Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 54 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2425679-2425680-2425721--0547-2426838- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
-Nr./54 „Neue National-Zeitung* Seite 11 |?eHi! „lüabn"*) Dramain vier Akten und einem Vorspiel von Jakob Scherek. (Aus dem dritten Akt.) Rabbiner: Nicht mir allein ist das passiert. Sie wissen es wohl noch nicht? Sechzehn Dienstmädchen von jüdischen Familien hat man gestern ausgeforscht! R.oth: Der Untersuchungsrichter oder der famose Dr. Merkel? Rabbiner: Beide. Erst der Antisemit und dann der Richter. "Was soll der Richter machen? Tut er's nicht, so schlagen die Zeitungen Lärm. Der Yater von Fritz Rempel ist sogar nach Berlin gefahren, zum Minister. Er will bis zum Kaiser gehen. Man soll endlich die Juden scharf anfassen, sonst wird man den Mörder nicht entdecken. G-rünfeld: (erregt.) Richter sind unabhängig. Die haben blos zu fragen nach dem Gesetz! Wozu sind die Gesetze da? Damit, wenn die Leute werden wild, man sie halten kann im Zaum! Seit wann darf der Pöbel verlangen, was der Richter soll tun oder was der Staatsanwalt soll tun? Der Pöbel mag schreien, bis der Mond fällt runter, die Gesetze müssen bleiben! Die Richter müssen verschliessen ihre Ohren und nur handeln nach dem Gesetz, nach der Gerechtigkeit! Rabbiner: Gesetze . . . Gesetze . . . Wenn «in Sturm kommt, brechen die stärksten Bäume. Ich will Ihnen was erzählen, Herr Grünfeld: Im letzten Sommer war ich in einem Bad in Schlesien, in Landeck. Dort fliesst ein ganz kleines Flüsschen — die Biele nennen sie's — nicht mal ein Flüsschen, es sieht aus wie ein breiter Bach. Zu beiden Seiten Von diesem kleinen Flüsschen haben sie nun ganz [hohe Mauern gebaut. Wie ich das gesehen hab, hab ich lachen müssen. Als ob man steckt ein Wiesel in ■den Käfig von einem Löwen. Ich hab nun die Leute gefragt: Wozu habt ihr so hohe Mauern gebaut bei einem so kleinen Flüsschen? Und sie haben geantwortet : Im Frühling, wenn der Schnee schmilzt, oder i wenn mal kommt ein Wolkenbruch, wird dieses Flüsschen sehr gross und das kleine Wasser, was jetzt unschuldig aussieht, wird wie ein wütender Riese. Und wenn die hohen Mauern nicht wären, würde alles überschwemmt werden und würde viel Vieh ertrinken und viele Häuser würden einstürzen. .... Sehen Sie, Herr Grünfeld, diese hohen Mauern sind die Gesetze für das kleine Flüsschen, sowie wir Gesetze haben für die Menschen. Sie sind nötig, um Schaden zu verhüten. Aber was nützen sie, wenn eine ganz wilde und böse Zeit kommt? — Wie ich nun dort war in Landeck, hat's mit einemmal zwei Tage lang geregnet und wie ich eines Morgens aufwache, hör' ich, wie es gurgelt, wie die Glocken läuten und wie die Menschen schreien. Was soll ich Ihnen sagen? Es war ein grosses, ein fürchterliches Entsetzen! Wir haben uns alle Hals über Kopf retten müssen in die Häuser, die weiter oben liegen . . . Wo waren die; *) Über vielseitiges Ersuchen bringen wir aus diesem, in Preussen verbotenen Theaterstück, welches den Kampf der Juden gegen das Blutmärchen dramatisiert, eine der packendsten Szenen zum Abdrucke. In einem Lande, wo ein -Hilsner schmachtet, entbehrt diese Szene-nicht der Aktualität. Die Eedaktion. - hohen Mauern? Darüber weg sind die fürchterlichen Wasser gegangen und haben viel, vier Unglück gebracht. Sogar Menschen sind umgekommen! . . . . Und nach drei Tagen war das Wasser wieder klein und die Sonne hat geschienen und ein Fremder, der gekommen wäre, hätt' gewiss nicht geglaubt, dass dies kleine Wasser soviel Unglück hat anrichten können und dass die ganz hohen Mauern nicht haben verhüten können, das Unglück. . . . Auf die Gesetze, Herr Grünfeld, darf man nicht allzufest bauen. Sie sind Menschen werk! Wenn ein Sturm kommt, können sie zerbrechen und nützen gar nichts. (Bedeutungsvoll) Auf Gott muss man vertrauen! Und gerade Sie, Herr Grünfeld — (Er bricht ab) Grünfeld: Warum ich? Eabbiner: Sie wissen's ja ... . Gegen Sie richtet sich am meisten der Hass des Volkes. Mutter: (ängstlich) Hert Ihr nichts? Roth: Grossmutter ist schon ganz schreckhaft geworden. — Es ist nichts, Grossmütterchen. Rabbiner: Ich frag' mich schon lange, ob es nicht gut wäre, wenn Sie vielleicht Ihrer Familie — Roth: Deshalb bin ich hergekommen. Grünfeld: Ich bin kein Feigling. Ich lauf' nicht weg! Rabbiner: Als in Landeck die Überschwemmung war, sind wir auch geflohen ins Trockene. Man kann nichts anderes tun in solchen Fällen. Grünfeld: Das hier ist keine Überschwemmung. Das hier sind dumme Leute, dieman kann einsperren, wenn sie tun Unrechtes. Ich vertrau' auf die Gesetze und ich vertrau' auch auf Gott! Darum bleib ich hier! Und wenn alle sagen: ich hab' ermordet den Fritz oder ich hab' dabei geholfen — ist es deshalb wahr? Was sind Reden? Dummheiten! Lügen! Man bläst sie, wenn man hat ein reines Gewissen .... Kommt doch her und redet mir ein (auf die Arme weisend) hier sind Stricke nun! Mögen sie's sogar drucken in den Zeitungen, mag die ganze Stadt kommen und mögen alle mir schrei'n in die Ohren: „Grünfeld, Deine Arme sind gebunden, ganz fest, mit ganz schweren Stricken! Du kannst Sie nicht rühren! * Und mögen sie's beschwören bei Gott und bei ihren Teufeln! — Nun (er streckt die Arme in die Höhe uud dann kraftvoll nach aussen.) Wo sind die Stricke? Wo sind die Reden? Wo sind die Eide? Bin ich nicht frei? Wenn ich nicht bin gebunden, bin ich nicht gebunden. Und wenn ich nicht bin ein Mörder, bin ich kein Mörder, mag sich die ganze Welt stellen auf den Kopf! (Es wird gegen die Tür geklopft. Roth öffnet sie. Der Bürgermeister, zwei Polizisten und vier Gendarmen treten ein. Draussen wird das Geschrei eines Volkshaufens hörbar.) Bürgermeister: Im Kamen des Gesetzes! Ich habe den Auftrag, den Fleischer Julius Grünfeld, seine Frau, Jenny und beider Sohn, Markus, zu verhaften. — Ich bitte Sie, mir. ohne Widerstand zu folgen. Grünfeld: (sich seine Arme ansehend, zitternd) Sollen doch Stricke sein um die Arme? (Er reisst sie auseinander, wild) Nein! Nein! Ich bin frei! (Er bleibt kampfbereit in dieser Stellung.) Jenny (steht mit dem Gesicht gegen die "Wand und weint, Markü'ä in trotziger Haltung.)