Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1907-12-13 · Heft 53 (13.12.1907) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 53 (13.12.1907)
Date
1907-12-13
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2425679-2425680-2425720--0529-2426819
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 6 »Nene Hational-Zeitung« Nr. 53 besten zum Ausdruck, daß sie ihre wöchentlichen Ratenzahlungen mit der größten Pünktlichkeit und peinlichsten Genauigkeit abführt. In der Zeit von drei Jahren — so lange besteht diese Filiale — hat sich auch in Zablotöw keine dubiose Forderung ergeben, trotzdem der Leiter der Anstalt, Herr Isidor Ornstein, darauf bedacht ist, gerade die ärmsten Volksschichten am meisten zu berücksichtigen. Nur in einem einzigen Falle wurde eine Wochenzahlung um einen Tag verzögert. Das betretende Mitglied entschuldigte aber die Verzögerung telegraphisch (!) mit seiner Abwesenheit. So beweist diese Darlehenskasse das Gegenteil von dem, was man in gewissen Kreisen den Ostjuden zum Vorwurf macht: Unpünktlichkeit und Insolvenz. Und diese Pünktlichkeit ist es vorzüglich, der wir das Gedeihen der Anstalt zu verdanken haben. Einen zweiten, nicht geringer anzuschlagenden Faktor bilden die Schulleiter der Baron Hirsch-Stiftung. Diese Herren geben sich die redlichste Mühe, die Anstalten nach bestem Wissen und Gewissen zu führen und zu erhalten. Mit der größten Selbstlosigkeit arbeiten diese Herren jahraus jahrein im Dienste der guten Sache; als einzigen Lohn erhalten sie den Segen der armen Bevölkerung, die durch diese Geld institute von der Auswucherung befreit worden ist. Wird die Pünktlichkeit der Mitglieder und die musterhafte Geschäftsführung der Herren Schulleiter nach Gebühr gewürdigt? Leider müssen wir mit einem entschiedenen Nein antworten. Die Kassen werden nicht einmal genügend mit Geld versorgt. In Zablotöw z. B. müssen die Mitglieder mitunter zwei Monate warten, bis sie das bewilligte Darlehen bekommen. Daß dadurch die in Aussicht gestellte Hilfe um ein Beträchtliches reduziert wird, ist ebenso wahr, wie betrübend. Ich kenne Fälle, wo die Mitglieder, nachdem sie die bewilligte Anleihe _ sich schriftlich hatten bescheinigen lassen, sich erst ein Interimsdarlehen gegen immense Zinsen suchen mußten. Auch ist zu wiederholten Malen der Versuch gemacht worden, die Selbständigkeit der Bank durchzusetzen, was bei einem solchen Geschäftsgänge gewiß keine Anmaßung ist; bis nun ist die Sache unerledigt geblieben. Dieser letzte Umstand ist der zweite Grund, der mich veranlaßte,vonden „ICA"schenDarlehenskassen überhaupt und von derjenigen in Zablotöw im besonderen zu schreiben. Diese Kassen sind eben nicht in eine Linie mit anderen philantropischen Bewegungen zu stellen. Sie haben eine große Aufgabe und eine Zukunft, umsomehr, als sie keine Wohltätigkeits Institutionen, sondern sehr lukrative Unternehmungen sind. Es wäre schade, wenn sie in die Engherzigkeit und Einseitigkeit philantropischer Großtuerei verfallen sollten und dadurch zugrunde gingen. Die JCA" muß in erster Linie darauf bedacht sein, dort, wo ihre Kassen schon einmal existieren, sie auch selbständig zu machen. Und dann muß der Galdstrom nicht so spärlich fließen, soll er den Augiasstall des galizischen wirtschaftlichen Rückganges gründlich reinigen helfen. Offene Anfrage an Herrn Professor Dr. Salonion Ehrmann, Kultusvorsteher in Wien. Wie im offiziellen Organ der Wiener israelitischen Kultusgemeinde zu lesen ist, haben Sie in der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 1. Dezember d. J. die folgende bedeutsame Aeußerung getan: „Der Begriff der jüdischen Geschichte darf nicht in gar zu engem Sinne gefaßt werden; wie Spinoza, so gehört Heinrich Heine zur jüdischen Geschichte". Damit wollten Sie doch offenbar — wie dies dann auch aus dem bezüglichen Sitzungsbericht hervorgeht — sagen, daß Vorträge über die beiden überragenden Persönlichkeiten die Begeisterung für das Judentum zu wecken und die jüdische Jugend im Judentum zu erhalten geeignet seien. Wie aber dieses Kunststück zuwege gebracht werden könnte, das verraten sie uns nicht. Wenn nun auch auf der einen Seite zugegeben werden muß, daß das Judentum alle Ursache habe, auf diese beiden großen Söhne stolz zu sein, so kann doch auf der andern Seite nicht geleugnet werden, daß diese ihrerseits wenig stolz auf das Judentum waren und darauf kommt es in vorliegendem Falle eigentlich an. — Sie wissen zweifelsohne, daß Spinoza aus der jüdischen Gemeinschaft ausgeschlossen wurde und daß diese jüdische Gemeinschaft das volle Recht, ihn auszuschließen, hatte, da er ja Jesus höher als die Propheten hielt, ihn als ein unmittelbares Organ Gottes ansehend, das Evangelium über das Buch des alten Bundes stellte und gegen eine übermächtige rabbinische Autorität wie Maimonides dreist den Vorwurf unverzeihlicher Engherzigkeit und religiöser Borniertheit schleuderte. (Theol. polit. Trakt K. V.). Von Heinrich Heine wissen Sie zweifellos, daß er dem Judentum den Rücken gekehrt und Christ geworden. Nach meiner einfältigen Meinung nun sind Vorträge über Spinoza und Heine weit eher geeignet, die jüdische Jugend zum Abfall vom Judentum zu bringen, als sie bei demselben zu erhalten. Denn daß diese beiden Söhne des Judentums hervorragende Persönlichkeiten waren und Bedeutsames für die Menschheit leisteten, das wird die jüdische Jugend und nicht minder „ein sozial höher stehendes Publikum des Museums" gerne glauben. Aber gleichzeitig wird sich ihnen mit zwingender Notwendigkeit die Frage aufwerfen: warum diese so auserlesenen Geister sich vom Judentum abgewendet, der eine von dem offiziellen, der andere vom Judentum überhaupt? Und sicherlich wird die Antwort lauten: Weil das Judentum den Ansprüchen, die sie an eine Religion stellten, nicht genügte. Sind sonach die Gedanken, die derartige Vorträge anregen, geeignet, unsere Jugend für das Judentum zu erwärmen? Ich, für meine Person, muß das entschieden verneinen! Ich sehe da eine große Schädigung, aber beileibe keine Förderung! Spinoza und Heine sind erleuchtete Geister, die aus dem jüdischen Stamm hervorgegangen; aber mit der Religion des Judentums, ja mit diesem selbst haben sie nichts zu schaffen! Oder sind Sie, verehrter Herr Professor, vielleicht im Besitze des Geheimnisses, auf welche Weise das Leben dieser beiden genialen Männer und der dii minorum gentium, von denen heuzutage auf Veranlassung des Kultusvorstandes in Vorträgen soviel die Rede ist — welche letztere zwar im öffentlichen Leben und in ihren Salons ein kurzes Flackerleben fristeten, aber vom Judentum so wenig wußten, daß hier auch nicht die leiseste Spur davon zurückgeblieben — für difr jüdische Jugend nutzbar verwertet werden könnte? Wenn Sie im Besitze dieses Geheimnisses sind — und Ihre Redev ex cathedra läßt dies vermuten— dann wollen Sie. es: uns doch enthüllen; denn wir, die wir die schwere Mission haben,, die heutige jüdische Jugend im Wege des Religionsunterrichtes für das Judentum zu erwärmen, lechzen nach solcher Belehrung. Ein Religionslehrer der Inneren Stadt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.