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Neue Nationalzeitung · 1907-12-06 · Heft 52 (6.12.1907) · p. Seite 12

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 52 (6.12.1907)
Date
1907-12-06
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 »Neue National-Zeitung« Nr. 52 Bernkardowna kennen — so wird im Roman die Czernowitzerin genannt — und nun erwacht die Neigung zu diesem Weibe. „Wenige Tage darauf", heißt es im Buche, „traf ich in N., der Geburtsstadt Hanna B's., ein." N. ist Czernowitz. Hier wird die Liebe zu Hanna zu lodernder Flamme. Mit tiefem Weh im Herzen reist schließlich Martha Baer ab. Ihre Seelenpein über ihr Zwitterdasein bringt sie auf Selbstmordgedanken, die auch zur Tat geführt hätten, wenn nicht schließlich ein intelligenter Arzt das erkrankte „Mädchen" aus der furchtbaren Qual befreit und „ihr" nach einer kleinen Operation ein wirkliches Mannesdasein zu führen ermöglicht hätte. Nun sind die Schranken gefallen. „Martha" Baer wird ihre Freundin, die ihre erste Ehe gelöst, zum Traualtar führen. „Sie" wird nicht mehr über ihre Mannesstimme erschrecken, ihre Barthaare nicht mehr abzubrennen brauchen und sich vor den sie beobachtenden Weibern nicht mehr ängstigen. Aber ihre Lebensstellung? Sie spricht davon im Buche. Sie hat nur eine Mädchenerziehung genossen und so sehr das Mannweib als interessante Frauensperson lukrative schriftstellerische Aufträge erhielt, für einen wirklichen Mann findet sich schwerer eine Beschäftigung, wenn von ihm ein Reifezeugnis der höheren Töchterschule vorgelegt wird. Sie hat keinen Geburtsschein auf einen männlichen Namen, kein sonstiges derartiges Dokument. Das macht ihr bitteren Kummer. Doch „sie" verzagt nicht und hofft, vorwärts zu kommen. In den Roman spielt manch heitere Episode hinein. Darunter auch aus Czernowitz. Ein junger Rechtsanwalt, dessen Liebe zu Martha Baer entbrannt ist und der einen Absagebrief naturgemäß erhalten mußte, ist dort erwähnt und noch manches andere. Ein interessantes und lehrreiches, an manchen Stellen auch amüsantes Buch, trotz des tragischen Schicksals der Heldin. Mit einem Appell an die Mütter, alle falsche Scham vor dem Geschlechtlichen zu bannen und durch Aufklärung der Kinder viel Elend zu verhüten, schließt die Schilderung des Romanes des Lebens der Martha Baer. Und nun hat der Arzt das Wort, der sich über den Hermaphroditismus, über sexuelle Zwischenstufen u. dgl. m. ausläßt. Das Geschlecht des Menschen — sagt Dr. Hischfeld — ruht viel mehr in seiner Seele als in seinem Körper. Um Fehldiagnosen weniger folgenschwer zu machen, empfiehlt er aus wirtschaftlichen Rücksichten, mit Hinweis auf das Schicksal der Nora Body-Martha Baer, eine männliche Erziehung solcher Kinder. Damit schließt das Buch. Eine persönliche Bemerkung. Das Buch ist wohl aus dem Leben gegriffen. Das kann nicht bestritten werden. Nur stimmen manche Mitteilungen darin nicht ganz mit bekannten Tatsachen überein. Das dürfte offenbar auf das Bestreben, nicht erkannt zu werden, zurückzuführen sein. Die Heldin erscheint im Buche als katholisch. Nun ist erinnerlich, daß sie unter Namen Martha Baer-Isaachar in jüdischen Zeitschriften nationale Propaganda gemacht, ihre Schreiben an mich beispielsweise schließen „mit aufrichtigem Zionsgruß"; auch eine Reihe anderer Momente verraten die Abstammung dieser seltsamen Person, die so geistvoll zu schreiben und sprechen verstand. Ferner, daß ihre Schilderung des Aufenthaltes „in der Hauptstadt der Nachbarprovinz" (sie weilte nämlich in Galizien, bevor sie nach Czernowitz kam), wahrheitsgetreu ist, kann ich zufällig bestätigen. Ich erinnere mich deutlich, im „Hotel Zentral" die „Hanna" angetroffen zu haben und auch an die Erregung, die sich nachher der Sendbotin bemächtigte, als im Rathaussaale sich „für ihre Freundin" kein Plätzchen fand. „Sie" begann nicht früher ihren Vortrag, bis ich „jene" plaziert hatte. Und so manche andere Reminiszenz steigt jetzt auf, Dinge, die mir damals unverständlich schienen. Ein tiefes Mitgefühl erfaßte mich darum beim Lesen dieses Buches. Ich habe auch das sonderbare Menschenkind über das Judenelend zu einer Zeit sprechen gehört, wo das eigene tragische Schicksal ihr besonders zu Herzen gehen mußte. Ein armes, bedauernswertes Wesen, dessen Zukunft sich kaum freudig gestalten wird ... Zeitsdiriftenrundsdiau. Die Juden in der Duma. Das hebräische Tagblatt »Hed-Hasman« setzt seine Interviews mit den Deputierten der Duma fort. Der Parlamentsberichterstatter des genannten Blattes hatte dieser Tage eine längere Unterredung mit dem jüdischen Abgeordneten und Mitglied der Kadetten partei, Herrn A. N. Ni ss e 1 o wi cz, über die Stellung, welche die zwei gewählten Juden (Nisselowicz und Advokat Fried mann) der Judenfrage gegenüber einnehmen werden, Die »Tätigkeit«, welche Herr Nisselowitz in der Duma zu entfalten gedenkt, deckt sich so ziemlichmit den Ausführungen des Herrn Dr. Pasmanik in der Nummer 50 dieses Blattes. Vom Interviewer nach seinem Programm befragt, antwortete Herr Nisselowicz ganz lakonisch, es bestehe aus einem einzigen Worte: schweigen! »Ich Hn der Ansicht,« sagte Herr Nisselowicz, »daß die jetzige Duma, in der die allerreaktionärsten Elemente Sitz und Stimme haben, nicht der richtige Ort ist, wo über die bürgerlich-politische Gleichberechtigung der Juden debattiert werden kann oder debattiert werden darf. Ich bin überzeugt, wenn ich von der parlamentarischen Tribüne meine Stimme für die Aufhebung der Ansiedlungsbeschränkungen erheben sollte, ich nur einen Sturm der Entrüstung seitens der Oktobristen entfachen, und vielen Dumamitgliedern willkommenen Anlaß zu blutrünstigen Hetzreden bieten würde! Die Folgen, die daraus dem ganzen russischen Judentum erwachsen könnten, sind geradezu grauenerregend. Es wäre dies das Signal für die lauernde »Ciorna Sotnia« neuerdings Pogrome zu inszenieren! Aber selbst dann, wenn solcherlei nicht zu befürchten stünde, wäre es gewiß politisch unklug, des bloßen Wortgefechtes halber Fragen aufzurollen, von denen man im Voraus wissen kann, daß sie zu keinem positiven Ergebnis führen werden. Das österreichische Schauspiel Bloch-Schneider auch in der russischen Duma aufzuführen, dazu werden weder ich, noch mein Kollege Fried mann uns jemals hergeben! Wir wollen auf uns nicht den Fluch laden, daß wir nebst dem bureaukratischen auch den gesellschaftlichen Antisemitismus heraufbeschworen hätten. Unsere Taktik ist und bleibt daher: Schweigen, schweigen und noch einmal schweigen! Unser Volk kann mit uns zufrieden sein, wenn es uns gelingt, schlimmeres zu verhüten, die Lösung der Judenfrage in Rußland für die nächste Zukunft zu erhoffen, ist geradezu widersinnig, absurd. Möge sich jeder unserer Glaubensgenossen an die Worte unserer Weisen erinnern: »tufastu m'ribu lau tufastu!« Diese Aeußerüngen Nisselowicz' werfen ein grelles Licht auf die nächste Zukunft der russischen Juden. Sie sprechen klipp und klar, daß die Juden, welche unter Selbstaufopferung trotz des bekannten Gewaltaktes vom 3. Juni doch wenigstens zwei Glaubensbrüder in die Duma hineingebracht, von diesen »Vertretern des jüdischen Volkes« nichts, aber absolut nichts zu erhoffen, gar nichts zu erwarten haben. Einem Manne, wie Herrn Nisselowicz, der aus purer Feigheit und Angstmeierei hinter Aussprüchen der Weisen sich zu verbarrikadieren glaubt, hätte wenigstens der Vertreter des »Hasman« gleichfalls den Ausspruch Salomons des Weisen entgegenhalten sollen: »Jugati umutzussi tamin!« A. B. W. Briefkasten der Redaktion. —b. —K. Wir bitten um Geduld. Der Artikel wird erscheinen, doch muß vieles umgearbeitet werden. Sie können uns trotzdem die in Aussicht gestellten Artikel übermitteln. j. f. Das Buch erscheint erst zu Beginn des nächsten Jahres. Dr. L. in Lemberg. Beide Erklärungen des Abgeordneten S. sind der Oeffentlichkeit aus den Tagesblättern bekannt;, es kann nicht Sache unseres Blattes sein, bereits bekannte Reden abzudrucken, da wir ohnehin stets mit dem Raummangel zu kämpfen haben. Briefkasten der Administration. Auf mehrere Anfragen: Wir sind gern bereit, Ihnen unsei Blattin geschlossenem Kuvert zu übersenden; docb erhöht sich in diesem Falle das Vierteljahrsabonnement von K 3 auf K 5.

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