Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 52 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 52 »Neue National-Zeitung< Seite 7 Im Jahre 1888, anläßlich des 40 jährigen Regierungsjubiläums, erstand das Altersversorgungshaus unserer Gemeinde; zehn Jahre später, im Jahre 1898, beging die Wiener Judenschaft das Regierungsjubiläum durch die Errichtung des Siechenhauses; jetzt werden diese beiden Anstalten infolge einer hochherzigen Schenkung erweitert, so daß nun — wieder im Jubiläumsjahre — diese große Humanitätsanstalt als vollendet angesehen werden kann. Unerschöpflich aber ist das Gebiet, auf dem sich Menschenfreundlichkeit und Nächstenliebe betätigen können; galt die Feier der früheren Jubiläen den Alten und Kranken, der Errichtung einer Zufluchtsstätte, wo diese Aermsten ihren Lebensabend sorglos verbringen können, so soll die kommende Feier jenen gelten, die am Morgen ihres Lebens den Unbilden eines harten Schicksales preisgegeben sind. Es soll zur bleibenden Erinnerung an die beglückende sechzigjährige Regierung des Kaisers armen verwaisten Knaben ein Heim gegeben werden, als ein Wahrzeichen der Liebe und Treue der Wiener Judenschaft zu dem erhabenen Monarchen, als ein Zeichen der nie erlöschenden Dankbarkeit für sein segensreiches Walten!« Die Diskussion, die sich an diesen Antrag knüpfte, bezog sich in erster Linie auf das Objekt der Stiftung. K.-V. Weil wies besonders auf die Notwendigkeit der Errichtung eines jüdischen Kinderspitales hin. und meinte, die Erkenntnis von dieser Notwendigkeit sei aus den eingelangten Spenden zu ersehen. Präsident Dr. Stern erwiderte jedoch, daß die eingelangten Spenden für diesen Zweck noch lange nicht hinreichen; es erliegen für diesen Zweck allerdings 432.000 Kronen, doch sei drei- bis viermal soviel notwendig. Der Präsident erwähnte bei dieser Gelegenheit den merkwürdigen Umstand, daß der verstorbene Baron Königsw arter, den man bekanntlich zu den „besten Juden" Wiens zu zählen geneigt war, ein bedeutendes Vermögen zur Errichtung eines Kinderspitales hinterlassen hat, dasselbe müsse jedoch einen interkonfessionellen Charakter haben. Aber auch dieses Legat, welches gegenwärtig 1,250.000 Kronen beträgt, reiche wohl zur Erbauung, aber nicht zur Erhaltung eines Kinderspitales. Schließlich meinte der Präsident noch, daß dem Vertreterkollegium ein Antrag des Kultusvorstehers Dr. Markus Spitzer auf Erbauung eines Gewerbehauses vorlag; doch konnte auf diesen Vorschlag einerseits aus Mangel an Mitteln, anderseits auch deshalb keine Rücksicht genommen werden, weil das Regierungsjuffiläum des Kaisers durch eine humanitäre Stiftung gefeiert werden soll. Der Antrag des Vertreterkollegiums gelangte auch unverändert zur Annahme. Mikwah. Baurat Marmorek referierte über die Errichtung eines Ritualbades auf einem bereits in der Floßgasse angekauften Grundstücke. Seinem Antrage gemäß wurde beschlossen, für diesen Zweck einen Betrag von 164.000 Kronen zu bewilligen. Sehr interessant waren die Ausführungen des Kultusvorstehers Salo Cohn zu diesem Punkte, welcher meinte, daß man mit diesem Baue im Interesse des Friedens, den Orthodoxen eine Konzession mache und es müßte daher von dieser Seite, wenn es sich wieder um einen Wunsch der religiösfreisinnigen Bevölkerung handle, die gleiche Liberalität geübt werden. Von den sonstigen Punkten der Tagesordnung bildete die Frage der Geschichtsvorträge den Gegenstand lebhafter Diskussion. Die Herren Baurat Stiaßny und Salo Cohn verwiesen auf die prekäre Stellung des „Jüdischen Museums" und verlangten, daß der für die Veranstaltung der Vorträge veranschlagte Betrag lieber zur Förderung des Museums verwendet werden möge, mit der Verpflichtung, Vorträge zu veranstalten. Die jüdische Oeffentlichkeit war in dieser Sitzung durch 10 Personen vertreten. Für mehr wäre auch in diesem engen Saal kein Platz gewesen. Jämmerlich ist es geradezu wie die Vertreter der jüdischen Presse untergebracht werden. Bei einem kleinen Tischchen, das für eine Person bestimmt ist, sollen die Vertreter der in Wien erscheinenden vier jüdischen Wochenblätter Platz finden. Zumeist sitzen an diesem Tische Personen, die mit der Presse nichts zu tun haben. Die subventionierte Presse mag sich das gefallen lassen; die unabhängige Presse jedoch muß unbedingt darauf dringen, daß ihr ein anständiger Platz für ihre Arbeiten zugewiesen werde. Die „Itoi4 in Wien. Wien, den 1. Dezember (Orig.-Korr.). Unter dem Vorsitze des Dr. Rybaczewski hat gestern eine Besprechung von Freunden der „Ito"-Bewegung in Wien staltgefunden. Der Vorsitzende begrüßte aufs herzlichste die Anwesenden, insbesondere aber den Herausgeber der .Neue Nationalzeitung", Dr. S. R. Landau, den er um journalistische Förderung ersuchte. Zuerst erstattete Herr M. Schmidt sein Referat. Redner wendet sich in erster Reihe der vielerörterten Landfrage zu, die er als das wichtigste Problem im Judentum betrachtet. Während ihres zweijährigen Bestandes hat die Jewish Territorial Organisation durch ihren Londoner Rat unter Führung Zangwills, alle in Betracht kommenden Territorien gründlich erforscht. Das Resultat dieser Forschungen und Unterhandlungen hat der Londoner Rat am 30. Juli d. J. der Geographischen Kommission der»Ito«, in der bekanntlich sehr hervorragende Vertreter des Judentums sitzen, vorgelegt. Die letztere ist jetzt mit dem Studium, beziehungsweise mit den Realisierungsmöglichkeiten eines dieser Projekte beschäftigt. Der Londoner Rat hat auf Grund seiner zweijährigen Tätigkeit, welche in ailer Stille vor sich ging, festgestellt, daß: 1. genügend freie Territorien vorhanden sind, welche für das jüdische Volk geeignet sind, und 2. daß diese Territorien unter gewissen Bedingungen zu erlangen wären. In dem Momente, wo die Geographische Kommission sich für ein bestimmtes Projekt entschieden haben wird, ist auch für die J. T. O. der Moment gekommen, wo sie an die Realisierung ihrer detaillierten Pläne schreiten kann. Sie verschließt sich hiebei keineswegs den Schwierigkeiten, welche sich der Realisierung ihrer Pläne entgegenstellen, sie ist aber, wie Redner besonders hervorhebt, überzeugt, daß diese Schwierigkeiten bei Erfüllung gewisser Bedingungen überwunden werden können, und wie er hoffe, auch überwunden werden! Redner kommt nun auf das Emigrationsdepartement der J. T. O. zu sprechen und auf die Motive, die die Gründung dieses Departements seitens der »Ito« bewirkten. Die jüdischen Emigranten, die hauptsächlich aus ökonomischen Gründen ihre gegenwärtigen Wohnorte verlassen müssen, wenden sich fast ausschließlich den Osthäfen Nordamerikas zu, wo sie einerseits durch die Vermehrung des Anbotes zu Lohndrückern werden, und anderseits in den »sweatings« (Schwitzhöhlen) von New-York ein jammervolles Leben fristen, während sie in den im Westen Amerikas gelegenen Gebieten gute Arbeitsgelegenheiten zu hohen Preisen bekommen und eine bessere Existenz führen könnten. Es mangelte bisher an einer planmäßigen Organisierung der jüdischen Emigration, welche es ermöglicht hätte, daß die Emigranten den richtigen Weg, an die richtige Arbeitsstätte eingeschlagen hätten. Aber auch die nationale Idee wird durch diese ziel- und planlose Massenflucht geschädigt. Während alle Nationen eine Nationalisierung ihrer Emigration erstreben, hat es bei den Juden bisher daran gefehlt. In der richtigen, unumstößlichen Erkenntnis, daß die jüdische Emigration aus ökonomischen, humanitären und nationalen Motiven organisiert werden müsse, hat die J.T. 0. ein Emigrationsdepartement mit dem Hauptsitze in London und Filialen in Rußland und Deutschland errichtet, um den jüdischen Emigrationsstrom via Galveston nach dem Westen Amerikas zu leiten, wo für die Anlangenden seitens der amerikanischen »Ito«- Bureaus für Arbeit bereits vorgesorgt ist. Die bisherige Tätigkeit des Departements wird am besten und objektivsten durch die Briefe der Emigranten, die unter dem Schutze der J. 7.0. reisten, beleuchtet. In diesen Briefen, die in russischen Zeitungen enthalten sind, sprechen die Emigranten voll Freude und Dank von