Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 53 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 53 »Neue National-Zeitung« Seite 7 2>ÄS PARLAMENT. Als besondere Aktualität dieser Woche ist jedenfalls die Beantwortung der Interpellation Dr. Gabel und Genossen in Sachen des erschossenen Rekruten Herschkovits seitens des Landesverteidigungsministers anzusehen. Die Antwort des Ministers war offen und aufrichtig; sie ist daher in tatsächlicher Beziehung eine vollinhaltliche Bestätigung der Interpellation und der von uns an diesen Vorfall geknüpften Bemerkungen. Der jüdische Rekrut Herschkovits wurde nicht unabsichtlich oder zufällig angeschossen. Er wurde von seinem bestialischen Vorgesetzten einfach ermordet. Die Antwort des Landesverteidigungsministers von Georgi hat nachstehenden Wortlaut: In Beantwortung der Interpellationen der Abgeordneten Winarsky und Dr. Gabel, betreffend die Tötung des Infanteristen Michael Herschkovits bringe ich — fährt der Minister fort — den Inhalt des mir vom Reichskriegsministerium zur Verfügung gestellten Berichtes des 2. Korpskommandos vom 29. November laufenden Jahres dem hohen Hause zur Kenntnis. Infanterist Michael H erschkovits wurde am 24. November 1. J. gegen 8/44 Uhr nachmittags, im Zugszimmer 62 der Stiftskaserne, durch einen vom Korporal Johann B a 1 i n t aus einem Dienstgewehr abgegebenen Schuß getötet. Laut den im kurzen Wege eingeholten Akten befahl am genannten Nachmittag Korporal Balint dem Herschkovits, im langsamen Marschtempo im Zugszimmer zu marschieren, was Herschkovits auch tat. Sodann ließ Balint durch zwei Infanteristen zwei Bänke übereinanderstellen, damit Herschkovits über dieselben springe. Da er dies nicht ausführen konnte, ließ ihn Balint durch die Bänke kriechen und rief schließlich, er werde Herschkovits erschießen, man solle ihm ein Gewehr bringen. Während ein Infanterist ein Gewehr holte, entnahm Balint aus seinem Koffer eine scharfe Patrone, seiner Angabe nach einen »Versager«. Balint lud das Gewehr, brachte es in Anscnlag, der Schuß ging los und Herschkovits stürzte lautlos zusammen. (Rufe: Unerhört!) Die im Zugszimmer anwesenden Personen behaupten, den Eindruck gewonnen zu haben, daß Balint lediglich einen Scherz machen wollte. Der militärgerichtliche Augenschein wurde dem Infanterieregimente Nr. 51 zur gerichtsherrlichen Entscheidung übersendet. Infanterist Herschkovits soll bereits früher von dem Korporal Balint körperlich mißhandelt worden sein. Der genannte Unteroffizier befindet sich in Untersuchungshaft. Ich kann nicht umhin, dem Gefühle der Entrüstung über diesen geradezu empörenden Vorfall Ausdruck zu geben (lebhafter Beifall) und halte nur mit Rücksicht auf die im Zuge befindliche Untersuchung mit einer schärferen Verurteilung zurück. Ich kann auch versichern, daß die ganze Armee die gerechte Entrüstung, die über dieses traurige Vorkommnis in der Oeffentlichkeit Platz gegriffen hat, i m vollsten Maße teilt. (Beifall.) Nach Abschluß des eingeleiteten Strafverfahrens, dessen Beschleunigung ich betrieben habe, werde ich nicht verfehlen, das Ergebnis dem hohen Hause mitzuteilen. Der Minister knüpft daran noch die Versicherung, daß er es als seine Pflicht erachte, den Geist der Roheit in der Armee gründlich auszurotten. Ueber eines, und zwar über das Wichtigste, ging der Minister mit Stillschweigen hinweg, nämlich über die Frage, inwieferne die Ermordung des Herschkovits mit den antisemitischen Auswüchsen in der Armee zusammenhängt. Nach dieser Richtung würde durch eine Debatte über die Interpellationsbeantwortung Klarheit geschaffen werden können. Allein es hat sich im ganzen Parlamente niemand gefunden,. der diese Debatte beantragt hätte. Wir halten den Fall Herschkovits keineswegs für erledigt. Mit der Verurteilung des Korporals ist den armen Eltern, die ihre einzige Stütze verloren haben, nicht geholfen. Mxms?Rmmi Dieser Teil unseres Blattes steht unseren Lesern zur Verfügung. Wer der Oeffentlichkeit in jüdischen Fragen etwas zu sagen hat, wer an die jüdische Oeffentlichkeit appellieren will, dem stellen wir diesen Raum gern zur Verfügung. Die Redaktion. Ein hervorragender jüdischer Gelehrter schreibt uns: Blasphemie. Der Vorarlberger Abgeordnete Dr. Drexel hat in seiner Parlamentsrede zur Verteidigung der Rechte der Kirche auch die Stellung der Partei, deren Vertretung er übernommen, gegenüber dem Judentum gekennzeichnet Diese Kennzeichnung gipfelt in dem Satze, daß die Juden »eine Rasse für sich« und die Arier, welchen er angehöre, auch »eine Rasse für sich« sei. In weiterer Folge will er konstatieren, daß »diese beiden Rassen im großen und ganzen nicht zusammenpassen«. Wenn sich seine Unterscheidung der Rassen auf die vorchristliche Aera beziehen würde, so könnte ihm vielleicht nicht unrecht gegeben werden. Sicherlich haben sich die germanischen Eichelfresser in den herzynischen Wäldern von den damaligen Juden als Rasse wesentlich unterschieden. Seitdem jedoch Jesus als Stifter eines neuen Glaubens in der Welt erschienen ist und eine so gewaltige Umwälzung in Glaubens- Sachen hervorgerufen hat, nimmt es sich geradezu als eine Blasphemie aus, wenn »arische« Priester und Anhänger seiner Lehren gegen die Nachkommen der jüdischen Rasse, aus welcher er, nach dem Zeugnisse der Evangelien, hervorgegangen ist, Front machen und diese Rasse als eine »verächtliche Rasse« hinzustellen bemüht sind. Eine Verlästerung der Stammesgenossen des Stifters des Christentums wäre für gläubige und denkende Christen die größte Versündigung an diesem Mittelpunkt der Dreieinigkeit. HCRRESPCN&eNZCN Oesterreich-Uli garn. GenieinderafoMner Dr. Moriz Bauer. Wien. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien hat Se. Ehrwürden Herrn Dr. Moriz Bauer in seiner Eigenschaft als Rabbiner des israelitischen Tempelvereines im VIII. Bezirke im Sinne des § 44 des Kultusgemeinde-Statutes zum Gemeinderabbiner bestellt. Dr. Leopold Padawer s. A. Bielitz. Ein tragischer Unfall erweckt in allen Kreisen der Bevölkerung schmerzliche Teilnahme. Der hiesige Advokat Dr. Leopold Padawer wurde während eines Bades, das er in seiner Junggesellenwohnung nahm, durch das aus dem schadhaft gewordenen Badeofen ausströmende Gas betäubt und morgens tot aufgefunden. Dr. Padawer genoß als Advokat einen ausgezeichneten Ruf und erfreute sich allgemeiner Sympathien. In den nächsten Tagen sollte die Vermählung des Verunglückten stattfinden. Während der letzten Kultuswahlen wurde der Verstorbene als Jüdischnationaler zum Mitgliede des Kultusvorstandes gewählt. Deutschland. Die jüngsten Bluttage in Odessa. Berlin. Die Nachrichten über die Bluttaten in Odessa am 27. und 28. November werden dem Hilfsverein nunmehr auch brieflich von verschiedenen der angesehensten jüdischen Bürger Odessas bestätigt, deren Gewissenhaftigkeit nnd Glaubwürdigkeit nicht angezweifelt werden kann. In gleicher Weise wie diese Nachrichten bestritten worden sind, waren auch von derselben Quelle und gleichzeitig auch von der russischen Telegraphenagentur die Unruhen im August und September bestritten worden. Jetzt liegt nun dem Hilfsverein eine offizielle Mitteilung des jüdischen Krankenhauses in Odessa vor, wonach