Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 54 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „Neue National-Zeitung* Nr. 54 Tochter an einen Christen verheiratete, da war es damals selb^tverständlichj wiewohl der Kultüsvorstand freisinnig war, dass der Präsident aus dem Kultusvorstand austritt. Borkenau hat diese Konsequenz ohueweiters gezogen. Herr Hof rat Dr. Benjamin E, ap p o p o r t, Mitglied des israelitischen Kültusvorstandes von Wien, verheiratet seine Tochter an einen Christen, und setzt sich kurze Zeit darauf zur Beratung des Kultusvorstandes über die Mikwah hin, wie wenn garnichts geschehen wäre! Dafür geriert sich der jetzige Kultusvorstand als „orthodox*! Und i iemand rührt sich, weder die anderen 35 Kultusvorsteher, noch die jüdisehe Presse,um Herrn Hofrat ßapp oport aufmerksam zu machen, dass er in der jüdischen Kultusgemeinde nichts mehr zu suchen habe. Ich habe persönlich garnichts gegen Herrn Hofrat E. a p p o p o r t; es ist ja möglich, dass er von seinem christlichen Schwiegersohn in Brüssel auch nicht erbaut ist. Aber es gibt Tatsachen, aus denen wir--die Konsequenzen ziehen müssen, auch wenn wir sie nicht selbst verschuldet haben. Ein Mann, der seine Tochter an einen Christen verheiratet, ist in einem jüdischen Kultusvorstand eine lächerliche Figur. Genehmigen Sie etc. etc. Anm. der Red. Wir stimmen dem sehr geehrten Herrn Einsender selbstverständlich vollkommen bei! Wir können aber seine Entrüstungnicht teilen, da uns beim jetzigen Kultus vorstände garnichts mehr wundert. Der Herr Einsender hat ja selbst durch Hervorhebung des Falles Borkenau eklitart bewiesen, worin die „Jüdischkeit" des Kultusvorstandes in der Aera Stern-Güdemann sich von früheren Zeiten unterscheidet. ■■• Es ist jedoch ein Irrtum des Herrn Einsenders, wenn er glaubt, dass wir den Fall verschwiegen hätten. Wir mussten über diese horrende Tatsache, auf welche wir vielseits aufmerksam gemacht wurden, bestimmte Informationen einholen. Wir hätten jedenfalls keinen Anstand genommen, den Fall, bei dem es sich nicht um den Privatmann Rapp, oport, sondern um denFultusyorstand handelt, gebührend festzunageln. Jüdische Jugend- und Volksbibliothek. Wien, den 18. Dezember. (Orig.-Korr.) Wie wir bereits berichteten, wurde ein Komitee zur Ausarbeitung der .Statuten des „Vereines zur Errichtung Jüdischer Jugend- und Völksbibliotheken" eingesetzt. Zur Beratung dieser Statuten wurde für gestern vom Komitee eine Versammlung geladener Gäste einberufen. Es kam jedoch zu keinem Resultate. Bereits beim § 1 ergaben sich Differenzen betreffs Stilisierung des Vereinszweckes. Ein Teil der Versammelten verlangte, dass in erster Linie die Errichtung jüdischer Volksbibliotheken, ein anderer, dass die Schaffung von Jugendschriften in Betracht gezogen werden solle. Da diesbezüglich keine Einigung erfolgte, wurde beschlossen, die Statuten an das Komitee zurückzuleiten. Zu diesem Zwecke wurde auch das Statutenkomitee erweitert. Bei dieser Gelegenheit wäre der Kommission zu empfehlen, dass sie den § 3, worin der Verein unter die Kuratel des Kultusvorstandes gestellt wird, einer gründlichen Revision unterziehe. Allerdings ist Herr Schuldirektor Heller fast vom Sessel gefallen, als Dr. S. R. L an 4 a u sich dagegen verwahrte, dass der neugegründete Verein, statt der gesamten Oeffentlichkeit zu dienen, sich in das Schlepptau des Kultusvorstandes nehmen lasse. Allein es dürften in der Kommission auch Leute sitzen, die von der Kultusgemeinde nicht abhängig sind, und die daher in ihrem Tun und Lassen sich lediglich vom allgemeinen Wohl, nicht aber von der Wahlpolitik des Kultusvorstandes leiten lässeh. Herr Heller hat den Kultusvorstand gegenüber Herrn Dr. L a ri d a u in Schutz genommen und sagte folgendes: „Wir wollen ja nur, dass die, KuUusgemeinde erlaubt, unsere Vereinsgelder in ihre Kassen zu legen ..." Mit diesen Worten hat Herr Heller jedenfalls den Beweis erbrächt, dass er sich für die freigewördene Stelle eines Oberschammes im Stadttempel vortrefflich eignet... Von der Czernowitzer Universität. Gzernowitz, lo. Dezember 1907. (Orig.-Korr.) Das Desiderium der jüd.-nat. Studenten ist teilweise erfüllt. Die Nationalitätsklausel ist vermerkt worden. Der vorjährige Rektor Prof. Dr: Eugen Ehrlich hat seinerzeit versprochen, im Rektorätsberichte die Nationalitätsklausel auszuweisen und bei der Inauguration des neuen Rektors seine Zusage erfüllt. In dem Rechenschaftsberichte des Prorektors wurde ausdrücklich hervorgehoben, dass von den 308 Studierenden mosaischer Konfession sich 184 zur jüdischen Nationalität bekannt haben. Die Zahl der ordentlichen Hörer betrug im vorigen Jahre 766* der ausserordentlichen 149. Davon bekannten 406 die deutsch, 176 die rumänische, 101 die ruthenische Mutter^ spräche ein; 357 gehören dem gr. or., 119 dem röm. kath., 50 dem gr. kath. Glauben an. Die 308 Hörer mosaischen Glaubens sind in der Zahl 406 deutscher Mutterspräche mitgerechnet und würde die Ziffer der deutschen Studenten, wenn mann die Juden abrechnet,* sich bloss auf 98 stellen. Der neue Rektor Prof. Dr. Kozak, hat den Chargierten der akad. Verbindung „Hasmonaea* versprochen, in gleicher Weise wie sein Vorgänger die Nationalitätsklausel im Rektoratsberichte auszuweisen, so dass bei entsprechender Agitation ein grosser Teil der noch ausstehenden Hörer mosaischer Konfession sich zur jüdischen Nationalität in einer der Rubrik Muttersprache angefügten Klausel bekennen dürfte. Deutsches Reich. Die Notlage in Palästina. Berlin. „Der Hilfsverein der deutschen Juden" hat nachfolgenden Bericht über die Notlage in Palästina erhalten: „War schon durch den Regenmangel im letzten Winter, welcher eine Missernte zur Folge hatte, eine Verteuerung der Lebensmittel zu erwarten, so ist dieselbe bedeutend gestiegen durch den erhöhten Einfuhrzoll, durch die exorbitanten Ernteabgaben, welche die Fellachen veranlassen, einen grossen Teil ihres Bodens brach liegen zu lassen und nicht minder infolge der stetig zunehmenden Immigration. Eine aufgestellte Preistabelle sämtlicher Konsumartikel wie Fabrikate beweist eine Steigerung um 30 %. Zu dieser aussergewohnlichen Teuerung kommen noch die Umstände hinzu, dass in diesem Jahre das Wasser in den Zisternen bereits im Juni zu Ende war und die arme Bevölkerung während fast 5 Monate das Wasser zu ungewöhnlich hohem Preise kaufen musste und ferner, dass durch die finanziellen Krisen im Auslande alle, Wohltätigkeitsanstalten eine Verminderung der Einnahmen zu verzeichnen haben. Die Notlage wird in diesem Moment noch vergrössert durch das rigorose Vorgehen der Behörden beim Eintreiben der Militärsteuer und durch die besonderen Bedürfnisse im Winter. Durch das schlechte Trinkwasser hat sich ausserdem der Gesundheitszustand der armen Bevölkerung in den letzten Monaten des Sommers sehr ungünstig gestaltet. Angesichts dieser Notlage hat der Hilfsverein der deutschen Juden seinem Geschäftsführer im Ehrenamt Herrn Dr. Nathan, der zur Zeit in Palästina weilt, die