Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 52 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 »N?ue National-Zeltung« Nr. 52 „Wahn." (Drama in vier Akten und einen Vorspiel von Jakob Scherek.) *) Die naturalistische Richtung hat uns Werke gegeben, die mitunter ihrer natürlichen Tendenz gerecht wurden und nichts weiter waren als eine mehr oder minder gelungene Photographie der Wirklichkeit. Seit Maxim Gorki mit »Nachtasyl« den Siegeszug durch alle Länder antrat, waren es vornehmlich russische Literaten, die sich in krasser Darstellung des Wirklichen, oder in der Darstellung einer krassen Wirklichkeit überboten. Das Judentum mußte in ihrem Schaffen logischerweise großen Spielraum gewinnen. Denn was könnte dem Dichter näherliegen als die Schilderung der Leiden des Unterdrückten? Und diese alte, dichterische Synthese hat sich in natürlicher Entwicklung von der Behandlung der Einzelperson bis zur Motivierung der Volksprobleme durchgesetzt. Ueberall, wo Juden in größerer Zahl lebten, mußten sie zum Vorwurf der Dichtung werden. Heyermans schrieb sein »Ghetto«, Tschirikoff führte in nervenzerreißenden Szenen »Die Juden« vor und die jüngere Schule aller Länder schenkt dem unhörbaren, aber unermüdlichem Ringen eines Volkes ihre Aufmerksamkeit. Dennoch ging sie seit Jahren an einem gewaltigen Drama vorüber. Das Drama von dem mittelalterlichen Lügenmärchen des Blutaberglaubens hat uns bisher gefehlt. Die reale Darstellung der perfiden Ausnützung einer historisch gestempelten Lüge gegen ein geknechtetes Volk haben wir bisher im Romane und auf den »Brettern, die die Welt bedeuten«, vermißt. In Wirklichkeit aber haben wir's in den letzten Jahren schaudernd miterlebt. Den »Ritualmord« von Konitz-Xanten macht Jakob Scherek zum Vorwurfe seines Dramas »Wahn«. Die Aufführung dieses Stückes wurde in Deutschland aus »Gründen der ötfentlichen Ordnung« (wie es so schön im Breslauer Polizeistil heißt) verboten. Wer es gelesen, wird allerdings über die Gründe dieses Verbotes nicht aufgeklärt sein. Denn es führt ja einen öffentlich erörterten Gerichtsfall vor, der seinerzeit die ganze zivilisierte Welt in Atem hielt. Die Personen, die uns der Autor hier vorführt, sind alle bekannt aus dem Prozesse, wenngleich sie hier andere Namen tragen. Gewiß, das Drama ist ein Tendenzstück, aber in des Wortes schönster Bedeutung. Mit einfachen Worten, mit vornehmer Diskretion schildert der Autor das Verhängnis der Fleischerfamilie Grünfeld, das zum Verhängnis aller Juden des Städtchens und durch gewissenlose antisemitische Hetzereien zum Verhängnis eines ganzen Volkes wird. Er beweist uns nachhaltig und überzeugend, wie eine friedliche Bevölkerung, die den konfessionellen Unterschied nie gekannt, durch gewissenlose Demagogen in den Wahn des Ritualmordmärchens hineingetrieben wird; er zeigt uns, wie in diesem blutroten Wirbel die gemeinsten Instinkte triumphieren, wie der Geschäftssinn perfider Hetzer sich reichlich bezahlt macht. Das alles mit einer schneidenden, gemessenen Sprache, die zum Verstände spricht, aber dennoch das Herz erwärmt. Ein paar Typen sind in diesem Drama, wie etwa die Gestalt des Chefredakteurs der antisemitischen »Staatsbürgerzeitung«, oder die alte, fromme Großmutter — vollgiltige Beweise für die glänzende Gestaltungskraft Schereks. Scherek hat sich durch einige kleinere Schriften, besonders aber mit seinem ästhetischen Roman: »Und ich suche die Schönheit . . .«, in weiteren Kreisen einen Namen gemacht. Das vorliegende Drama wird ihm dem Interesse aller Gebildeten, aller Menschenfreunde, noch näher bringen, denn es ist eine Kulturtat. Das Erfreulichste an diesem Drama ist: Der Dichter hat für den heiklen, wuchtigen Inhalt eine schöne Form gefunden. Man erkennt das peinliche Bemühen, billigen Effekten, einer marktschreierischen Betonung der Tendenz auszuweichen, denn Scherek ließ sich von dem richtigen Gedanken leiten, daß die Wahrheit keiner grellen Pointe bedürfe, sondern durch sich selbst wirke. Ein Drama wie »Wahn«, ist aus Miterlebtem erstanden, und kann zum Erlebnis werden. Es kann uns mit einemmale in die müde Erinnerung rufen, daß hinter österreichischen Kerkermauern ein Opfer dieses Wahns noch immer schmachtet . . . Max Schacher!. Jüdischer Kalender 5668. Unter diesem Titel ist in Lemberg ein jüdisches Jahrbuch, redigiert von M. Frostig, erschienen, welches folgende Artikel enthält: M. Kleinmann: Das vergangene Jahr; Morris Rosenfeld: DieSukkab (Gedicht); Matthias Ach er: Ein Kulturkongreß; J.Schipper: Die Entwicklung des jüdischen Theaters und Dramas; S. Imber: Gedichte; C. St äff: Gedichte (übersetzt aus dem Polnischen); M. Chavti n e r: »Avendavski Zmivos« (Humoreske); A. B öh m: Zionistische Arbeit in Palästina; R. Brainin: Meine Mutter (Novelle); M. Chmielnicki: Gedichte; S. Schiller: Zionismus und Sozialismus; M. Henisch: »Eli Vojgel« (Novelle). Verlag Lemberg, Rzeznickagasse 9. GgMElNö5=UNö ■ V5R£kNSNMRRiCrttW Wien. Verein zur Hebung der Gewerbe. Am Sonntag, den 1. Dezember d. J. fand im großen Festsaale des Niederösterreichischen Gewerbe-Vereines eine Plenarversammlung unter dem Vorsitze des Präsidenten B r o d statt. Der Präsident begrüßte die Erschienenen und feierte die Wiedergenesung Sr. Majestät des Kaisers in einer solennen Ansprache, die von der Versammlung stehend angehört wurde. Sodann hielt der Präsident dem tagsvorher verschiedenem Mitgliede, Regierungsrat K u l k a, der ein treuer Anhänger des Vereines gewesen, einen warmen Nachruf. Endlich folgte ein ausführlicher Bericht über die Tätigkeit des Vereines in den letzten Wochen behufs Verhütung einer Katastrophe im Wiener Baugewerbe. Nach vielen Besprechungen und einer vom Vereine aus allen interessierenden Baukreisen einberufenen Experten-Versammlung im Hotel de France war beschlossen worden, der vom Zentralvereine der Baugewerbetreibenden Niederösterreichs einberufenen Enquete beizutreten. Als Delegierte derselben sind der Präsident Brod, Herr Gottlieb Bettelheim und als Ersatzmann Bauunternehmer Josef Steiner entsendet worden, welche laut Beschluß folgende Vorschläge zu unterbreiten hatten : 1. Herabsetzung der Hauszinssteuer; 2. Wiederherstellung des alten status quo der Uebertragungsgebühren; 3. Regelung des Kartellwesens; 4. Inangriffnahme der projektierten öffentlichen Bauten. 5. Regelung der Unfall- und Krankenkassengebühren. Diese Enquete hat am 27. und 28. v. M. im Festsaale des Gremiums der Wiener Kaufmannschaft unter Anwesenheit der Vertreter aller Ministerien stattgefunden. »Hoffen wir von dieser Enquete eine Besserung der desolaten Zustände im Wiener Baugewerbe.« (Beifall!) Nun hielt Herr Josef Beck seinen ebenso lehrreichen wie hochinteressanten Vortrag über »Aegypten« an der Hand von 120 Skioptikonbildern. Der Dank von Seiten des Vorsitzenden und der stürmische Beifall der ganzen Versammlung entschädigten den Vortragenden einigermaßen für die Mühe, der er sich für diesen Vortragsabend unterzogen. In später Stunde schloß der Präsident die Versammlung. Buczacz. Nach langen Vorarbeiten ist es den Herren Weisser und W e i n r e b gelungen, eine hebräische Schule nach der Methode »Iwrith biwrith« zu gründen. Dieselbe erfreut sich allgemeiner Sympathie und wird von 200 Schülern und Schülerinnen besucht. Auf der Generalversammlung des hebräischen Schulvereines »Safa Berura« wurde folgender Ausschuß gewählt: E. Ehre, Obmann; J. H. Weisser, Obmannstellvertreter; iur. M. Weinreb, Schriftführer. P. Hirschkorn, Z. Hersas, L. Fried, S. Hönig, D. Neumann, J. Stern und Isr. Stern. Radautz. In der am 17. November 1907 abgehaltenen XXI. Generalversammlung des Vereines »Dorsche Zion« und in der hierauf erfolgten Konstituierung wurden die Herren Dr. Josef Bier er zum Obmann, Dr. Leon Luttinger zum Obmannstellvertreter, M. Jahr zum I. Schriftführer, Josef Gottlob zum II. Schriftführer, Berl Lehrer zum Kassier, Chaim Schärf zum Bibliothekar, Baruch Friedlendler, Haus- und Zeitungs verweser, weiters Moses Feintuch, Adjunkt F. Rachmut, Samuel Harth, Moritz Presser, Moses Rath ohne Funktion gewählt. Gleichzeitig wurden die Herren Dr. Josef Bierer, Dr. Alfred Engel, Professor Oskar Lieben und Adjunkt F. Rachmut in Anerkennung ihrer hervorragenden Tätigkeit für die jüdischnationale Bewegung und speziell für den Verein zu Ehrenmitgliedern ernannt. *) Verlegt bei Richard Wöpke, Gotha und Leipzig 1907.