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Neue Nationalzeitung · 1908-01-03 · Heft 1 (3.1.1908) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 1 (3.1.1908)
Date
1908-01-03
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 1 Seite 5 meinde in Berlin weniger hürnen .als Perr Dr. Stern, wenn sie den Stötteritz von Qr$c/o ,ji$s Einkommens sehen .«uaf ei,n Jahr^aeiakommen von 1200 Mark anwendet? Nun, das Motiv, das Herrn Dr. S tern und Genossen leitet, ist ein,ganz anderes; es ist vie 1 zü d u r cii s i c ht i g. Der jBterr Präsident fürchtet, dass er bei den nächsten Wahlen nicht einmal die &0 Stimmen Majorität, durch die er Oberhaupt der Wiener Judengemeinde werden konnte, bekommen würde! Dieses Steuersystem des Herrn Doktor Stern ist ja auch sonst sehr interessant: es schont nicht nur die Minderbemittelten, sondern auch die Reichen. Denn auch diese stehen seinem Herzen sehr nahe! Die Kultussteuer des Baron Rothschild. So müsste beispielsweise Baron Albert Rothschild, wenn wir sein Jahreseinkommen nur mit 50 Millionen Kronen beziffern, in Berlin 300.000 Kronen Kultussteuer bezahlen. In Wien aber zahlt er lediglich — 12.000 Kronen! Zahlreichen Personen — und es gibt deren in Wien schon etliche, — die ein Einkommen von mehreren Millionen Kronen jährlich besitzen, würden nach dem Berliner Zensus über 20 000 Kronen bezahlen müssen; in Wien aber zahlen sie kaum die Hälfte. Diese Leute höher zu besteuern, wäre gewiss keine Mehrbelastung der Mitglieder, sondern eine gerechte Verteilung der Steuern; es wäre das Ende des Defizits. Es wird sich noch Gelegenheit bieten, über diese Frage ein anderes Mal noch ausführlicher zu sprechen und die jüdische Oetfentlichkeit aufmerksam zu machen, wie sie bisher absichtlich irregeführt wurde. Das Defizit. Der Zuschuss, den die Gemeinde zu den Ausgaben leisten muss, beträgt, wenn wir die Einnahmen per 2,912.765 Kronen 39 Heller den Ausgaben per 3,110.744 „ 90 „ gegenüberstellen 197.979 Kronen 51 Heller. Zu diesem Defizit tragen hauptsächlich die Zuschüsse, welche die Gemeinde auf die Unterrichts - Angelegenheiten (Einnahmen 63.416 28 Kronen, Auslagen 369 454 28 Kronen - daher Zuschuss 306 038 Kronen), weiters das jüd. Spital (Einnahmen 187.424 62 Kronen, Ausgaben 402 455 Kronen — daher Zuschuss 215.030 38 Kronen), schliesslich Armen- und Wohltätigkeits-Angelegenheiten (Einnahmen 26.198 17 Kronen, Ausgaben 281 487 15 K — daher Zuschuss 255.288 98 Kronen) bei. Gnadengaben. Eine besondere Ppst bilden die Gnadengaben im Betrage von 40 000 Kronen, die noch vor mehreren Jahren detailliert ausgewiesen worden sind, gegenwärtig jedoch nur mit einem Pauschalbetrage eingestellt werden. Hieher gehören auch die Gnadengaben an 2 jüdische Wochenschriften in Wien im Betrage von 700.0 Kronen, wofür allerdings diese Blätter nicht bloss sämtliche Kundmachungen der Gemeinde zu veröffentlichen, sondern auch die Politik des Gemeindepräsidiums zu vertreten haben . .. Für diese Arbeit sind die Herren gewiss nicht allzu reichlich bezahlt. Diskussion. In der Diskussion, die sich an den Vortrag des Referenten knüpfte, haben die Redner Prof. E h rm a nn, Dr. S te i n e r, Salo Cohn, Baurat Marmorek, Dr. S pi.tz e r u. a., das Budget von verschiedenen Gesichtspunkten aus beleuchtet. Die Frage der Kultussteuer hat jedoch keiner der Herren berührt, wie überhaupt auch die finanztechnische Seite des Budgets ganz ausser Betracht gelassen wurde. Herr Professor Ehr mann benutzte jedpeh die Gelegenheit, um ausfuhrlich Auf die in unserem Blatte gerichtete Aufsage eines ßeligionslehrers zu erwidern. Er sagte hiezu folgendes : . „Ich habe mir erlaubt, von meinem Rechte Gebrauch zu machen und in einer der letzten Plenarsitzungen Wünsche betreffs der Abgrenzung der Themen auszusprechen. Ich habe vor allem gewünscht^ dass der Rahmen nicht zu eng gezogen werde und Persönlichkeiten wie Heine und Spinoza mit feinr geschlossen werden. Darauf erhielt ich in der Presse eine Anfrage v.on Jemandem, der sich als-Relegionslehrer bezeichnet und vorgibt im Namen der Juden zu sprechen, und mich um Belehrungen angeht, wie das Leben dieser zwei Apostaten, im Religionsunterricht zu tradieren sei. Nun, meine Herren, es ist nicht meine Aufgabe, einem Religionslehrer und namentlich einem anonymen Belehrungen zu ertheilen, dies tue ich nur Medizinern gegenüber, zu öffentlich theologischen Disputationen gebe ich mich absolut nicht her. Wohl habe ich aber das Recht und die Pflicht bezüglich jener Einrichtungen, die von der Kultusgemeinde ausgehen, das zu sagen, was ich nach meiner Ueberzeugung für recht halte und achte jede andere Ueberzeugung, vorausgesetzt dass sie offen und ehrlich vertreten wird. Und da habe ich nun folgendes zu sagen: Es handelt sich gar nicht um die Vorträge für die heranwachsende Jugend sondern um solche für Erwachsene und M ü n d i g e, die nun einmal keine Verpflichtung haben, sich nur daran zu halten, was irgend ein Lehrer sagt, die sogar das Recht besitzen alles zu lesen, sich über alles zu informieren und von diesem Rechte wohl ausgiebigen Gebrauch machen dürften. Vielen von Ihnen werden Heine und Spinoza nicht ganz unbekannte Persönlichkeiten sein, auch ohne diese Vorträge. Gehören aber Heine und Spinoza zur jüdischen Geschichte? Ich glaube, das ist eine Tatsache, die nicht aus der Welt zu schaffen ist. In diesem Kreise wird Ihnen wohl bekannt sein, dass Heine die Hagada, dann unsere mittelalterliche Poesie, unsere Geistesheroen, unsere Kämpfer für Gewissensfreiheit und ihre Märtyrer, die Innigkeit unserer Sabbate und Feste; unser gesamtes Volkstum und Familienleben in seinen Schriften so verherrlichte und ihre Kenntnis so weiten kreisen vermittelte, als es selbst ein Dutzend dazu amtlich Berufener und solcher die sich dazu aufwerfen, kaum zu tun vermöchte, wenn ihm auch hie und da ein Lapsus passierte, wie andern auch. Und wie tief hat Heine seinen Uebertritt öffentlich bedauert und mit welchem ätzenden Hohn überschüttete er die der Karriere halber übertretenen Ganse und Itzigs. Ich wette die betreffenden Stellen seiner Schriften wiegen sogar eine Exhorte des sogenannten Religionslebens auf. Aber Spinoza!! Wer teilt heute noch alle seine philosophischen, historisch-politischen, theologischen und naturwissenschaftlichen Ansichten? Namentlich seine religionsgeschichtlichen sind längst überholt und werden es um so mehr, je mehr die Wissenschaft ihre gleich voraussetzungslose Kritik nach allen Seiten hin wird richten können und wollen.. Er ist uns aber ein teures Bild eines unbeugsamen Denkers, der seine Ueberzeugung, sie mag manchmal irrig gewesen sein, man muss sie nicht teilen, um materieller Vorteile willen, selbst in der grössten Not nicht preisgibt, solange bis er sie nicht durch richtigere ersetzen kann. Niemandem zu Liebe, aber auch niemandem zu Leide. Er ist es, der das freie Denken und freie Forschen, für das alle so feurig schwärmen — viele freilich besonders dann, wenn es auf Kosten der anderen geht — bis in unsere Tage in der europäischen Wissenschaft festgelegt hat Seine Theorien wäreji heute nicht viel wirksamer, wenn man ihn nicht vor ein Ketzergericht gestellt, wenn man ihn nicht gegen seinen Willen aus der Gemeinde gestossen hätte. Es war ein Fehler — ein begreiflicher, ein verzeihlicher in der Bedrängnis durch die Inquisition vielleicht — denn die übrigen freien Konfessionen alle (s. de Witt) trieben es damals noch ärger — aber immerhin ein Fehler, und wir, die Erwachsenen wenigstens, wollen nicht nur aus den Vorzügen unserer Vorfahren lernen, sondern auch aus ihren Fehlern. Beide sind uns gleich teuer, denn beide flössen aus reinen Quellen, beide wurden in der besten Absicht geübt. Uebfigöhs könnte selbst der „Religionslehrer* einem Konvertitenmacher nichts Besseres antworten, als Spinoza es seinem ehemaligen Schüler Bruck gegenüber getan, der ihn für den Katholizismus gewinnen wollte. (Brief 73 bei Auerbach.) Spinoza gehört also nicht bloss Jn die Geschichte der Juden, sondern auch in die des Judentums — aus dem er selbst nicht ausgetreten ist, wie er auch keiner anderen Konfession

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