Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1908)
- Date
- 1908-01-03
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 1 Wir wollen keine leeren Phrasen machen, geizen nicht nach dem billigen Triumph, banale Anschauungen zu widerlegen, da sie nicht streng zur Sache gehören, die wir viel zu ernst nehmen; wir wollen uns nur an den springenden Punkt halten, um welchen sich unsere Fragestellung bewegte: Gehört Spinoza zum Judentum als solchem V Prof. Ehrm a n n, an den ich diese Frage richtete, wart mir, anstatt sie sine ira e-t studio kurz und bündig zu beantworten, mit grimmiger Geberde den Fehdehändschuh hin, wurde anstatt mein Wegweiser, mein Gegner. Und alles das'um einer streng wissenschaftlichen Anfrage willen! Dem jedoch sei wie ihm wolle, wenn er nur antwortete. In Fechterpositur sich stellend, bejaht er ohne viel Nachdenken die Frage mit aller Entschiedenheit. Ich aber, der ich mich ernster mit Spinoza beschäftigt habe, an den ich immer wieder mit Ehrfurcht herantrete, da ich heilige Scheu vor den von ihm behandelten Problemen hege, deren Lösung er ungemein schwer und tief nimmt, beileibe nicht so leicht wie Haeckel und seine blinden Nachbeter; ich nuiss mit noch grösserer Entschiedenheit erklären, dass Spinoza weder dem Judentum noch einer Kirche oder Konfession überhaupt angehörte. Spinoza war eine tief religiöse Natur und ein Denker von seiner Qualität konnte und wollte auch keiner Konfession angehören; er stand über jeder Konfession. Das ist's ja, was die Alltagsmenschen, die keinen Glauben im wahren Sinne, aber eine Kirche, oder heisse sie Synagoge, haben, nicht verstehen können. Sie verwechseln immer Religion mit Kirche, oder sagen wir, mit Synagoge, und wer ausserhalb dieser steht, der hat nach ihrer Anschauung keine Religion. Wahre, tiefe Frömmigkeit ist ihnen fremd, Konfession und Formendienst alles. Spinoza war der erste grosse K o n fe s s i o n s 1 o s e. Und wenn ich diese Art Konfessionslosigkeit einigermassen irgendwie charakterisieren soll, so kann es nur damit geschehen, dass ich ihn einen evangelischen Juden nenne: denn er stand dem jüdischen Evangelium Jesu, das von einem Christentum und einer Kirche noch keine Ahnung hatte, ungleich näher als dem Rabbinismus, den er verwarf. Meine Behauptung, dass Spinoza dem offiziellen Judentum, d. i. dem rabbinisehen, nicht zugesellt werden darf, will ich damit beweisen: 1. dass er das jüdische Evangelium Jesu über die Weissagungen der Propheten stellte: 2. dass er die gangbaren Anschauungen des rabbinischen Judentums, die geradezu zu Dogmen erstarrt sind, verwarf, keine geistige Bevorzugung oder Auserwähltheit des jüdischen Volkes vor andern Völkern zugab, wenn er auch einräumte, dass das Gesetz für das zeitliche, örtliche und leibliche Wohl des Volkes bestens gesorgt hat. Hätte sich nun Herr Prof. Ehrrnann eingehend mit Spinoza beschäftigt, er wäre sicherlich meiner Ansieht geworden, denn er hätte bei ihm auf Schritt und Tritt unumsfössliche Beweise für dieselbe gefunden. Er hätte sie im vierten Kapitel des theolog.-polit. Traktats, wo Spinoza „niemand zuliebe und niemand 'zuleide" seine Theorien über Religion entwickelt, finden können. Spinoz« spricht hier von den Propheten des Alten Bundes, behauptend, dass sie die göttlichen Ratschlüsse nicht vollkommen, als ewige Wahrheit, aufgefasst haben und fährt dann wörtlich fort: * Indessen gilt dies nur von den Propheten, die im Namen r Gottes Gesetze vorgeschrieben haben, nicht aber von Chris- „t u s. Denn von Christus muß man annehmen, daß er die rDinge in ihrer wahren Gestalt ja vollkommen erkannt hat, obgleich auch er, wie es scheint, im Namen Gottes Gesetze , niedergeschrieben hat. Denn Christus war nicht sowohl Pro- „phet, als vielmehr der Mund G o t t e s, indem Gott rdurch den Geist Christi, wie ehdem durch Engel, nämlich durch , eine erschaffene Stimme, durch Gesichte u. s. f. dem Menschengeschlecht mehreres geoffenbart hat. Ks wäre deshalb ..ebenso ungereimt, zu behaupten, Gott habe seine Offenbarungen den Meinungen Christi angepalit, als wenn man behauptete, rGott habe ehedem seine Offenbarungen den Meinungen der r Engel, d. h. der geschaffenen Stimme oder Gesichte angepaßt, „um den Propheten mitzuteilen, was er ihnen offenbaren wollte. „Nichts Törichteres könnte aufgestellt werden, zumal Christus „nicht bloU zur Belehrung der Juden allein, .sondern des ganzen Menschengeschlechtes „gesandt war, weshalb es nicht genügt hätte, wenn sein Geist „bloß den Meinungen der Juden angepaßt gewesen wäre; -sondern es mußte den allen Menschen gemeinsamen . Meinungen und Überzeugungen, d. h. den allgemein menschlichen und wahren Begriffen angepaßt sein. Schon daraus, „daß Gott sich Christus oder seinem Geiste unmittelbar ge- „offenbart hat, und nicht wie den Propheten durch Worte oder ■ Bilder, ergibt sich mit Gewißheit, daß Christus die geoffenbarten «Dinge in volier Wahrheit erfatit oder begriffen hat; denn nur , dann wird etwas erkannt, wenn es mit klarem Geiste ohne ,AVoite und Bilder erfaßt wird. Christus hat also die geoffen- .. bavten Dinge in Wahrheit und vollkommen erfaßt; wenn er sie , daher jemals als Gesetze vorgeschrieben hat, so tat er dies ,;wegen der Unwissenheit und Verstocktheit des Volkes. Er ,:handeite also hierin wie Gott selbst, da er sich dem Geiste „des Volkes anpaßte, und daher kommt es. daß er, ob/war .seine Reden etwas deutlicher sind, als die der anderen Provpbeten, dennoch dunkel und häufig durch Gleichnisse die ge- ..offenbarten Dinge gelehrt hat, namentlich, wenn er mit Leuten ,.redete, denen es noch nicht gegeben war, das Himmelreich zu , verstehen. Solchen oagegen, denen es gegeben war, die Geheimnisse des Himmels su verstehen, hat er die Dinge ohne ..Zweifel als ewige Wahrheiten gelehrt, aber nicht als Gesetze „vorgeschrieben; auf diese Weise befreite er sie „von der Knechtschaft des Gesetze s, und bestätigte ..demnach das Gesetz nur noch mehr und schrieb es ihnen tief „ins Ik-rz . . . ." Das ist doch wohl klar und ganz unzweideutig, gesprochen und markiert scharf seine Stellung zur Person Jesu, den er als den Christ anerkennt und zu seiner Lehre; wohlgemerkt: zur Lehre Jesu, nicht zu jener der Kirche! (Schluß folgt.) Ein Religionslehrer. PROF. Dr. MAX GRÜNFELD Die £age der jüdischen Religionslebrer. Dieser Tage feierten wir in Oesterreich das vierzigjährige Verfassungsjubiläum. Es fiel der Geburtstag unserer Staatsgrundgesetze mit dem Begii.ne der liberalen Aera zusammen. Interessant ist es nun, dass die Juden, von denen man doch mit Recht behaupten kann, dass sie zur Entwicklung und zum Eniporblühen des liberalen Gedanken?, namentlich in Mähren, am meisten beigetragen haben, wie sie auch noch jetzt, mit Hintansetzung oft. ihrer ureigensten Interessen, die verlorenen Posten der liberalen, altersschwach gewordenen ßurg verteidigen, die Früchte des angeblichen Freisinns nicht zu gemessen bekamen. Erst in den Achtzigerjahren des verflossenen Jahrhunderts wurden jüdische Mittelschullehrer und Richter angestellt, zu einer Zeit, in der der Liberalismus der Deutsch-Oesterreicher die schwersten nationalen Kämpfe im eigenen Lager sowohl als auch gegen di" auf allen Seiten auftauchenden G jgner auszufechten hatte. Und wer gedachte in jenen Tagen, da wir für den Liberalismus schwärmten, der Parias der jüdischen Lehrerschaft, der jüdischen Religionslehrer, besonders an unseren Mittelschulen V Kam es doch vor, dass sie an vielen Schulen nicht einmal zu den Lehrerkonferenzen zugelassen wurden! Sie waren ärger daran, als die Nebenlehrer des Französischen, des Zeichnens, des Turnens und der Stenographie. Von Jahr zu Jahr mussten sie oft bis zum