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Neue Nationalzeitung · 1907-12-20 · Heft 54 (20.12.1907) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 54 (20.12.1907)
Date
1907-12-20
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „Neue National-Zeitung*, Nf.'.5±. häuser, jene Stätten, in denen sich die Armut reich fühlt, und im gewaltsamen Vergessen des vergangenen und kommenden Tages den satten Spiesser kopierend, der „der Welt an Haxen ausreisst" .. . In einer Seitengasse dieses Viertels finden wir ein freundliches, erhelltes Gebäude: die T o y n b e e-H alle. Sie ist keinem mehr fremd, der sich für Volksbildung überhaupt, und für jüdische Volksbildungsbestrebungen im Besonderen interessiert. Als ein Zug vortrefflicher sozialer Einsicht soll es gelobt werden, dass man die Toynbee-Halle in diese Gegend der Aermsten verlegte. Denn sie sind es, denen die schöne Institution in erster Reihe zugedacht ist. Die Toynbee-Halle ist ein jüdisches Institut, wie aus ihrem offiziellen Titel deutlich hervorgeht, ihr Publikum ist ein durchaus jüdisches, wenn auch Andersgläubigen der Eintritt nicht verwehrt wird. Mit grossen Mühen wurde um die Erhaltung dieser Bildungsstätte gekämpft, und erst seit zwei Jahren kann man mit Genugtuung konstatieren: sie ist materiell gesichert. Mir schien es am besten, einen Feiertag zur Auffrischung alter Erinnerungen zu wählen, an einem"Feiertage zu den genossenen früheren Anregungen neue zu finden. Denn wenn auch die Vortragenden der Toynbee- Halle an keinem Abend feiern, so hat auch sie ihre Feiertage: es sind die Abende, die von bekannten und illustren Rednern ausgefüllt werden. Seit Jahren ist es für die Besucher der Halle ein wahrer Festtag, wenn Adolf Gelber am Vortragstische erscheint. An' solchen Tagen äussert sich der . Enthusiasmus des Publikums durch einen hartnäckigen Kampf um die verfügbaren Plätze. Wir treten in den Saal. Es ist ein hoher, freundlicher Raum. Auf bequemen Stühlen sitzen an 500 Personen : männliches und weibliches Publikum durch eine (vielleicht zu grosse) Distanz geschieden ... Dichtgedrängt alt und jung nebeneinander. Man findet Leute darunter, die seit die Halle besteht, Abend für Abend zu Gaste sind, die förmlich zu ihrem ideellen Inventar gehören. Ein Greis mit schneeweissen Haaren, der, seit ich ihn kenne, jede interessante Konstatierung des Vortragenden mit ganz eigenartigen Rufen des Erstaunens hinnimmt; der „Kritiker", ein ewig-unzufriedener Hörer, dem es immer »vorkommt", als hätte er das alles schon gehört, und der seine Gegenausführungen stets mit dem schwer zu widerlegenden Argument bekräftigt, — dass er .überhaupt recht* habe; Und weiter die rührende Gestalt einer alten, blinden Frau, deren faltenreiches Gesicht das ganze Interesse der Zuhörerin widerspiegelt, der man es ansieht, dass das gesprochene Wort an ihr nicht vorüberflieht, dass sie innig hineinhorcht... Abend für Abend sitzt sie seit Jahren auf einem Platze der ersten Sitzreihe, sie geniesst eine bevorzugte Behandlung, die grösste Rücksicht wird ihr zuteil. Das gleiche ergebene Lächeln ist in ihrem Gesichte — wie früher; es ist immer dieselbe Freude, veranschaulicht zu hören, was sich ihren längst erloschenen Augen nicht mehr zeigt... Wie in. einem Bioskop überfliegt der Blick die verschiedenen Gestalten, Männer und Frauen, findet in manchem Antlitz ein Schicksal; da ein jammervolles, hier und dort ein ergebenes, resigniertes... Die Leute plaudern einstweilen miteinander .. . Nun beginnt der Vortrag. Adolf Gelber weiss seine Hörer im Banne zu halten. Vom ersten bis zum letzten Worte herrscht atemlose Spannung. Die Blicke folgen jeder Bewegung des temperamentvollen, überschäumenden Redners. Das ist ein Publikum, wie ich es jedem ernsten Vortragenden wünsche, das sind Zuhörer, wie sich's die hochbezahlten, derzeit modernen Konferenziers, die vor einer Elitegesellschaft:- sprechen, aus vollem Herzen wünschen würden. L .. Gelber spricht über Moses. Da durfte, man mit;> Recht erwarten, zu vernehmen, wie ganz anders sich der Lehrer unseres Volkes, im Kopfe dieses eigenartigsteh, Psychologen malt. .. Mit packenden: Worten schildert er Leben und Leiden des Volkes in der ägyptischen Sklaverei, er geisselt mit scharfen Worten den verderblichen Geist im Judentum: „Der zersetzende Geist im Volke zerstörte, was; er hätte behüten müssen .;:. So war der Glaube an den Gott der Juden im Erlöschen; nur zwei Frauen lebten in ihm, zwei Frauen waren es, > die ihn hüteten ... bis Moses kam .;. JDie Mutter des Moses war die erste, die sieben Schwerter im; Herzen-' trug; nicht die Maria von Nazareth allein trägt sieben Schwerter im Herzen ..." Dann schildert er die Lebens-; Schicksale des Kindes Moses. Er-findet feine Uebergänge? auf die heutige Zeit, auf das moderne Judentum; was auch Schlechtes und Gutes im Volke liegen' mag, er fördert es zutage. So sagt er: „Der Snobismus im Judentum ist das empörendste und niederträchtigste'-.— er hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten!..." : Snobismus ist auch mitbestimmend, meint Gelber, wenn man die Ueberlieferung, die Prinzessin hätte Moses erzogen, ohne Zweifel hinnimmt. Dann erschliesst er das Innenleben Moses immer mehr vor unseren Blicken; er-, zeigt uns, wie dieser Mensch Befreier werden musste, weil er die heiligen Schauer einer höheren Sendung in sich verspürte. Er liebt seine Brüder glühend; er hasst den Tyrannen glutvoll leidenschaftlich. Er erschlägt den Aegypter, der einen seiner Brüder peinigt. Und dann übt Gelber vernichtende Kritik, sagt er uns bittere Wahrheiten: .... Die jüdische Schnauze überlebt Jahrtausende, sie warf und wirft sich seit Jahrhunderten dem Befreier entgegen . . . Glaubst Du, dass Du mit mir ' verfahren kannst, wie mit dem Aegypter? Moses ist betroffen .. . Der ihn verriet, war ein — Jude . . . .'" Dann sehen wir ihn Juda aus der Sklaverei führen, sehen ihn, lehrend in der Wüste an diesem Volke ver-r zweifeln. Gelber findet hier wundervolle Worte und Gedanken, feine, charakteristische Prägungen: „Er gab ihnen den lebendigen Anschauungsunterricht der Freiheit .. . Moses, der Schöpfer von; zehntausend Kulturen! . . Mo^es verzweifelt an dem Herdengeisfc dieses Volkes. Die Not des Volkes, sein durchdringender, erleuchteter Verstand macht ihn zum sozialen Agitator.; Und wieder hadert das Volk gegen ihn: es verräth ihn zum zweitenmale. Nur die Parias, das Proletariat ist ihm ergeben . . . Dann sehen wir der Wahrheit letztes Ende: den verzweifelten Führer, der verzweifelt an dieser erbärmlichen Masse, die sich selbst den Weg der Freiheit verlegt. „Feile Horde von Sklaven I ..." Urid so schliesst Gelber in dem Momente, da Moses unter dem Volke steht, und ihnen die'zwei Wege weist; den einen nach vorwärts über den Fluss . .. den anderen zurück in die Sklaverei .... Und da löst sich die atemlose Spannung in einen Beifallssturm, der sich immer wieder erneuert,, als wollten die Leute ihrer Dankbarkeit für jedes Wort. Ausdruck geben.... Die Jugend und" das Älter, der lebendige Gegensatz von Zeit und Jahren findet sich in tiefer Ergriffenheit. Das ist Gelbers eigenste Kunst: er mag das Problem entferntester Zeiten wählen,,er findet überall den Weg der zu unsj zu unseren; Tagen führt. Unvergesslich wird mir seine gründtiefe Psychologisieruhg der „Märchen aus Tausend und' eine Nacht" bleiben, So führt er seine Hörer in seinen 3Vorträgen aus. Vergangenem in's Gegenwärtige,;läset-'sie. aus: frerhde.ni Seelenleben das eigene erkertrieny. .:; ' \';/_ ,;

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