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Neue Nationalzeitung · 1907-12-13 · Heft 53 (13.12.1907) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 53 (13.12.1907)
Date
1907-12-13
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Neue National-Zeltung« Nr. 53 mehr als 300 Personen als Opfer der damaligen Unruhen das Krankenhaus haben aufsuchen müssen; außerdem lagen einige 40 an ihren Wunden im Krankenhause lange Zeit schwer darnieder. Diese Zahlen geben ein Bild von dem Umfange der Unruhen, das nicht weggeleugnet werden kann. * Die Judenexzesse in Odessa dauern fort. Der Hilfsverein der deutschen Juden erhält aus Odessa soeben folgenden Bericht: Am 5. Dezember fanden gelegentlich der Beerdigung eines Verbändlers neue Ausschreitungen gegen die Juden statt. Etwa ein Dutzend Juden wurden wiederum verwundet, die meisten von ihnen durch Dolchstiche. Am anderen Tage besuchten der Stadthauptmann und der Polizeimeister die Verwundeten im jüdischen Krankenhause und hatten so Gelegenheit, sich von den Ausschreitungen der Verbändler zu überzeugen. Der Stadthauptmann sagte den Verwundeten, daß die Administration nichts gegen den Verband der echt russischen Leute unternehmen könne, weil der Verband eine patriotische Organisation sei. Er riet den Verwundeten, sie möchten doch Anzeige erstatten gegen die, die ihnen die Wunden beigebracht haben. Das ist natürlich nicht möglich, da man die Verbändler nicht festgenommen hat. So müssen auch diese Untaten wieder unbestraft bleiben. Polemik zwischen Dr. Levin und „Alliance". Das deutsche Bureau der „Alliance Israelite Universelle" versendet nachstehenden Brief: „Sehlgeehrte Redaktion! Herr Schmarja Levin, weiland Mitglied der russischen Reichsduma, seit längerer Zeit sich in Deutschland aufhaltend, hat an dem von uns verbreiteten Bericht vom 1. Dezember über die jüngsten Vorgänge in Odessa Anstoß genommen. Gestützt auf die Tagesberichte von Odessaer Zeitungen, deren Zuverlässigkeit von hier aus zu prüfen er garnicht in der Lage ist, behauptet Herr Schmarja Levin, daß unsere bisherigen Meldungen den Tatsachen nicht entsprachen. Wir haben nicht gesagt und sagen nicht, daß die Verhältnisse in Odessa normal seien. Wenn aber unser Korrespondent, Herr Rabbiner Dr. Awinowitzki, ein sehr eifriger und vortrefflicher Jude — nebenbei bemerkt: er gehört zu den Führern der Zionisten — uns wörtlich am 1. Dezember auf unsere telegraphische Anfrage, was in Odessa geschehen sei, depeschiert: „Unbedeutende Straßenvorfälle, sonst ruhig," so glauben wir seinem Zeugnis mehr, als den Berichten von Odessaer Blättern, auf die allein Herr Schmarja Levin sich beruft. Jedenfalls ist es von Interesse, durch Herrn Schmarja Levin zu erfahren, daß er in Berlin auf Grund verschiedener Odessaer Zeitungen die Telegramme verfaßt und verbreitet, durch die ohne Not und ohne Ursache Schrecken hervorgerufen wird. Sensationelle Aufbauschungen von an sich bedauerlichen Vorkommnissen mögen im Reporterinteresse liegen — in unserem jüdischen Interesse liegen sie nicht. Ich darf von Ihrer Loyalität erwarten, daß Sie dieser Richtigstellung gegenüber den Schmarja Levinsehen Ausstreuungen in Ihrem geschätzten Blatte Raum gewähren." * Anmerkung der Redaktion! Wir haben obigen Brief unter Weglassung der darin enthaltenen stärkeren persönlichen Angriffe veröffentlicht und überlassen nun das Wort Herrn Dr. Levin selbst. Sehr geehrte Redaktion! Ich erlaube mir, Sie zu bitten, von folgendem Briefwechsel Kenntnis zu nehmen. Berlin-CharlOttenburg, den9.Dezember 1907. Dr. Schmarja Levin. An den Hilfsverein der Deutschen Juden Berlin. Anbei gestatte ich mir, Ihnen einen Brief einzusenden, den Herr M. A. Klausner, Geschäftsführer der deutschen Konferenzgemeinschaft der „Alliance Israelite Universelle" an die Zeitungen verschickt hat. Der Ton und die eigenartige Schreibart dieses Zirkuläres überheben mich der Mühe, mich mit ihm zu befassen. Ich möchte nur mit Bezugnahme auf folgenden darin enthaltenen denunziatorischen Passus: „Jedenfalls ist von Interesse, durch Herrn Schmarja Levin zu erfahren, daß er in Berlin auf Grund verschiedener Odessaer Zeitungen die Odessaer „Telegramme" verfaßt und verbreitet, durch die ohne Not und ohne Ursache Schrecken hervorgerufen wird" und mit Rücksicht darauf, daß der Hilfsverein der Deutschen Juden, wie bekannt, die Nachrichten über Odessa verbreitet hat, von Ihnen eine Bestätigung haben, daß ich bei diesen Telegrammen unbeteiligt bin. Dr. Schmarja Levin. * Herrn Dr. Schmarja Levin, Charlottenburg. Sehr geehrter Herr! In Beantwortung Ihrer Anfrage bestätige ich Ihnen gerne, daß der Hilfsverein der Deutschen Juden von Ihnen niemals irgendwelche Mitteilungen, weder in Form von Telegrammen noch in Form von Berichten zur Weiterverbreitung bezogen oder erhalten hat. Es erübrigt sich also, dies bezüglich der Odessaer Telegramme noch speziell zu erklären. Unsere Telegramme, an deren Zuverlässigkeit für uns kein Zweifel sein kann, stammen übrigens, wie bei dieser Gelegenheit hervorgehoben sei, von zwei sehr bekannten Bürgern Odessas, an deren Glaubwürdigkeit zu zweifeln ich keine Veranlassung habe, die begreiflicherweise in Anbetracht des gegenwärtig herrschenden Strafsystems in Rußland nicht genannt werden können. Hilfsverein der Deutschen Juden. James Simon. Zu diesem Briefwechsel habe ich noch hinzuzufügen, daß ich — mit Ausnahme des Protestbriefes, der nicht den Charakter eines Berichtes trägt — nie in meinem Leben irgendwelche Berichte an deutsche Zeitungen verschickt, noch für ein Publikationsinstitut gearbeitet habe. Dr. Schmarja Levin. England. Professor Vamberys jüngste Enunziationen. London. Ein hiesiges Blatt veröffentlicht ein Interview seines Budapester Korrespondenten mit Professor Vambery über die Judenfrage. Der Gelehrte erklärte: „Ich wiederhole Ihnen, ich bin kein Jude der Religion nach, aber ich bin ein nationaler Jude und ich habe kein wie immer geartetes Gefühl des Verzagens für meine Rasse. Ihre Behandlung in vielen Ländern ist beklagenswert. Hier in Ungarn leiden wir unter dem Antisemitismus. Budapest ist sogar noch mehr antisemitisch als Wien-, das kann vielleicht durch die Tatsache erklärt werden, daß so viele Juden kein Selbstbewußtsein an den Tag legen. Um offizielle Stellen zu erlangen, haben sie sich taufen lassen oder sie verleugnen ihre Abstammung. Sie können es mir glauben: zwei Drittel in Bezug auf Kunst, Wissenschaft,

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