Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1908)
- Date
- 1908-01-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 1 Anmerkung der Redaktion. Unser Mitarbeiter, Herr Rüben Brainin, teilt uns aus seinem umfangreichen in Stockholm gesammelten Material nachstehende Episode mit: Als vor zwei Jahren in Russland die Revolution ausbrach, meinte König Oskar II. gegenüber Dr. Klein: „Lieber Freund! Ist es denn richtig, dass Ihrn Juden in Russland an der Spitze der Revolution stehen V Dann dürfen sie sich nicht beklagen, wenn man sie verfolgt." Dr. Klein erwiderte: »Majestät! Die Juden sind überall Loyale Bürger, wo man sie nach Recht und Gesetz behandelt. In Russland herrscht aber nicht Gesetz, sondern G e w a l t. Ich selbst wäre in Russland auch ein Revolutionär." Darauf meinte der König: „Sie haben vollkommen Recht.« MORITZ FRÜHLING. Die jüdischen Radetzky-Soldaten. i. In ganz Italien schlugen die Flammen der Empörung auf und das lombardisch-venetianische Königreich — der Besitz Oesterreichs — befand sich in furchtbarer Gälirung. Je mehr man die Macht des Kaiserstaates fürchtete, desto glühender ward der Hass gegen die „deutschen Unterdrücker" und namentlich gegen die österreichischen Soldaten, in denen man nur den barbarischen Henker italienischer Freiheit erblicken wollte. Studententumulte, Zigarren-Krawalle, Attentate gegen Offiziere und Schildwachen, Skandale in den Theatern und Demonstrationen jeder Art verrieten schon seit Wochen die autgeregte und feindselige Stimmung und am 19. Jänner 1848 sah sich Feldmarschall Radetzky veranlasst, seinen stolzen Armeebefehl zu verkünden: .Noch ruht der Degen fest in meiner Hand, den ich durch 65 Jahre mit Ehre auf so manchem Schlachtfelde geführt." Das populärste Stück österreichischer Ruhmesgeschichte begann. In dieser sturmbewegten Periode kamen die Kriegertugenden der jüdischen Soldaten, zumal der unter Rade'tzky dienenden, so recht zur Geltung: während dieser beiden Kriegsjahre lieferten die jüdischen Soldaten rühmenswerte Beispiele ihrer Liebe zu Kaiser und Vaterland, ihres willigen und verlässlichen Gehorsams, unbedingter Fahnentreue, hervorragenden Mutes und grenzenloser Opferwilligkeit. Während der Koalitionskriege gegen Frankreich haben die jüdischen Soldaten sozusagen erst ihre militärische Schule durchgemacht; unter Radetzky sind sie bereits herzerfreuendes, heldenhaftes Soldatenmaterial. Wer zählt die Namen aller braven jüdischen Soldaten, die sich unter Feldmarschall Radetzky militärische Verdienste erworben haben? Nurzwei Episoden bezüglich ihrer unter schweren Verhältnissen bewahrten Fahnentreue und einige Beispiele ihres heldenhaften Mutes mögen hier Würdigung finden: Einige Soldaten des Infanterie-Regiments Nr. 44 fielen in die Hände der Insurgenten. Unter diesen Leuten waren drei, welche nach Ueberwindung vieler Gefahren und Mühen ihre Fahnen aufsuchten. Als sie Feldmarschallleutnant Fürst Karl Schwarzenberg belohnen wollte, lehnten sie das angebotene Geld dankend ab. Einer von ihnen bat nur — dem Fürsten die Hand drücken zu dürfen. Als Feldmarschall Radetzky von diesem schönen Zuge Nachricht erhielt, setzte er von demselben mit nachstehendem speziellen Generalsbefehl die Armee in Kenntnis: „In einer Zeit, wo Verrat und Treulosigkeit das Losungswort der Wahrheit geworden, wo die h ö c h s t e n Diener des Staates und der Kirche Pflicht und Ehre v e r 1 e u g n e n, ist es ein erhebendes und wohltuendes Gefühl, wenn die schönsten Tugenden der Ritterlichkeit sich in das Herz des treuen Kriegers flüchten. Ich halte es für meine besondere Pflicht, einen solchen schönen Zug zur Kenntnis der Armee und der Welt zu bringen." Durch die Treulosigkeit eines Kommandanten verführt, fielen einige Soldaten des dritten Bataillons Alb recht in die Hände der später bei Gastelnuovo vernichteten Insurgenten. Drei derselben, Bernardo Bissoni, Giovani Locati und Arrangelo Zocca ranzionierten* sich selbst. Feldmarschall-Leutnant Fürst Schwarzenberg stiess auf diese braven Männer, befragte sie über die Art ihrer Gefangenschaft und bot ihnen ein Geldstück zur Belohnung an. Giovani Locati trat hervor und antwortete dem Fürsten: „Non ho bisogno del suo danaro, mi dia la sua mano. Le preterisco a tutto l'oro del mondo. Ho prestato giuramento all' imperatore e saprö mantenerlo in qualunque siasi occasione.*' (Ich brauche Euer Geld nicht. Gebt mir Eure Hand. Ich ziehe das allem Geldeswert vor. Ich habe meinem Kaiser ninen Eid geschworen und ich werde ihn in jeder Lebenslage zu halten wissen.) .Ich bringe diese hochherzigen und stolzen Worte in der Sprache, in der sie gesprochen, zur Kenntnis und bin überzeugt, dass sie in den Herzen aller meiner braven Soldaten einen Widerhall finden werden." (Geschichte des Infanterie-Regiments Nr. 44.) Bernardo Bissoni und Giovani Locati waren jüdische Soldaten. Der bekannte Historiker Dr. Heinrich F r i e dj u n g erzählt in seinem neuesten Werke „Oesterreich von 1848 bis 1S()0". dass sich während des Feldzuges in Ungarn (1848/40) sehr oft Brüder als Feinde gegenüber standen. So schilderte er, wie Graf Viktor Lein in gen, Hauptmann der Grenadiere in Mailand, nach Neuigkeiten vom ungarischen Kriegsschauplatze begierig, im Offiziers- Kaffeehaus in einem Journal die Nachricht von der standrechtlichen Hinrichtung seines Bruders fand. Eine ähnliche dramatische Szene, wenn auch nicht mit so tragischem Ausgang, spielte sich in einem j üdi sehen Hause in Padua ab. Die Brüder Lazaro und BernardoPellegrini mochten sich seit Beginn der Unruhen nicht leiden und zankten bei jeder Gelegenheit recht unbrüderlich. Gelegentlich eines Wortwechsels riss Lazaro, Student der Paduaner Universität, seinem Bruder Bernardo, Korporal in kaiserlichen Diensten, die Zigarre aus dem Munde und warf sie zum Fenster hinaus. Bernardo, weniger durch diese Insulte als durch den politischen Charakter dieser Demonstration gereizt, erklärte seinem Bruder, er würde ihn arretieren und der Hauptwache abliefern, wenn ihn hievon nicht die Rücksicht auf ihre Mutter abhalten würde, Lazaro reagierte heftig. Er müsse sich seines Bruders schämen, weil er ais kaiserlicher Soldat gegen die Freiheitskämpfer sei: er solle nur zu Garibaldi übergehen, wo sie dann Beide für die Freiheit kämpfen würden. ,Und mein Fahneneid?" fragt Bernardo : „soll ich ihn brechen?" Der Bruder stutzt; er ist um eine Antwort verlegen. Nein, das kann er, der Idealist, der Freiheitskämpfer, seinem Bruder allerdings nicht y.umuten. Aber er werde sich sofort in die Garibaldi-Schar einreihen lassen, und ihn. den eigenen :i:Man versteht darunter, aus der < iefangenschaft flüchten und zur Fahne zurückkehren.