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Neue Nationalzeitung · 1907-12-06 · Heft 52 (6.12.1907) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 52 (6.12.1907)
Date
1907-12-06
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 52 Neue National-Zeitung« Seite 9 %Uä AUEN UELtCCiLEN Die Juden in Marokko haben uuter dem Bruderstreit der beiden Sultane noch immer viel zu leiden. Jüngst ist die Stadt Settat von dem Stamm der Mzamza geplündert worden. Die jüdische Bevölkerung ist geflohen. Der Stamm der Mzamza. der rings um Settat wohnhaft ist, hat die gegenwärtige Anarchie und die Bewegungsfreiheit, die ihm die drei im Schaujagebiet lagernden Armeen lassen, dazu benützt, in jene Stadt einzudringen, sie auszuplündern und fast vollständig zu zerstören. Die jüdische Gemeinde von Settat war schon vor vier Jahren einmal in ähnlicher Weise ausgeplündert worden. Jetzt sind 300—400 Familien wieder ohne Obdach und ohne Brot, ungerechnet die Familien, die von Casablanca nach Settat geflohen waren und dort die Schrecken einer wiederholten Plünderung auszuhalten hatten. Die russische Unterdrückung. Sowohl das Jargon- Tagblatt „Die Hoffnung", als auch das Jargon-Wochenblatt „Der neue Weg", beide in Wilna, mußten ihr Erscheinen einstellen, da ihre Redakteure in Haft genommen wurden. Ein jüdischer Bürgermeister in Koni. Der jüngst zum Bürgermeister von Rom, der Stadt der Päpste, gewählte Ernesto Nathan ist Jude, trotzdem ihn manche klerikale Blätter als Täufliug hinstellen wollen. Ernesto Nathan, der jetzt sechzig Jahre alt ist, kam als junger Mann nach Italien, wo sein Vater Großbankier war. Er fand alsbald Aufnahme in den Kreisen Mazzini's, und dies umso mehr, als die Familie Nathan, wie so viele begüterte englische Familien die italienische Revolution mit reichen Geldmitteln unterstützte. Im Hause Nathan war der große Heros der italienischen Verschwörung, Giuseppe Mazzini, Hausfreund und Nathans Mutter, Sarah Levi Nathan, wurde vielfach als seine Egeria bezeichnet. Der junse Nathan, Roms heutiger Bürgermeister, war es, der dem sterbenden großen Republikaner die Augen schloß und nach dessen Tode, obschon englischer Staatsangehöriger, der Bannerträger der republikanischen Partei in Italien wurde. In der Folge mauserte sich auch Nathan, indem er nach Viktor Emanuels III. Thronbesteigung den Ausspruch tat: „Wenn Mazzini heute noch lebte und so viel Bürgertugend bei einem Monarchen vereinigt sähe, so würde er, wenigstens in diesem besonderen Falle — Monarchist." Wo Nathan aber nicht nachgab, das war auf dem Gebiete des Antiklerikalismus. Hier wurde sein Name, da Nathan indessen Großmeister der Freimaurer geworden, gleichbedeutend mit dem unnachsichtigen Kampfe gegen den Vatikan, aber wohlverstanden nahm der Engländer Nathan den antiklerikalen Feldzug nicht in der lärmenden und schließlich doch wirkungslosen Weise der Italiener auf. Ernesto Nathan gilt als unbeugsamer und unbestechlicher Charakter, und das tut gerade an einer Verwaltungsstelle, wie die des Bürgermeisters von Rom, dringend not. Es verlautete auch, daß man im Vatikan über die Wahl Ernesto Nathans höchst ungehalten sei, denn die Wahl eines Juden werde als Demonstration gegen den Vatikan aufgefaßt. Indessen aber hat sich der Papst einem Berichterstatter gegenüber sehr anerkennend über die Person des neuen Bürgermeisters geäußert und hervorgehoben, daß gerade er keinen Anlaß hätte, Antisemit zu sein, wie er diese Tendenz überhaupt verdamme. Für ihn sei es maßgebend, daß Nathan ein ehrlicher, offener Mensch sei. Damit hat der Papst alle Gerüchte dementiert. Ernesto Nathan wurde Montag, den 2. d. M. in sein neues Amt eingeführt. Seine Antrittsrede wird von der freiheitlichen Presse Italiens sehr lobend besprochen, und im Stadtrate selbst fand Ernesto Nathan begeisterte Aufnahme. Der nordamerikanisehc Kriegssekretür Taft begibt sich demnächst im Auftrage des Präsidenten Roosevelt nach Petersburg, um dort für die Juden beim Zaren zu interveniren. Diese unglaublich klingende Nachricht erfahren wir aus dem New-Yorker „Tagblatt2. Präsident Roosevelt habe hauptsächlich deshalb Taft mit dieser Mission betraut, weil dieser als äußerst geschickter Diplomat gilt und auch in den russischen Regierungskreisen sich der größten Beliebtheit erfreue. Besonders sei Taft beauftragt, die russischen Regierungskreise und den Beherrscher Rußlands darüber aufzuklären, daß die Juden in Amerika zu hohen Staatsstellen gelangt sind und auf die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung der Vereinigten Staaten einen segensreichen Einfluß geübt haben. Die Erfahrungen mit den Juden Amerikas, die znm großen Teile aus Rußland eingewandert seien, ließen es den Präsidenten Roosevelt tief bedauern, daß die Juden in Rußland nicht die volle Gleichberechtigung mit den übrigen Staatsträgern genießen. Diesen Gefühlen der Amerikaner entspräche auch die jedesmalige Entrüstung, so oft Nachrichten über neuerliche Pogroms in Rußland jenseits des Ozeans bekannt werden. In Amerika gibt man sich der Zuversicht hin, daß diese von Taft sicherlich in taktvoller Form vorgebrachten Hinweise auf die amerikanische Stimmung große Wirkung haben werden. Wie jedoch aus Petersburg am 4. Dezember telegraphiert wird, hat dort Taft anläßlich eines Banketts die Richtigkeit dieser Meldung bestritten. Ein »liberaler« Antisemit. Der Amtsrichter Hengsberger in Schlüchtern ist politisch gegen jede Schmälerung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden. Das gebietet ihm seine liberale Anschauung. Aber als Vorsitzender des Tennisklubs, der die Haute-volee der Weltstadt Schlüchtern umfaßt, mag er nicht mit Juden verkehren. So verlangt's die Haute-volee. Dem Fabrikanten Viktor Wolf erschien diese Zwiespältigkeit als eine Unwahrhaftigkeit und das schrieb er dem Herrn Amtsrichter, der ihn darob wegen Beleidigung verklagte. Herrn Wolf wäre die politischgesellschaftliche Doppelmoral des Herrn Amtsrichters und Tennisklubpräsidenten vielleicht gar nicht so sehr nahe gegangen, wenn er nicht im Städtchen als »blamierter Europäer« dagestanden hätte, weil er bei der Reichstagswahl für Herrn Hengsberger die jüdischen Stimmen gesammelt hatte und nun, als er mit seiner Familie Aufnahme in den Tennisklub nachsuchte, abgewiesen worden wäre. Dafür wollte er sich rächen, oder wollte den Amtsrichter bloßstellen. Freilich mißlang ihm dies, denn das Gericht war der Ansicht, der Amtsrichter habe sich durchaus keiner Unwahrheit schuldig gemacht. Wenn der Beleidigte ausführe, daß er gegen die Familie des Herrn Wolf nichts einzuwenden habe, aber im allgemeinen von dem Eindringen des jüdischen Elements in den Verein eine Störung der Harmonie im Klub fürchte, so sei das eine Sache für sich, die mit seinen politischen Anschauungen nichts zu tun habe. Es könne jemand sehr wohl die politischen Bestrebungen des Antisemitismus mißbilligen und doch mit den Juden nicht gesellig verkehren wollen. Also habe der Herr Fabrikant Wolf sich einer schweren Beleidigung und der Verbreitung nicht erweislich wahrer Tatsachen schuldig gemacht, wofür er 150 Mark Strafe und die Kosten des Verfahrens zu zahlen hat. Und das von Rechts wegen. Denn wer nicht die Augen mit einer rosenroten Binde verbunden hat, der weiß doch, daß in Deutschland allenthalben die gesellschaftlichen Verhältnisse so liegen, wie in der Residenz des Herrn Amtsrichters Hengsberger. Es gehört eine hohe Verblendung - man kann auch sagen: Optimismus — dazu, um sich mit Herrn Wolf zu entrüsten. Die Juden sollten eben etwas stolzer sein und sich nicht in die Zirkel eindrängen wollen, die erklärtermaßen nichts von ihnen wissen wollen. Es gibt einen netten demokratischen Vers: »Gehe nie zu einem Ferscht, wenn du nicht gerufen werscht!« Das sollten sich die Juden ins Arisch-christliche übersetzen!

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