neuen Freien Presse" einen Juden, der ganz von christlichem Geiste erfüllt ist, und wenn die Antisemiten sagen, die Juden können sich nicht mit dem christlichen Gemüte und der christlichen Weltanschauung befreunden, so mögen sie nur die Annonce Sejte 40, vom 19. Dezember 1907 der ,.Neuen Freien Presse" lesen. Dieselbe lautet: O Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter! Um die liebe Weihnachtszeit möchte ich meiner noch ledigen Schwester eine Freude bereiten. Ich suche deshalb auf diesem Wege über ihren speziellen Wunsch einen Witwer, den gebildeten Ständen angehörend, gemütvoll, in sicherer Lebensstellung Meine Eltern leben hier in sehr angesehener sozialer Position und ist meine Schwester sehr gut erzogen, bildhübsch, 25 Jahre alt, Israelitin, hervorragende Klavierspielerin, im Häuslichen eminent tüchtig u. s. w. Solche Fortschritte macht die Zivilisation bei den Juden und da wollen Sie, geehrter Herr Redakteur, vielleicht die Israeliten zu Jehovas Dekalog zurückbringen? Das wird schwer gehen. Hochachtungsvoll Sigmund W c i n s t o c k. KpRRCSPONDeNZCN ^* Österreich-Ungarn. Öffentliche Sitzung des Kultusvorstandes. Wien. Sonntag, den f>. Jänner, 11 Uhr vormittags, findet eine ö t'fe n t 1 i c h e Sitzung des Kultusvorstandes statt. Gegenstand : 1. Konstituierung des Kultusvorstandes: a) Wahl des ersten Vizepräsidenten, b) Wahl des zweiten Vizepräsidenten, c) Wahl von 8 Mitgliedern des Vertreterkollegiums, d) Wahl der Mitglieder für die ständigen und Spezulkoimnissiouen und Komitees. 2. Berichte des Vertreter-Kollegiums : a) Stiftungsangelegetiheit, D) Spitalsangelegenheit, c) Interpretation des i? 11 der Dienstpragmatik, d) Friedhofsangelegenheit. Ein Erinnerungstag. Budapest. Am 21. Dezember sind es vierzig Jahre worden, seitdem der ungarische Reichstag mit einhelliger Begeisterung die bürgerliche Gleichberechtigung der jüdischen „Einwohner-' ausgesprochen hat. Nach dem Grundgesetze vom Jahre 1867 war das Gesetz über die Emanzipation der Juden das erste Gesetz, welches Ungarns gekrönter König Franz Josef 1. noch im Krönungsjahr sanktionierte. Die Reichstagssitzung, in der das Gesetz beschlossen wurde, nahm einen überaus würdigen Verlauf. Namens der siebenten Sektion verlas Koloman Tisza das folgende Gutachten: „Die siebente Sektion begrüsst mit Freuden den Augenblick, in welchem eine Scharte unserer freisinnigen Verfassung dadurch ausgewetzt wird, dass unsere Landsleute mosaischer Religion in die Ausübung der politischen Rechte eingeführt werden, und wünscht eben deshalb mit den übrigen Sektionen des geehrten Hauses, dass dies je eher, dass es sogleich geschehe. Sie erachtet es jedoch für zweckmässig, dass es in einer solchen Weise bewerkstelligt werde, dass wir ein für allemal darüber ins Reine kommen, dass in unserem Vaterlande die Glaubensgrundsätze, zu denen sich Jemand bekennt, das heisst zu welcher Religion er gehört, keinerlei Einfluss auf die Ausübung der bürgerlichen und politischen Rechte besitzen. Das erheischt der Geist unseres aufgeklärten Zeitalters, die politische Voraussicht. Jene Zeiten sind schon vorüber, wo in den Staaten eine herrschende Religion bestand, neben welcher, häufig nach langwierigen und blutigen Kämpfen, andere Religionen, andere Glaubensgenossenschaften sich gleichsam mit Gewalt die Anerkennung als gesetzlich rezipierte errangen. Die Aufgabe eines Staates, der heute als freisinnig gelten will, ist nicht die, die Zahl der gesetzlich rezipierten Religionen um eine zu vermehren, sondern die. das durch Aussprechung des oberwähnten Prinzips alle bürgerlichen und politischen Unterschiede, welche zwischen den Kindern des Landes ihrer Religion wegen bestanden, für ewige Zeiten aufgehoben werden. Von dieser Ansicht ausgehend empfiehlt die siebente Sektion folgende Fassung: Alle jene Gesetze, Gepflogenheiten und Verordnungen, welche unter den Einwohnern des Landes einen Unterschied in der Ausübung der bürgerlichen und politischen Rechte der Religion wegen begründet haben, werden hiemit aufgehoben, und jeder Einwohner des Landes welcher Religion immer für gleichberechtigt erklärt zur Ausübung aller bürgerlichen und politischen Rechte im Sinne des Gesetzes.11 Nach Verlesung dieses Berichtes ergriff Koloman Tisza zu folgender Erklärung das Wort: