Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 54 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr: 54 „Neue National-Zeituug' Seite 7 , . Nacji dem Vortrage serviert man den Besuchern Thee. Wie die Institution der Toynbee-Hallen überhaupt, hat man auch diese Sitte aus England übernommen. Und wahrhaftig, die Tasse Thee ist das Elixir der Gemütlichkeit. £s stimmt das Ganze aut einen gemütvollen, familiären Ton. Das Ehrenamt des Theesevierens versehen reizende junge Damen, die uns graziös und einladend die Tasse anbieten. Die lieben Fräuleins fühlen sich beleidigt, wenn man ihnen den Thee ablehnt. Denn mit dieser Erfrischung soll nicht die Armut der Besucher demonstriert werden, sie soll vielmehr das Gefühl des Zuhauseseins in den Besuchern wachrufen. Darauf wird strenge Bedacht genommen: Die Halle soll nicht ein Sammelpunkt der Armen, sondern eine Sammelstelle der Bildungsbedürftigen sein. Ob diese nun arm oder reich sind, wird überhaupt nicht untersucht. Vom sozialen Standpunkte aus lässt sich erfreulich feststellen, dass es zumeist die Aermsten sind . . .. Wie überall, fehlt es auch hier nicht an Unzufriedenen; es richten sich auch gegen dieses Institut Beschwerden, von denen manche nicht ganz unberechtigt sein mögen. Manche wünschen eine nationale Tendenz, andere wieder eine minder feste Disziplin. Aber es wäre trostlos in die Harmonie der vielen schönen Abende in der Toynbee-Halle, die Disharmonie von Beschwerden tönen zu lassen. Freuen wir uns doch ganz ungestört darüber, - dass es für viele Müde und Bedrückte einen Ort gibt, der ihnen auf Stunden die Illusion eines schöneren Lebens bietet, sie anregt und belehrt; dass es ein trauliches Heim gibt, das wie ein kleiner Ausschnitt aus dem Traum von Jahrhunderten anmutet: wir sind daheim... m. sch—1. das PHRfcHmenc. Durch die Annahme des Ausgleiches mit Ungarn sind sowohl die Volker Österreichs, als auch das Parlament von einem schweren Alp befreit worden. Die Bahn ist frei für eine legislatorische Tätigkeit auf. den verschiedensten Gebieten. In erster Linie wird wohl endlich eine vernünftige Regelung der nationalen Beziehungen eintreten müssen. Die kleinlichen nationalen Streitigkeiten müssen friedlich beigelegt , werden, die nationalen Minoritäten müssen durch ein Gesetz gegen Vergewaltigung und Bedrückung geschützt werden. Den parlamentarischen Vertretern der jüdisch-nationalen Idee erwächst die bedeutende Aufgabe, bei dieser Gelegenheit auch die Rechte der jüdischen Minorität zu wahren. / . * Der jüdische Klub hat für den Ausgleich gestimmt und hat diese Haltung mit der Staatsnotwe.ndigkeit begründet. Der ruthenische Klub hat gegen den Ausgleich gestimmt, um dadurch gegen die Bedrückung durch' die Polen und die Staatsbehörden zu protestieren. "' ' * Der ruthenische Abgeordnete, Professor D n i estrianskyj hat an die Regierung eine Interpellation überreicht betreffend die Schaffung einer Rubrik „Nationalität* bei der bevorstehenden Volkszählung. "Wir haben bereits wiederholt die Aufmerksamkeit des jüdischen Klubs auf diese Lücke in der Völkszählungskarte gelenkt. Da der jüdische Klub es bisher unterlassen hat, nach dieser Richtung einen Schritt zu unternehmen, so ist es erfreulich, dass dies wenigstens, von einer anderen Seite geschehen ist. : f .": .' . , *' Der Abg. Dr. Straucher hat gemeinsam mit dem Jüdischen Klub an die Regierung wegen Einfuhr von zollfreiem Getreide nach Czernowitz eine Interpellation gerichtet. SPR&CHSftöL Jüdische Christbäume. Sehr geehrter Herr Redakteur! Es wird Ihnen gewiß bekannt sein, daß Christbäume ein Weihnachtsartikel sind, der seit Jahren in keinem israelitischen Haushalt fehlt. Die;Kinder solcher „jüdischer- Familien sehen dem „Christkindl" mit dem gleichen Herzklopfen entgegen wie die Christenkinder . . . Die beliebte Motivierung, es handle sich bloß darum, . den Kindern eine Freude zu bereiten," ist unwahr und fadenscheinig. Denn der Weihnachtsbaum ist das Symbol einer anderen Religion, wie ungefähr die Chanukalichter eine Zeit jüdischer Volksherrlichkeit wachrufen. Dem Christbaum sehen viele jüdische Kinder mit Glücksgefühlen entgegen, von der Bedeutung des Chanukafestes wissen sie nichts. Der jüdische Christbaum verkörpert also die Ignoranz gewissenloser Eltern, die ihrem Kinde das Recht auf Kenntnis seiner Volksgeschichte vorenthalten; der jüdische Christbäum ist das Symbol der Assimilation .... In diesen Tagen beginnt die antisemitische Presse alljährlich den wirtschaftlichen Boykott und ermahnt das „christliche Volk"; „Kauft nur bei Christen! . . .u Dieser schöne Grundsatz jener Partei findet in vorbezeichneten Israeliten" warme Verfechter. Denn schließlich kann's ja doch passieren, daß man in einem jüdischen Geschäfte die zur Verzierung des Christbaumes gehörige Bethlehemer Krippe nicht erhält, und so ist's gut, „nur bei Christen zu kaufen-*. Wahrlich, es gibt Momente, wo man sich entschließen muß, den Antisemitismus gelten zu lassen. Dieses eklige Nachäffen der Gewohnheiten anderer ist eine Zudringlichkeit, die sich nirgengwo vorfindet, als bei unseren — Israeliten. Könnte man sich Herrn Bielohlawek beim Anzünden der Chanukalichter denken? . . . Komischer Gedanke! . . . Wenn aber Herr Blaustein (Seidenwaren en gros) mit seinen Lieben unter dem Weihnachtsbaume sitzt, — begreift man das? . . . Ich icht. ... F. K. flORRSSPOND&NZCN Österreich-Ungarn. Wien. (Oeffentliche Plenarsitzung des Kultus-Vorstandes.) Sonntag, den 22. Dezember 1907, V210 Uhr vorm. Tagesordnung: Festsetzung der Voranschläge der Einnahmen und Ausgaben der Kultusgemeinde und sämtlicher unter Gemein de-Verwaltung stehender Fonde und Anstalten. Hofrat Benjamin Rappoport. Wien. Wir erhalten von einer hervorragenden Persönlichkeit, die den orthodoxen Kreisen angehört, nachstehendes Schreiben: Geehrter Herr Redakteur! Mit grossem Interesse verfolge ich die in Ihrem werten Blatte erscheinende Austrittsliste. Ist doch dieselbe ein „document humain", aus welchem der zukünftige jüdische Geschichtsschreiber sein Urteil über den moralischen Stand des Judentums unserer Tage schöpfen wird. Ein trauriges Dokument!---- Allein, ich muss sagen, dass ich den Austritt einer bestimmten Person aus dem Judentum, die sich damit ein für allemal ausserhalb der jüdischen Gemeinde stellt, noch eher begreifen kann, als das Verhalten des jüdischen Kultusvorstehers, der seine Tochter an einen Christen verheiratet, trotzdem aber noch immer im jüdischen Kultusvorstand Sitz und Stimme behält. Und über diesen Fall wird geschwiegen? Als vor ungefähr 20 Jahren der Präsident der Kultusgemeinde, Pollak v. Borkenau, seine