Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 52 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 »Nene Natlonal-Zeitung« Nr. 52 ordneten nicht in den Vordergrund drängen; es war aber der richtige Platz, daß auch sie ihre Auffassung zum Ausdrucke bringen. Aber der Kampf um die Anstellung der Professoren läßt uns kalt. Denn es handelt sich nicht mehr um die Frage, ob Juden als Professoren angestellt werden sollen, sondern um den Kampf der Antisemiten selbst gegen die getauften Dozenten und ihr Avancement. Seit vielen Jahren ist in Oesterreich ein Jude nicht zum ordentlichen Professor ernannt worden; er bekommt höchstens den Titel eines außerordentlichen Professors, der nichts kostet, oder er wird zum Extra-Ordinarius ernannt, aber in Czernowitz. Nun sahen endlich alle die Charakterschwachen, alle die Streber, die sich das akademische Lehramt durch einen Gewissensverrat blutig erkauft haben, daß es gar nichts nützt; auch gegen die getauften Juden wird gehetzt, auch sie werden unter das Schlagwort der ,.Verjudung" subsummiert, sie bleiben für die Antisemiten Juden nach wie vor. Das ist nun endlich auch der „Arbeiter-Zeitung" und selbst der „Allgemeinen" zuviel. Die Getauften stehen ihnen ja doch so nahe. Und um sich in ihrem jedenfalls beschwerlichen Kampfe gegen die mächtigen Antisemiten billige Lorbeeren zu sichern, schimpfen sie ein wenig gegen die Jüdischnationalen. Das Schimpfen ist ja billig; ein dummer Witz stellt sich sehr bald ein. Die merkwürdige Haltung der sozialdemokratischen Partei gegenüber den Bedürfnissen der jüdischen Volksmassen ist anläßlich des Dringlichkeitsantrages von Dr. Adolf Groß so recht zum Vorschein gekommen. Dieser Herr läuft sein ganzes Leben den Sozialdemokraten nach, souteniert deren polnisches Tagblatt und würde am liebsten in der Partei ganz aufgehen, wenn er nicht daran denken müßte, daß sich die Juden vom Kazmierz für einen Sozialdemokraten schwerlich begeistern würden. Nun stellt er einen Dringlichkeitsantrag, durch welchen in diesen Zeiten der Geldknappheit der jüdischen Bevölkerung neue Geldressourcen t."öffnet werden sollen. Aber die ersten, die ihn dabei im Stiche lassen, sind gerade die — Sozialdemokraten. Sie beschlossen, zu diesem Antrage überhaupt nicht zu sprechen und stimmten dagegen. Dr. Groß wird noch weiter den Sozialdemokraten nachlaufen; dieses Privatvergnügen müssen die Krakauer Juden mit ihrer vollständigen politischen Isolierung bezahlen. SgpRRGSPQNDgNZCN Oesterreicli-Un garn. Eine öffentliche Sitzung des Kultusvorstandes. Wien, den 1. Dezember. (Origi-Korr.) Nach längerer Unterbrechung hat heute endlich wieder einmal eine öffentliche Sitzung stattgefunden. Diese Oeffentlichkeit ist wohl in erster Linie dem Umstände zuzuschreiben, daß auf der Tagesordnung zwei so wichtige Punkte, wie die Errichtung einer Stiftung anläßlich des sechzigjährigen Jubiläums des Kaisers, sowie die Errichtung einer Mikwah (Ritualbad) standen. Die Jubilännisstiftung. Dieser Punkt der Tagesordnung wurde mit nachstehendem Referate des I. Sekretärts, kaiserlichen Rat Dr. Lieben eingeleitet: »Ein gütiges Geschick wird im kommenden Jahre die Völker Oesterreichs zu einem seltenen Freudenfest vereinigen: zur Feier des sechzigjährigen Regierungsjubiläums Sr. Majestät des Kaisers. Die Juden Oesterreichs nehmen mit der großen unerschütterlichen Liebe und Treue, die sie für die erhabene Person des edlen Herrschers erfüllt, herzinnigen und freudigen Anteil an dieser Feier. Wenngleich an der großen, von der Stadtgemeinde Wien durch Errichtung einer bedeutenden Stiftung geplanten Huldigungs- Kundgebung auch die Wiener Juden, als ein Teil der Wiener Bevölkerung und kraft ihrer nicht unbedeutenden Beitragsleistung zum Stadthaushalte ihren Anteil haben, hat der Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde »angesichts der Tatsache«, daß es in der Wiener Judengemeinde fast zur Tradition geworden ist, denkwürdige Abschnitte in der segensreichen Regierung unseres geliebten Kaisers durch besondere Akte der Wohltätigkeit zu begehen, in seiner Plenarsitzung vom 9. Juni 1907 einhellig beschlossen, das bevorstehende Regierungsjubiläum durch einen gemeinnützigen Akt zu feiern. Zur Beratung hierüber wurde eine Kommission aus dem Plenum eingesetzt, welche in mehreren Sitzungen die vorgelegenen, verschiedenartigen Anträge eingehend beraten hat, und nunmehr durch das Vertreterkollegium ihre Anträge stellt. Seit vielen Jahren befinden sich teils im Besitze der Kultusgemeinde, teils im Besitze des Waisenvereines Kapitalien von Stiftungen und Widmungen für die Errichtung und Erhaltung eines Knabenwaisenhauses in der Höhe von ungefähr 600.000 Kronen. So ansehnlich dieser Betrag auch ist, reicht er doch nicht hin, damit ein Waisenhaus zu errichten und zu erhalten. Um nun zu bewirken, daß ein solches, ungemein dringendes Institit geschaffen werde, stellt das Vertreterkollegium auf Grund des Beschlusses der Kaiser Jubiläums-Kommission folgenden Antrag: Die KultusgemeindeWien widmet zurFeier des sechzigjährigen Regierungsjubiläums Seiner Majestät des Kaisers einen Betrag von 100.000 Kronen zum Bau eines K n a b e n w a i s e n h a u s e s durch die Kultusgemeinde gemeinsam mit dem Vereine zur Unterstützung und Versorgung hilfsbedürftiger Waisen der israelitischen Kultusgemeinde Wien. Die Widmung dieses Betrages erfolgt in der Voraussetzung, daß die bestehenden Stiftungen dem angegebenen Zwecke zugeführt werden können, wozu die Genehmigung der Staatsbehörde voraussichtlich erteilt werden dürfte. Die näheren Modalitäten hinsichtlich der Durchführung dieses Beschlusses bleiben vorbehalten. Der vorliegende Antrag bedürfte wohl nach keiner Richtung hin einer besonderen Begründung. In doppelter Beziehung dürfte er den Wünschen unserer Glaubensbrüder in Wien entgegenkommen; einmal, als die Erfüllung eines tiefempfundenen Bedürfnisses auf humanitärem Gebiete, hauptsächlich aber als ein Zeichen der Liebe und Verehrung für unseren Kaiser. Unwandelbar in den wechselvollen Schicksalen unseres Vaterlandes steht die erhabene Person des edlen Fürsten als ein unerschütterlicher Hort der Gerechtigkeit; unwandelbar in der väterlichen Liebe, mit der er alle Angehörigen seines Reiches umfaßt; unberührt von beklagenswerten Erscheinungen des öffentlichen Lebens, die ihre trüben Wellen gerade im jetzigen Zeitpunkte bis in die unmittelbarste Nähe des Thrones werfen. Durch die Bedrängnisse, die wir besonders in den letzten Jahrzehnten über uns ergehen lassen mußten, unter dem fortgesetzten Drucke unverdienter Gehässigkeit, sind wir bescheidener geworden, denn je. Sonderrechte verlangten wir niemals, nur Gerechtigkeit! Und wenn uns auch diese oft und oft verwehrt wird, tröstet uns das erhebende Bewußtsein, daß es eine Stelle gibt, die höchste in diesem Staate, welche zu allen Zeiten auch uns gegenüber ihre mit Weisheit und Milde gepaarte Gerechtigkeit walten läßt! Darum haben wir Juden besonderen Anlaß, das seltene Jubelfest unseres erhabenen Monarchen mitzufeiern und auf die Frage, in welcher Weise unserer Verehrung und Anhänglichkeit für den geliebten Kaiser der beste Ausdruck gegeben werden könnte, geben uns der Wunsch des edlen Fürsten und die Vorschriften unserer heiligen Religion die gleiche Antwort: Durch menschenfreundliche, wohltätige Werke.