Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 52 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Jeue Natlonal-Zeitung« Nr. 52 der vorzüglichen Tätigkeit des Departements, das sie wie eine fürsorgliche Mutter geleitete, und geben ihrer Ueberraschung über die hohen Löhne und guten Arbeitsgelegenheiten Ausdruck. Redner betont, daß selbst die Erreichung des »lto«-Landes die Notwendigkeit und den Wert des Emigrationsdepartementes für einige Zeit sicherlich nicht abschwächen könnte, da doch das junge Land vor der Ueberflutung durch einen wilden Emigrationsstrom im Interesse des Gelingens des geschichtlichen Werkes bewahrt werden müsse. Redner fordert die Anwesenden auf, sich für dieses nationale Werk mit allen Kräften einzusetzen, und macht die Mitteilung, daß Unterhandlungen wegen Errichtung einer österreichischen Departementsfiliale mit dem Sitze in Wien gepflogen werden, wodurch allen Freunden dieses Werkes in Oesterreich, Gelegenheit zur praktischen Mitarbeit gegeben ist. In der sich anschließenden Debatte ergriffen mehrere Redner das Wort. Herr Redakteur Krausz meinte nach einem Rückblick auf die Tätigkeit der verschiedenen jüdischen Organisationen, daß die J.-T.-O. heute die einzige Bewegung sei. die alljüdischen Fragen ihre Aufmerksamkeit schenke. „Nicht das nationale Schild schafft uns Werte, sondern die positive nationale Arbeit!" Namens des Vereines ,.E i n h e i t" sicherte Herr Wolf Pappen heim dem Emigrationsdepartement die vollste Unterstützung des von ihm vertretenen Vereines zu. Hierauf ergriff Dr. S. R. Landau das Wort, um vorerst dem Vorsitzenden für seine freundliche Begrüßung zu danken, und daran die Versicherung zu knüpfen, daß er sich gewiß bemühen werde, die Bestrebungen der „Ito"-Bewegung, die ja gerade den ärmsten Schichten zugute komme, nach jeder Richtung hin zu fördern. Dr. Landau erklärt, als einer der Verfasser des Baseler Programms seinen Glauben an die Realisierbarkeit desselben nie aufgegeben zu haben. Allein es sei sehr fraglich, ob dies in absehbarer Zeit geschehen werde. Damit sei auch die wohlwollende Haltung N o r d a u s gegenüber der „Ito" zu erklären. Redner sei von jeher für eine politische Gegenwartsarbeit eingetreten, selbst zu einer Zeit, als Dr. Herzl und die ganze Parteileitung dagegen waren. Die Entwicklung, die die Partei genommen und die gegenwärtige Parteitaktik haben ihm auch Recht gegeben. Aus denselben Gründen sei Redner bereit, auch die „Ito"-Bewegung, welche den wirtschaftlichen Gegenwartsinteressen der jüdischen Volksmassen zu dienen habe, zu unterstützen, doch dürfe sich auch die „Itott nicht in kleinlichen Emigrantentransporten zersplittern, sondern müsse von dem großen Gedanken der Autonomie beseelt sein. Als eine wirtschaftliche Gegenwartspartei wird die „Ito" auch in Wien gewiß großen Anklang finden, aber man dürfe sich die Sache nicht so leicht vorstellen, weil Wien für alle Bestrebungen der jüdischen Selbsthilfe ein unglaublich schwerer Boden sei. Durch intensive Agitation werde sich aber auch hier vieles ändern. Diese offene, rückhaltslose Rede fand den stürmischen Beifall der Versammlung. Der folgende Redner Dr. Kadisch (Vorstandsmitglied des „Zionistischen Distriktskomitees"), schloß sich in seinen Ausführungen dem Vorredner vollkommen an, er wendete sich jedoch gegen Herrn Krausz, dem er eine falsche Definition des Begriffes „alljüdisch" zum Vorwurfe macht. In ähnlichem Sinne sprach auch Herr D. Nebenzahl („Poale Zion"). In vorgerückter Stunde schloß Herr Dr. Ryba- N ewski die interessante Versammlung, indem er für die nächste Zeit eine Reihe von Diskussionsabenden in Aussicht stellte. Die jüdischen Studenten beim Unterriebtsminister. Wien, den 29. November. (Orig.-Korr.) Heute empfing der Unterrichtsminister Dr. Marchet im Abgeordnetenhause eine vom Abgeordneten Dr. Maliler geführte Deputation der jüdischnationalen Studentenschaft Oesterreichs, die aus den Herren jur. Ramsler (Maccabäar), med. P1 aczek (Unitas), jur. Rosenheck (Kadimah), techn. Schalinger (Veritas) und jur. Winterstein (Jvria) bestand. Der Sprecher der Deputation, Herr Winterstein, begiündete in seiner Ansprache die Forderung nach Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Hochschulen Oesterreichs und verwies insbesondere auf den der akademischen Freiheit widersprechenden Zwang, der auf die jüdischen Studenten bei Ablegung ihres nationalen Bekenntnisses ausgeübt werde. Der Redner erinnerte den Minister an das im Mai gegebeneVer sprechen auf rasche Erledigung dieser Angelegenheit und verwahrte sich gegen die erfolgte Einholung eines Gutachtens des Wiener Kultus vorstand es, der aus einem reaktionären Pluralwahlrecht hervorgegangen, keine Berechtigung habe, ein Interpret der Willensmeinung des jüdischen Volkes zu sein. Der Minister erkannte in seiner Erwiderung die Dringlichkeit und Wichtigkeit der Frage rückhaltlos an, erklärte jedoch, daß wegen der Arbeitshäufimg im Ministerium und der Kompliziertheit der Angelegenheit eine Erledigung vor dem nächsten Sommersemester nicht erfolgen könne. Abgeordneter Dr. M a hl er nieinte, daß die Kompetenz der Kultusgemeinde sich lediglich auf Sachen des Kultus erstrecke, daß ein Wiener Kultusvorstand eine die Judenschaft ganz Oesterreichs bindende Erklärung nicht abgeben könne und daß nur die vom Volke ins Parlament entsendeten Vertreter, legitimiert seien, über die nationalen Wünsche und Forderungen eines Volkes Aufschluß zu geben. Des weiteren betonte er, daß ein nationales Bekenntnis der Juden keineswegs eine aggressive Tendenz gegen eine andere Nation involviere, daß vielmehr eine nationale Lösung der Judenfrage geeignet sei, die Differenzen zwischen den nationalen Parteien zu verringern. Uebrigens handle es sich der Studentenschaft bei Anerkennung ihrer Nationalität nicht um Politik, ihre Forderung sei ihnen vielmehr Ehrensache. Der Minister versprach eine objektive, von fremdem Einfluße freie Erledigung dieser Sache und entließ die Deputation mit der Versicherung, daß er auch auf die anderen Mitglieder des Kabinetts in diesem Sinne einwirken werde. Zurückgekehrte Emigranten. Oderbcrg, den 4. Dezember. (Orig.-Korr.) Der Bahnhof Oderberg gleicht einer devastierten Stadt. Was New-Yorker Depeschen der letzten Tage meldeten, ist zur erschreckenden Wahrheit geworden: Tausende von Emigranten müssen den Rückweg antreten, der Riesenkörper „New York" ist überfüllt. In den letzten Tagen langten 3000 Rückwanderer hier an, um von der Grenzstation nach ihren „Heimatsorten" befördert zu werden. Die Bahnverwaltung zeigte sich diesem kolossalen Ansturm nicht gewachsen, es fehlt ihr an Waggons, und so müssen 3000 Personen im Freien kampieren, bei bitterer Kälte und zeitweise strömendem Regen. Die Verzweiflung und Erbitterung der Bedauernswerten geht so weit, daß sie die einlaufenden Züge erstürmen und mit dem Bahnpersonale einen erbitterten Kampf führen. Die Notlage der Unglücklichen ist grenzenlos; mit Frau und Kindern warten sie hier, hungernd und frierend. Es sind Ruthenen, Slovaken, aber auch sehr viele Juden darunter. Während man dieser Panik hilf- und ratlos gegenübersteht, ist für morgen die Ankunft von weiteren 2000 Passagieren avisiert. Die Misere droht ins Grenzenlose zu wachsen. Gestern mußte das Polizeiaufgebot durch ein Gendarmeriekorps verstärkt werden. Es kam zu einem erbitterten Kampfe zwischen Gendarmerie und Emigranten. Ausführliche Berichte folgen.