Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 53 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 53 Neue National-Zeltung« Seite 9 Industrie und Aerater sind in jüdischen Händen. Ich sehe in Ihrem Fremdengesetz ein Zeichen der gleichen Vorgänge. Es ist unnötig, von den meisten anderen Ländern Europas zu sprechen. Aber es besteht keine Gefahr, daß der Judenschaft etwas ernstliches geschehen könnte. Ich denke, die Religion wird aussterben und dann wird auch die Tendenz, die Juden zu verfolgen, verschwinden. In vielen Ländern macht der Sozialismus große Fortschritte. Sozialisten sind keine Antisemiten. Sie bringen dem Gegenstande nach keiner Richtung Interesse entgegen." „Aber," warf ich ein, „wenn die Religion ausstürbe, würde da nicht auch das Judentum aussterben?" „Nein, niemals; denn es besteht so eine Art Rassenstolz, Stolz auf die großen Männer der Vergangenheit. Das ist das Gefühl, das ich über jüdische Dinge habe und das wird niemals aussterben. Diejenigen von uns, die diesen Rassenstolz haben — und es werden in Zukunft mehr sein als heute, denn ich bemerke eine große Renaissance des jüdischen Gefühls, die nicht immer jüdisch-religiöses Gefühl in sich schließt — diejenigen von uns, sage ich, welche diesen Stolz haben, werden immerwährend stolz sein, sich Juden zu nennen und deshalb werden die Dinge, für welche Juden einstehen — einfaches Leben, hohe Denkungsart und edle Sitten — mehr ins Gewicht fallen als heutzutage. Es ist wahr, wir stehen heute großen Schwierigkeiten gegenüber und ich war immer bereit, meiner Rasse nach meinem besten Können zu helfen. Herzl bat mich, ihm beim Sultan zu helfen und ich tat, was ich konnte. WolfEsohn kam und ich helfe ihm, so viel ich kann. Zangwill hat mich auch angegangen und ich werde auch für ihn, was ich kann, tun. Ich bin weder Zionist noch Itoist, aber was immer ich tun kann, um meinen Brüdern zu helfen, will ich tun." „Niemals verzweifeln!" Beim Abschied sagte der Professor herzlich: „Kommen Sie ganz bestimmt wieder zu mir und vergessen Sie nicht, mich aufzusuchen, wenn ich wieder nach London komme, was nicht unmöglich ist." Seine Schlußbotschaft an die Juden war „nil desperandum — niemals verzweifeln!" und mein letzter Eindruck war, als säße ich zu Füßen eines großen Mannes, dem die Tore des Lehrens und des Führens offen gestanden haben und welcher mit seiner lieben, grauen, krausköpfigen Frau in jenem Frieden lebt, den nur ein hartes Leben bei schwerer Arbeit erzeugt. Palästina. Hungersnot in Jerusalem. Jerusalem, den 25. November. (Orig.-Korr.) Der diesjährige Winter brachte der heiligen Stadt geradezu eine Hungersnot. Tausende von Armen, darunter viele Kinder, liegen am Hungertyphus darnieder und in dem grenzenlosen Elend weiß man wahrlich nicht, wo mit der Abhilfe zu beginnen ist. Der ganze Jammer ist auf das Ausbleiben von Regen zurückzuführen. Auch im Vorjahre war der Regenfall zu gering und die Folge davon war die diesjährige schlechte Ernte, die unter jeder pessimistischen Erwartung stand. So stiegen die Preise der unentbehrlichsten Lebensmittel ins Ungeheuere. Dazu kam eine plötzliche Wasser not, die Wasserzisternen, welche die Vorräte an Trinkwasser bergen, waren schon im Juni ausgetrocknet und nur wenige können sich den Luxus gestatten, für ein unappetitliches, gelb und trübe aussehendes Wasser, die Monatstaxe von Frks. 20—30 zu bezahlen. Und wiewohl im Laufe dieser Woche der heißersehnte Regenfall eintrat, so war er doch viel zu gering, um dem großen Uebel abzuhelfen. Es kann nicht wundernehmen, wenn unter solchen Umständen die arme Bevölkerung von schweren Krankheiten verschiedener Art heimgesucht wird. Traurig ist es, daß es unserer Wohltätigkeit an jedweder Organisation mangelt. So weiß man nicht, wo beginnen? Die sephardische Gemeinde versucht schon seit langem, die Mehlteuerung zu bekämpfen; bisher ohne jeden praktischen Erfolg. Viele Anforderungen werden jetzt an die Wohltätigkeitsinstitute Jerusalems gestellt. Vor kurzem erst kam der große Trupp marokkanischer Flüchtlinge in die Stadt und diesen armen Brüdern, die mit Mühe ihr Leben gerettet, mußte Hilfe geboten werden. Dann dauert der Einzug unserer russischen Brüder noch immer fort; sie finden trotz der strengen Einwanderungskontrolle in Beyrut dennoch den Weg ins heilige Land Auch sie kommen hungernd an, und auch sie verlangen Hilfe. Nun rückt auch noch die jährliche Umzugsperiode heran und damit beginnt die Erhöhung der Mietzinse selbst für die kleinsten elenden Wohnungen, was neuen Jammer schafit. In Europa jammert man über die schlechte Art der Wohltätigkeitspflege. In Jerusalem aber ist das Elend so groß und vielseitig geworden, daß die Wohltätigkeit versagen muß, daß man den Hill:- und Ratlosen, hilf- und ratlos gegenübersteht. Die Mittel sind zu knapp, um auch nur halbwegs Abhilfe zu schaffen und eine dieser Tage stattgehabte Konferenz beschloß, sich mit einem Hilferuf an die Brüder in Europa zu wenden. j. s. ^US ALLEN UEltfCiLEN Die galizischen Juden in Amerika, mit dem Sitze in New-York, entfalten eine äußerst rege Tätigkeit auf dem Gebiete der Wohltätigkeit. Vorige Woche wurde mit dem Baue eines eigenen Hospitales begonnen, das den Namen „Har-Hamoriah-Spital" führen wird. Das Spital, in dem vorläufig 70 Betten belegt werden sollen, wird auch eine besondere Abteilung für Augen-, Ohren- und Hautkrankheiten haben. Das neue Krankenhaus ist in erster Linie für Unbemittelte gedacht, indem die Kranken vollständig freier Pflege und Behandlung teilhaftig werden sollen. Die Juden und die Universität in Oxford. Israel Abrahams, Dozent der rabbinischen Literatur in Cambridge, hielt jüngst in Oxford eine öffentliche Vorlesung, worin er auf die verschiedenartigsten Verdienste hinwies, die sich die Juden vor ihrer Vertreibung aus England (um 1290) um letztere Stadt erworben haben. So waren z. B. die Juden in Oxford die ersten, die zu jener Zeit' daselbst Häuser für sich selbst aufbauten, die aus massiven Bausteinen bestanden, während alle anderen Gebäude der Stadt nur hölzerne waren. Nach ihrer Vertreibung wurden diese Häuser vom Staate konfisziert und in Lehrhallen für die Universität umgewandelt. Diese Steinhäuser dienten verschiedenen nichtjüdischen Architekten in England als Modelle für ihre späterhin errichteten Gebäude. Unter den damaligen Oxforder Juden befanden sich einige berühmte Aerzte, deren Dienste auch im Auslande zuweilen in Anspruch genommen wurden. Bemerkenswert ist auch die von Mr. Abrahams erwähnte Tatsache, daß die Oxforder Juden ein eigenes Tribunal hatten, dessen Existenz von der englischen Regierung gestattet war. Die Jaden für die Neger. Der Republican-Club in New-York hat eine Proklamation für die Neger erlassen, welche die Juden mit nachstehenden Worten apostrophiert: Die Juden, welche durch Generationen ausgestoßen waren und die jetzt in Rußland und