Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 52 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 52 Neue National-Zeitung« Seite 11 MZUiLLEtON SALOMON KASSIER. Aus eines FTlannes üfläddienjahren. Es war im Monate November des Jahres 1904. Da durcheilte die Straßen von Czernowitz ein junges, schmächtiges Dämchen und erregte durch selbstbewußtes, männliches Auftreten bei allen denen, die es ansprach, besondere Aufmerksamkeit. Wer war die resolute Frauensperson, die sich so geschäftig um die wirtschaftliche Lage jüdischer Mädchen, um ihr Sittlichkeitsniveau, um die Landesverhältnisse überhaupt, um die Aufhebung der Mauten, der Propination erkundigte und nach statistischen Daten fahndete? Ich habe in einer auf wenige Gäste beschränkten Konferenz im Saale der Kultusgemeinde die interessante Dame kennen gelernt und nachher durch Anregung einer großen Versammlung in Czernowitz ihre Bekanntschaft allen Neugierigen vermittelt. Und deren waren nicht wenige. Die Dame hatte nämlich einen glänzenden "Vortrag in jener Konferenz gehalten, wovon sich die Kunde mit Blitzesschnelle in der Stadt verbreitete. Eine Dame als Vortragende, ein interessantes Thema: das zog. Fräulein Martha Baer — dies ihr Name — war nämlich als Sendbotin der jüdischen Zweigabteilung des deutschen Nationalkomitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels nach dem Osten entsendet worden und dieser Aufgabe galten ihre Vorträge. Die ungewöhnlich stark besuchte Versammlung im Kathaussaale ist noch vielen Teilnehmern in Erinnerung. Wie glänzend sprach sie dort über die Ursachen des Mädchenhandels, über das osteuropäische Judenelend, über die Erwerbslosigkeit der jüdischen Mädchen, die nach ihrer Anregung zu Krankenpflegerinnen, Hausmädchen u. dgl. herangebildet werden sollten. Sie versprach auch Hilfsmittel und warb zahlreiche Anhänger für ihre Tätigkeit. Mehrere Tage war sie Gesprächsstoff in allen Gesellschaftskreisen. Bald verschwand sie aber und sollte wiederkommen. Sie leitete die galizische Abordnung und hatte dort viel zu tun. Ich erhielt von ihr noch ein Schreiben aus Stanislau, worin sie mir für die „verständnisvolle Unterstützung" dankte und ein Wiedersehen in Aussicht stellte. Und bald war sie hier vergessen. Sie hielt nämlich nicht ganz ihr Wort. Fräulein Martha Baer kam wohl nach Czernowitz wieder, aber incognito und nicht als Sendbotin ihres Komitees. Es war in ihr plötzlich die Liebe — zu einem anderen Weibe, einer Czernowitzerin, erwacht und dieses nicht immer seltene medizinische Phänomen fand bald eine sehr natürliche Erklärung: Fräulein Martha Baer war ein Mann. Es ist in Berlin jetzt ein merkwürdiges Buch erschienen. Titel: „Aus eines Mannes Mädchenjahren." Autor: N. '0. Body. Ein Pseudonym. Dieser Roman, der von Dr. Rudolf Presber mit einem Vorwort eingeleitet ist und an das der bekannte Dr. med. Magnus HirscIlfeld ein ärztliches Gutachten angeschlossen hat, enthält die Erzählung des Lebensschicksals der Martha Baer. Das Buch erregt ungeheures Aufsehen und sind bereits in raschester Aufeinanderfolge 6 Autlagen erschienen. Martha Baer hat selbst dieses Buch geschrieben. Dem kundigen Leser entgehen nicht Stellen, die Dinge beinhalten, welche sich in Czernowitz abgespielt haben. Es wird gewiß eine Besprechung dieses Buches jedermann, besonders alle Zionisten interessieren, weil dasselbe, abgesehen von seiner großen medizinisch-wissenschaftlichen Bedeutung das tragische Lebensschicksal einer Gesinnungsgenossin enthält. Fräulein Martha Baer ist als Zionistin bekannt, und es werden sich gewiß viele an ihren letzten Aufsatz in dem Sammelwerke „Stimme der Wahrheit" erinnern, in dem sie einen flammenden Appell an die jüdischen Frauen richtete, ihres Volkes zu gedenken. Es ist aber auch sonst ein sehr merkwürdiges Buch, schon mit Rücksicht auf die nachfolgende Tatsache. Seit mehreren Tagen wird nämlich der tragisch-komische Vorfall in Czernowitz eifrig besprochen, wonach das zum Mann gewordene Fräulein Martha Baer sich mit einer Dame aus der Czernowitzer Gesellschaft, die im Nachbarlande an der Seite ihres Gatten das erhoffte Glück nicht gefunden, vermählen soll. Welch' seltsame Begebenheit! Rudolf Presber sagt in seinem Geleitwort: ...... daß ein übles Spiel der Natur im Bunde mit der durch Sitte und Herkommen und Furcht vor Gelächter und Blamage geknechteten Menschlichkeit einen jener, zwischen Komik und Tragik sich windenden Romane geschaffen, die kein phantasiereicher Erzähler noch zu ersinnen wagte." Martha Baer ist als Knabe geboren, als Mädchen erzogen worden. Die merkwürdige Körperbeschaffenheit des Kindes machte einen femininen Eindruck und der Arzt dekretierte die Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht. Aus Angst vor Aufsehen fand damit die Sache ihre Erledigung, obwohl die Eltern anfangs uneinig darüber waren, ob das Neugeborene als Knabe oder als Mädchen erzogen werden sollte. Nun beginnt die Leidensgeschichte des unglücklichen Kindes. Jede Seite des Buches bittere Tränen und Klagen über das traurige Los. Die Mädchen stoßen die kleine Kameradin aus, die Dienstmädchen tuscheln, die knabenhaften Allüren verraten das Geheimnis, die Natur bricht sich Bahn und das zwitterhafte Geschöpf, das verurteilt ist, in Weiberröcken ein freudloses Dasein zu führen, ist sich im Unklaren über sein Geschlecht, weiß nur, daß es anders als seine Gefährtinnen ist und daß diese es darob verspotten und von sich stoßen. Jeder Abschnitt der traurigen Lebensgeschichte dieses sonderbaren Menschenkindes enthält auch eine Belehrung für Eltern und Erzieher. Wertvolle Winke, die nicht unbeachtet gelassen werden sollten, weil sie Erfahrungen beinhalten, die aus dem Leben gegriffen sind. Martha — pardon, Martin Baer sollte es wohl richtig heißen (im Romane Nora Norbert) — erzählt diese Mädchenjahre ohne Sensationshascherei, schlicht und natürlich, über die letzten Jahre nach genauen Aufzeichnungen. Ihr knabenhafter Trotz in der Schule gegen weibliche Lehrkräfte, ihre ängstliche Scheu vor weiblichen Handarbeiten, die natürlichen Vorgänge bei allen heranwachsenden Mädchen, ob deren Mangel sie verhöhnt wird, bis sie zur Heuchlerin wird und ihre Umgebung stets irreführend, ein Geheimnis behütet, das sie selbst nicht kennt und unter dessen Last sie oft zusammenzubrechen scheint — wie erschütternd wirken diese Schilderungen! Sie kommt als Ladenmädchen in ein Geschäftshaus; in dem gemeinsamen Wohnraum mit den Kolleginnen wiederholt sich das alte Spiel, dieselbe Qual wie unter den Spielkameradinnen und in der Schule. Dazu die Beziehung der Geschlechter, die oft erwachte Neigung zu einer Genossin, die Freundschaft schien und nichts anderes als erotisches Empfinden war. Aus dem Ladenmädchen, das über ungewöhnliche Geistesgaben verfügt, wird bald eine Studentin in Berlin, eine Frauenrechtlerin, eine glänzende Rednerin, eine ausgezeichnete Schriftstellerin. Sie erhält Aufträge hervorragender Blätter und macht Reisen. Das traurige Schicksal der Auswanderer rührt sie, in Hamburg studiert sie das Elend vieler Menschen und so wird sie eine Kämpferin gegen den Mädchenhandel, dessen Ursachen doch in sozialer Not gelegen sind. In Galizien lernt sie auf einer Vortragstournee in einer Stadt Frau Hanna