Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 54 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 54 „Neue National-Zeitung" Seite 5 zu sehen, wie fassungslos man mancherseits der urwüchsigen Schöpfungskraft unserer bedeutendsten Maler gegenübersteht. Dass das veranstaltende Komitee, nämlich der „Verein zur Förderung jüdischer Kunst", seiner Aufgabe nicht gerecht wurde, das zu beurteilen ist nur der imstande, dem die wirklich jüdischen Sujets nicht fremd sind, der das Jüdische im Schaffen eines U r y, G1 y c e nsteiny- Israels - etc. nicht ohne weiters gelten lässt, sondern .wohlweislich unterscheidet! In dieser Hinsicht weist die Ausstellung gewisse Mängel auf. Wie befremdlich muss es wirken, wenn z. B. Max Liebermann gänzlich fehlt? ... Und wenn von Israels und Lesser Ury gerade die schwächlichsten jüdischen Sujets ausgestellt werden. In der Wahl der anderen Bilder hat der veranstaltende Verein leider keine besonders glückliche Hand bewiesen. Ich habe schon einleitend auf die verschiedenartige Beurteilung hingewiesen, die diese Ausstellung jüdischer Künstler seitens berufener Kritiker erfährt und will im nachstehenden einige dieser Urteile wiedergeben. Prof. Oskar B i e schreibt im „ Berliner B.¬ Courier" : .Alle jüdische Kunst war unselbständig und die Beschreibung des Tempels in der Bibel zeigt wohl Sinn für Pracht, aber eine vollkommene Unfähigkeit zu klarer plastischer Anschauung .... Man sieht: Eine Ausstellung jüdischer Künstler ist fast eine Art Zufallssache: sie beweist höchstens, wie sehr manche Juden verstanden haben, ihre Rasse zu überwinden; so ist sie zugleich „philosemitisch" und . antisemitischu. Der Ruhm dieses Jüdischen ist das Nichtjüdische .... Zum Beispiel: Der Fall Ury. Man versteht ihn nur, wenn man ihn in dieser Umgebung sieht. Seine alttestamentarischen Bilder, seine Landschaften, seine Porträts, seine Stilleben haben die Merkmale des Judentums ... Und noch mehr: er ist immer mehr Jude geworden ... Wenn ihr ihn so versteht, werdet ihr ihm seine besondere Stelle'geben, und sein Charakterbild erst anfangen zu erkennen ... Die „Vossische Zeitung" äussert sich durch Prof. Ludwig P i e t s c h : „Der grösste unter den jüdischen Künstlern ist unbestritten der alte Josef Israels in Holland. Er ist hier durch acht Oelgemälde, die zu seinen köstlichsten Werken von so grosser malerischer wie ergreifender seelischer Wirkung zählen, und durch sechs Radierungen vertreten. Zwei der glänzendsten Leistungen sind die beiden grossen Gemälde von Solomon J. Solomon (London) .... Als ausgezeichneter Künstler von tiefer warmer Empfindung und grosser malerischer Tüchtigkeit weisen sich Leonid Pasternak in Moskau und Pilichowski in Paris aus ... Auch an bedeutenden Werken plastischer Kunst von jüdischen Meistern ist kein Mangel in diesen Sälen : Der grösste russische Bildhauer, der verstorbene Antokolski, war ein Jude. Von ihm sind vier herrliche Köpfe ausgestellt.... Salomon Rachumowski (Paris) sandte ein ergreifendes Bildwerk ein: die Gruppe: .Nach dem Pogrom", — ein bärtiger jüdischer Vater über sein erschlagenes Kind gebeugt. Eine dritte Abteilung bildet die im hohen Mittelraum gruppierte reiche Sammlung jüdischer Altertümer . . Das ehemalige Bismarckische Organ, die offizielle „Norddeutsche Allgem. Zeitung", schreibt: „Diese Ausstellung, welche entschieden zu den besonders bemerkenswerten im Berliner Kunstleben des Jahres 1907 zählt, öffnete kürzlich in der Galerie für alte und neue Kunst, Wilhelmstrasse 45, ihre Pforten .. . Unter den Skulpturen findet sich neben manchem Bekannten viel des Ueberraschenden und, was mehr sagen will, Ausgezeichneten .. ..." Fritz Stahl's Kritik im ,.B erlin er Tageblatt" lautet: „Der Katalog bezeichnet als die Absicht der Veranstalter, auf eine Reihe von allgemein interessierenden Fragen die Antwort finden zu helfen. Haben die Juden bildnerisches Talent? Zeigt sich in ihren Arbeiten eine Gemeinsamkeit, die auf der „Rasse" beruht? Ist eine „spezifisch jüdische Kunst" auf dem Marsche? Jeder Fachmann kann diese Fragen ohne Aufstellung beantworten. Es gibt bei allen Völkern eine immer wachsende Zahl von Künstlern jüdischer Herkunft, schwache, mittlere, gute und grosse. Niemand kann daran denken, das Vorhandensein bildnerischen Talents abzustreifen, wenn man Namen wie Israels, Liebermann, Pissarro, Antokolski nennt, die ihren Platz unter den ersten Künstlern ihres Landes unbestritten behaupten. Daneben stehen noch viele Namen, die auch, wenn auch nicht so gut klingen. Diese Künstler haben keinen gemeinsamen Zug, sondern gehören in die Kunst der Länder, in denen sie leben, erzogen wurden und schaffen.; Jüdisches mag hier und da anklingen, in demselben Sinne wie etwa bei Knaus Rheinisches oder bei Menzel Schlesisches. Von einer spezifisch jüdischen Kunst kann unter den heutigen Verhältnissen nicht die Rede sein, da es kein Volkstum und keine Kultur gibt, die sie tragen, keine .Heimat", aus deren Art sich ihre besondere Ausdrucksweise ergeben könnte .... Die eigenartige Poesie des alten synagogalen Gottesdienstes mit seinem vom Hauch ferner und fremder Zeit umwitterten Formen und Formeln hat, ausser Goldberg in seinem unbeholfenen und unvollendeten Versuch, niemand empfunden. Und die Darstellungen aus den Judenverfolgungen der letzten Zeit beleidigen das menschliche Gefühl, um auch hier nicht vom jüdischen zu reden, durch ihre Eiseskälte. Diese akademische Zusammenstellung armer und durch Misshandlung kranker Menschen zu rührenden Gruppen ist furchtbarste Modellmalerei. Jede Phantasie hat aus Zeitungsnotizen stärkere Erschütterungen verspürt, als diese Künstler aus dem eigenen Erlebnis: kein Schrei der Verzweiflung, kein Schrei der Empörung." Das meiste Interesse darf wohl eine Besprechung von Rudolf Lothar beanspruchen, welche das Wesen der jüdischnationalen Idee richtig erfasst. Lothar hat d:e Aussteilung recht {reffend charakterisiert. „Haben die Künstler, deren Werke hier vereinigt sind, haben etwa Josef Israels, Camille Pissaro, Lesser-Ury, Isidor Kaufmann, Marc Antokolsky, Emanuel L. Frank, Coschell und Eichhorn gemeinsame Kennzeichen, die auf die gemeinsame Rasse hinweisen? Es wäre schwer, solches zu konstatieren und doch macht die Ausstellung einen einheitlichen Eindruck. Man hat die Empfindung, als hätte der Jude als Künstler von seinen Lehrmeistern überall das Beste gelernt, um es dann in das Moll des eigenen Gefühlslebens zu übersetzen. Es liegt die Schwermut des Bedrückten, der Pessimismus des Weisen, der Leid und Leiden erfahren hat, über diesen Bildern. Und sehen wir starke Akkorde, so ist es der Aufblick eines Gläubigen zu Gott, ist es das Vertrauen in die Kraft des Gebetes, die weltvergessene Hingabe an die Lehren der Väter. Ist es nicht seltsam zum Beispiel, wie bei Josef Israels die Anschauung eines Meunier vom Klange hebräischer Melodien durchzittert ist? Es sind keine Juden, die Israels malt, es sind Leute aus dem holländischen Volke, Fischer und Bauern, aber in der weichen Linie liegt die Melodie. Durch die Luft fliegt sie, nur dem Ohre des Stammesgenossen recht verständlich. Charakteristisch ist das starke und kräftige Heraustreten des Porträts in der Ausstellung. Wir finden einige Meisterbilder dieses Genres, so ein Porträt von Horovitz in Wien, ein Mädchenbild von Oppenheimer in London, ein Familienbildnis von Solomon und, um einen Jüngeren zu nennen, ein famoses Doppelporträt von Coschell. Coschell hat übrigens auch das interessanteste Historienbild beigesteuert; „Abigail vor David\ Neben dem Porträt dominiert die Landschaft und hier könnte man versucht sein, zu glauben, dass der Jude mehr Kolorist als Zeichner ist. Dass die Synagoge mit all ihrer lastenden Melancholie, mit all den geheimen Hoffnungsfreuden ihrer Feste in der Ausstellung eine grosse Rolle spielt, ist selbstverständlich. Die tiefste Stimmung hat hier Pilichowski erreicht und sein _Laubhüttenfest4 und sein „Versöhnungstag" üben den unmittelbaren Zauber unvergänglicher Poesie. Von den allbekannten Meistern wie Antokolski und Pissaro rede ich nicht. Nicht was sie ausstellen, sondern ihre Zugehörigkeit sei hier hervorgehoben." Gin Hbend in der Uoynbee-ßalle. Adolf Gelber über Moses. Weit draussen in der Brigittenau. Wenn man vom Zentrum der Stadt kommt, mutet die Gegend leer und verlassen an! Eine lange Strasse, so schmucklos und verdüstert. Haus an Haus enge aneinander; viele müde Menschen in den dumpten Stuben .. . Armeleutmilieu ... Hier wohnt das Proletariat, leben die Mühseligen und Beladenen in kompakter Masse. Sie geben diesen Strassen das traurige Gepräge, und als wirksame Folie findet man auf Schritt und Tritt Branntweinschänken, Wirts-