Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 53 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 ^eue National-Zeftunf™ Nr. 53 „Bukowinaer 'Nachrichten", denen einzelne rassenreindeutsche Universitätsprofessoren manchmal nahestehen sollen, haben vor wenigen Tagen gegen die Uebertragung der venia legendi Dr. Mahlers von Prag nach Czernowitz Stellung genommen und einen energischen Widerstand der deutschen, der christlichen Studenten überhaupt, angekündigt. Ja, noch mehr. Sie meinten, daß der Bestechungsversuch des Dozenten Mahler, seine archäologische Privatsammlung der Czernowitzer Universität zur Verfügung zu stellen, bei den deutschen Professoren nicht verfangen würde. Es scheint also auch an der Francisco-Josephina der antisemitische Geist einziehen zu wollen, und da heißt es rechtzeitig eingreifen. Nicht nur die jüdischen Professoren müssen aus ihrer Reserve heraustreten, auch die getauften sollen mittun und dem Beispiele Prof. Dr. Ehrlichs folgen, Nicht bloß in Privatgesprächen die Ansicht vertreten. In die Oeffentlichkeit müssen sie sich flüchten! Wenn sie es nicht im Namen ihres zurückgesetzten Volkes tuen wollen, nun denn, unter anderem Banner, — im Namen der Wissenschaft. Denn wer weiß, was bei stillschweigender Duldung eines antisemitischen Programmes die nächste Zeit bringen kann. Noch ist der Optimismus Professor Ehrlichs vielleicht gerechtfertigt, daß sich auch ein antisemitischer Professor einem Juden gegenüber leichten Herzens nicht hergibt, eine wissenschaftliche Arbeit für unwissenschaftlich zu erklären, ebenso wie er sich nicht leicht dazu entschließen kann, einen Juden, der eine Staatsprüfung bestanden hat, zu reprobieren, weil er ja sonst seine Amtspflicht gröblich verletzen würde. Das heißt also, er entschließt sich mitunter schweren Herzens doch dazu. Da muß man alle Schäden rückhaltlos aufdecken und jene getauften Kollegen, die noch abseits stehen oder gar die Sache des Gegners vertreten, aufrütteln. Mit der jüdischen Studentenschaft, speziell an der Czernowitzer Universität, muß Fühlung genommen werden, und wir wollen dann sehen, wer das Terrain behauptet. Allerdings einen innigeren Kontakt mit der Hörerschaft, mit der jüdischen natürlich, und schon gar in nationalen Dingen, herzustellen, davor hütet sich in der Regel ein jüdischer Professor, ein getaufter schon gar. Und ebenso wie der Volksmund zu berichten weiß, daß jüdische Richter nicht selten ihren angeklagten Glaubensgenossen aus besonderer Gerechtigkeit eine schärfere Strafe in gesetzlichem Ausmaße zuerkennen, sollen auch jüdische Hörer oft die Härte eines glaubensgenössischen Prüfers, er mag getauft oder nicht getauft sein, zu spüren bekommen. Es gibt wohl rühmliche Ausnahmen, aber im Allgemeinen sollen diese Angaben zutreffen. Die deutschen Professoren, sie haben ihre Studentenschaft, ja viele jüdische Mitläufer trotz aller Fußtritte, hinter sich, weil sie auch außerhalb des Hörsaales mit den Studenten in Fühlung stehen. Der deutsche Student findet ein besonderes Wohlwollen seitens seiner Professoren. Bei den Juden ist es nicht der Fall. Der jüdische Hörer findet in der Regel rücksichtslose Strenge. Wohl läßt sich keine gröbliche Amtsverletzung, keine offenbare „Ungerechtigkeit" gegen ihn nachweisen, aber er fühlt es am Prüfungstische, bei Vergebung eines Stipendiums und dergleichen, daß sein deutscher, der arische Kollege überhaupt, mehr Freunde im Professorenkollegiura hat, als er. Und trotzdem trägt die jüdischnationale Studentenschaft es den jüdischen Professoren, sie mögen getauft oder nicht getauft sein, nicht nach, und wenn der Ruf an sie ergehen wird, dem antisemitischen Ansturm an den Universitäten sich entgegenzustellen, sie werden ihren Mann gewiß überall stellen. Speziell an der Czernowitzer Universität. MAX SCHACHERL, Die flucht aus Amerika. Ehedem hieß es: Die Flucht nach Amerika. Es war eine Zeit, wo der Verzweifelte noch einen Trost hatte: er dachte an Amerika. Und viele, die im Vaterlande nichts gegolten, wurden drüben zu Propheten Andere wieder fanden, daß man nicht gerade im Lande bleiben müsse, um sich unredlich zu ernähren, und versuchten unter der Zucht amerikanischer Gesetze, ehrliche Menschen zu werden. Die ersten, die über den Ozean gingen, mußten starke Menschen, eiserne Naturen sein. Sie kamen in ein Land, von dem wir damals nur wußten, daß es „gigantisch" sei; über dessen innere Beschaffenheit uns Zeitungsberichte nur gemeinplätzliches oder übertriebenes erzählt hatten. Später bekamen auch die anderen Mut. Das Heer europäischer Defraudanten entwand sich mühelos der liebevollen Umarmung der vaterländischen Behörden und landete als „freie Bürger Amerikas" in New-York. Der Verbrecher, der von Not und Elend aus der Heimat Vertriebene, all' die Verfolgten des Schicksals fanden ein Ziel, dem sich ihr letztes Hoffen zuwendete: Amerika .... Die ersten waren Eroberer ... Es waren die brauchbarsten Menschen, die nicht bezwungen werden konnten. Was dann in unabsehbarer Kolonnade nachkam, war eine undefinierbare Masse, die beängstigend an Zahl wuchs. Die anderen großen Zentren der nordaraerikanischen Staaten blieben von dieser Massenflucht verschont, denn Amerika hieß eigentlich New-York. Amerika war New-York, und umgekehrt. Es fehlte nicht an warnenden Stimmen, die in dem unaufhörlichen Zuströmen der verschiedensten Elemente eine große Gefahr kommen sahen. Wohin aber sollten sich die hunderttausende von russischen und rumänischen Juden nach den Pogroms wenden? Wohin das von einer Magnatenclique ausgesaugte ungarische, wohin das von der Willkür einer Schlachta regierte galizische Proletariat? . . . Unausgesetzt flutete der Strom europäischen Elends nach New-York, bis auch dieses Eldorado der Hoffnungsvollen und Hoffnungslosen überfüllt war, bis der Riesenkörper nichts mehr aufnehmen konnte. Unter diesem Eindruck entstand die beschränkende Einwanderungsbill. „Amerika schickte nach Rußland zurück ', aber die drüben blieben, waren auch schon zu viel.... Nachdem wir lange genug vor der Krisis gestanden, stehen wir nun mitten in ihr. Der Krach der „Knickerbooks" und damit der Krach der amerikanischen Finanzwelt schuf das Elend, das sich seit einigen Tagen in Europa sichtbar macht. Die ungeheuere Zahl der Vertrauensvollen hat sich in eine der Mutlosen verwandelt, und was noch den Preis für das Ticket aufbringen kann, entflieht dem einstigen Paradies ... An den österreichischen Grenzstationen allein sind im Verlaufe von zwei Wochen 240.000 Rückwanderer eingelangt und haben uns aus der landesüblichen Ruhe aufgeschreckt. In Hoboken drängt sich Tag für Tag der Schwärm der Rückkehrenden und es mangelt an Schiffsplätzen. In Rotterdam und Hamburg werden die Eisenbahnzüge erstürmt, in Tetschen und Oderberg sieht sich das erschreckte Bahnpersonal vor einer Völkerwanderung. Und trocken avisiert der „Daily Telegraph" für diesen Monat die Ankunft von weiteren 200.000 Rückwanderern. Eine Krisis hüben und drüben . . . Die da dem beginnenden Elende Amerikas entflohen, haben nicht bedacht, wie kümmerlich unsere Verhältnisse sind. Aber die Kämpfe in Oderberg mögen ihnen ein Vorgeschmack, fast ein Symbol sein. Dort haben sie mit Gendarmen um die Plätze in den Waggons ringen müssen, sind hungernd und frierend in Dezembernächten auf freiem