Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1908)
- Date
- 1908-01-03
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2425679-2425722-2425724--0559-2426851- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 „Neue National-Zeitung* Nr. 1 angehörte. Er hatte, trotzdem er durchaus kein Aesthetiker war, doch Geschmack genug, sich in keinem seiner Werke — ungleich manchem seiner Epigonen — den Christen als Christ aufzudrängen." Auch Herr Dr. Max Steiner, von dem beim Journalistentisch jemand behauptete, er könne nicht schweigen, wenn ein anderer spricht, gab seinem Zorn über die zudringliche Anfrage des Religionslehrers heftigen Ausdruck. Er nannte ihn sogar einen „mindergebildetena Religionslehrer. Herr Dr. Steiner vermag dies gewiss zu beurteilen! Nicht umsonst ist er ein sehr tüchtiger Fachmann im — Versicherungswesen. Hoffentlich wird er es bei der .minderen Bildung" des Religionslehrers zu würdigen wissen, dass dieser sich mit ihm in eine wissenschaftliche Polemik nicht einlassen will. Das Budget wurde nach allen diesen Reden en bloc angenommen. Gehört Spinoza zum Judentum? Die Antwort des Herrn Prof. E h r m a n n auf die an ihn gerichtete Anfrage.*) Herr Prof. Ehrmann hat auf die von uns an ihm gerichtete Anfrage geantwortet. Aber die Antwort war merkwürdig genug nach Form und Inhalt. Was die erstere betrifft, so ist es interessant, dass er nicht in die Arena, in die er geladen wurde, herabgestiegen, wo ihm ins Angesicht erwidert werden konnte; er hat es vielmehr vorgezogen, sich in gedeckter Stellung mit seinen Fechtkünsten zu produzieren. Er hat die Faust in der ungefährlichen Tasche geballt, aber geballt, dass es seine Art hatte: in der Gemeindestübe, wo er der Zustimmung seiner Kollegen sicher war; und abgedruckt wurde seine „Antwort" in dem Gemeindeblatte, wo er ja gleichfalls einen Widerspruch zu erfahren nicht besorgen dürfte. Und nun erst der Inhalt. Man weiss nicht, soll man mehr die Kühnheit des Herrn Professors, mit der er sich auf ein ihm völlig fremdes Gebiet wagt, oder die Geduld seiner Kollegen im Vorstand bewundern! Dürre, längst abgebrauchte Gemeinplätze, buntschillernde Papierschnitzchen wprden zum Ergötzen eines über allemassen naiven und für geschnitzte und gedrechselte Redensarten empfänglichen, exquisiten Publikums losgelassen, wo es sich um tiefernste Lebensfragen handelt. Aber: „Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen, Wenn es nicht aus der Seele dringt, Und mit urkrä<tigem Behagen Die Herzen aller Hörer zwingt. Sitzt ihr nur immer! Leimt zusammen Braut ein Ragout von Anderer Schmaus, Und blast die kümmerlichen Flammen Aus eurem Aschenhäufchen 'raus 1 Bewunderung von Kindern und Arien, Wenn auch darnach der Gaumen steht; Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen scharten, Wenn es euch nicht zu Herzen geht. — * Wie unseren Lesern erinnerlich, hat in der Nr. 53 ein Religionslehrer an Herrn Professor E h r in a n n die „Offene Anfrage" gerichtet, wie er seine in der Kultusvorstandssüzung vom 1. Dezember aufgestellte Behauptung, dass Spinoza und Heine zur jüdischen Geschichte gehören, begründen könne. Herr Prof. Ehr mann hat auf diese Anfrage in der öffentlichen Sitzung des Kultusvorstandes vom 22. Dezember ausführlich erwidert. Auf diese Erwiderung, die wir in dem Berichte über diese Sitzung (vergl. S. 5 dieser Nummer) .abdrucken, erhalten wir obige wissenschaftlich gediegene Replik. Wir freuen uns, in einem Zeitalter, wo Politik und Kampf gegen den Antisemitismus jede wissenschaftliche Betätigung im Judentum zu erdrosseln scheinen, die Spalten unseres Blatte* dem eHJen Streite um jüdisch-wissenschaftliche Fr igen überlassen zu können. (Anm. d. Red.) Und w e n n's euch Ernst ist, was zu sagen, Ist's nötig, Worten nachzujagen? Ja, eure Reden, die so blinkend sind, fn denen'ihr der Menschheit Schnitzel kräuselt, Sind unerquicklich wie der Nebelwind, v. Der herbstlich durch die dürren Blätter säuselt.14 Ich habe eine ganz klare und strikte, mit wenigen Worten zu beantwortende Frage gestellt;; der Herr Professor aber drückt sich sachte um dieselbe und spricht von allem andern, nur nicht von dieser. — Vor allem stösst er sich gar sehr an dem „Jemand, der sich als Religionslehrer bezeichnet und v o r g i eb t,. im Namen der Juden zu sprechen". - .»., Wo aber hätte ich vorgegeben, im Namen der Juden zu sprechen V Wo? Habe ich doch ausdrücklich erklärt, meine eigene „einfältige Meinungauszusprechen. Und was den Anonymus betrifft, den sich der Herr Professor von oben bis unten kopfschüttelnd beschaut und dem man eigentlich nicht Rede zu stehen, braucht^ so kümmert sich ein Gelehrter, zumal in so ernsten Dingen niemals um den, der etwas sagt, sondern um das, was Einer sagt. Uebrigens stehe ich nicht im geringsien an, dem Herrn Professor auf Wunsch meine Karte zu präsentieren. Aber woher diese grosse Gereiztheit über eine einfache Bitte um Aufklärung? Zur Sache selbst meint Herr Prof. Ehrmann, dass Heine, da er aus der Agada und der mittelalterlichen Poesie der Juden Motive für seine Dichtungen geholt und das jüdische Volkstum und Familienleben etc. verherrlicht habe, sicherlich in die jüdische Geschichte gehöre. Nach dieser Theorie gehörten alle Dichter1 und Schriftsteller, gleichviel ob getaufte oder ungetaufte, wenn sie nur jüdische Stoffe mit Wärme behandelten und für das unterdrückte Judentum eintraten, in die Geschichte des Judentums, ja in dieses selbst. Ob dieses Diktum des Herrn Professors widerspruchslos hinzunehmen sei, will mir wenigstens nicht einleuchten, nach meinem Empfinden gehören diese Lobredner und Verteidiger der jüdischen Sachen in die allgemeine Welt- und Kulturgeschichte, der nichts Menschliches fremd. Aber nicht sowohl um Heine handelt es sich hier, da ihm ja doch das Odium der Tauf e, das nicht mehr wegdisputiert werden kann, anhaftet, und den auch Prof. Ehrmannin seiner,, Antwort* nur flüchtig abtut; sondern eigentlich um Spinoza, der ja weder aus dem Judentum ausgetreten noch in das Christentum eingetreten ist. Und da deckt sich denn von vornherein Herr Prof. Ehrmann den Piücken mit dem ganz merkwürdigen, ich weiss nicht woher genommenen Ausspruche: „Namentlich die religionsgeschichtlichen Ansichten Spinozas sind längst überholt". Aber er sei, meint er weiter, ein teures Bild eines unbeugsamen Denkers, der seine Überzeugung — „sie mag auch manchmal irrig gewesen sein" — (wo, das sogt uns Prof. Ehrmann wohlweislich nicht), nicht preisgebe. Und nun der folgende Gallimathias; „Spinoza wurde gegen seinen Willen aus der Gemeinde ausgeschlossen. Es war ein Fehler, aber ein begreiflicher, verzeihlicher. Wir aber, die Erwachsenen wenigstens, wollen nicht nur aus den Vorzügen unserer Vorfahren lernen, sondern (wohl noch mehr!) auch aus ihren Fehlern. Beide sind uns gleich teuer, denn beide flössen aus reinen Quellen." Nachdem nun der Herr Professor in flachster Weise diese Theorie hingeworfen, ruft er triumphierend aus: „Spinoza gehört .also nicht bloss in die Geschichte der Juden, sondern auch in die des Judcnt.um s, au s dem er s e 1 b s,t nicht ausgetreten ist, wie er auch keiner andern Iv o n f e's s i o n angehört <\u