Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 52 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 *Neue Nat!ona1-Zeitun^'< Nr. 52 allerdings ein getaufter — der Dr. Lueger warm in Schatz nimmt. War sich Professor Dr. Adler dessen bewußt, daß er, der Gelehrte, allen Hohn und allen Spott derjenigen herausfordert, die er so warm verteidigt? Wenn Dr. Lueger sich gegen die Verjudung der Universitäten wendet, dann stehen die getauften und die ungetauften Juden seinem Herzen gleich nahe und er und die ganze katholische Gesellschaft würden sich schön bedanken, wollten alle getauften Juden oder Judenstämmlinge, die eine Dozentur erlangen, die Universität katholisch machen. Es gibt Antisemiten, die es dem Christentume nicht verzeihen können, daß sein Begründer unter Juden geboren und unter Juden gewandelt ist und diese Antisemiten, Lueger voran, sollten es ruhig hinnehmen, daß ein einfacher ordentlicher Professor des Handels¬ und Wechselrechtes an der Czernowitzer Universität sie an dem Werke, die Universität katholisch zu machen, unterstützen soll? Die getauften Juden und die Judenstämmlinge wissen es und sollen es wissen, daß nach dem bekannten Zitat dem Antisemiten gleichgiltig ist, was der Jude glaubt; er predigt nicht Religionshaß, sondern Rassenhaß. Die getauften Juden sollen nicht einen Augenblick in der Meinung leben, daß sie ihr Schicksal von dem unsrigen geschieden haben, wenn sie sich nicht mehr „mosaisch" schreiben und für die Unauflöslichkeit der katholischen Ehen schwärmen. Wasser ist dünner als Blut und es ist oft ein guter Witz des Schicksals, daß Judentäuflinge mit einer echt jüdischen Physiognomie durchs Leben gehen müssen. Ich erinnere mich lebhaft eines Epigrammes, das irgend jemand auf einen zum Protestantismus übertretenen glaubenseifrigen Juden gemünzt hat: „Ich bin ein Protestant" das sagst du mit Emphase» Dagegen protestiert emphatisch deine Nase. Die getauften Juden — mögen sie aus welchen Gründen immer dem Judentum den Rücken gekehrt haben — hören nicht auf, Glieder unseres Volkes zu sein, mögen sie sich noch so sehr von unserer Gemeinschaft lossagen und mögen wir noch so sehr das Gefühl der Schadenfreude empfinden, daß jene, die — um mit Gutzkows schönen Worten zu sprechen — die Taufe nehmen und im kühlen Schatten ruhen wollen, dieweil wir die staubige Straße ziehen, aus ihrer friedlichen Ruhe aufgescheucht werden und mit uns in Staub und Sonnenglut weiter wandern müssen. Professor Dr. Adler und die Schar von Judentäuflingen, die die Universitäten bevölkern, gehören zu uns, mögen wir und jene von dieser Zusammengehörigkeit noch so wenig erbaut sein. Der Kampf gegen die Verjudung der Universitäten möge diese verirrten Schafe Israels belehren, daß sie Pflichten gegen ihr Volk haben, auch wenn sie ein starkes Band zwischen sich und diesem Volke zerschnitten haben. Der Fall, daß, wenn alle Welt einen Lueger verdammt, gerade ein Jude sich zu seiner Verteidigung erhebt, darf sich nicht wiederholen und wird sich vielleicht nicht mehr wiederholen, wenn die Christlichsozialen zur Herrschaft gelangen und im Kampfe gegen unsere Rasse keine Prämie auf die Taufe mehr setzen werden. Wir Juden schwärmen für die Gleichberechtigung mit allen Bürgern des Staates. Aber wenn dieses nicht so bald möglich ist, wird es uns traulich ein Trost sein, daß wir dermalen wenigstens die Gleichberechtigung der getauften und ungetauften Juden erlangen. Wer kennt die Gesetze der Entwicklung? Vielleicht ist das eine Etappe auf dem Wege nach Vorwärts. Dr. SCHMARJA LEVIN. Die jüngsten Bluttage uon Odessa. Berlin, den 3. Dezember. Zu meinem Erstaunen habe ich in dem Abendblatt der „Vossischen Zeitung" vom Montag, den 2. Dezember, eine Mitteilung des deutschen Bureaus der „Alliance Israelite Universelle" gelesen, wonach in der vergangenen Woche in Odessa „nur ganz unbedeutende Straßenkrawalle vorgekommen seien, die schnell vorübergingen und kaum beachtet wurden. In der Stadt sei alles ruhig." Gestatten Sie mir, einer solchen Berichterstattung zu widersprechen. Die Nachricht von den Bluttagen in Odessa, wie die Odessaer Zeitungen diese Tage nennen, hat die Runde durch alle russischen Zeitungen gemacht und die russischen Zeitungen dürfen doch gewiß nicht zuviel schreiben. Sogar diejenigen Zeitungen, die vom „Verbände der echten Russen" redigiert werden, haben ausführliche Berichte über die Ereignisse gebracht. Zwar herrscht in Odessa in den letzten Jahren ein permanenter Pogrom, diesmal aber muß es sich doch um etwas, sogar für Odessa Ausserge wöhnliches gehandelt haben. Die Odessaer Zeitungen sind allerdings vom Generalgouverneur gewarnt worden und dürfen zusammenhängende Berichte nicht bringen. Sie dürfen auch nicht mehr von den Untaten der Verbändler oder „schwarzen Bande" sprechen, das ist ihnen verboten worden. Statt dessen müssen sie sagen „junge Leute". Es genügt aber ein Blick in die Odessaer Zeitung „Odesskije Nowosti" zu werfen, von der ich abschriftlich einen Auszug beilege, um über die Bedeutung der Unruhen Gewißheit zu erhalten. Odesskije Nowosti, 16./29. November 1907. „Gleich auf den großen Dumatag folgte der bekannte Odessaer Bluttag, den wir erlebten, eingehüllt in die finstere Hülle der wilden Grausamkeit, der elementaren Barbarei und der abstoßenden Bosheit. Zur selben Zeit, da wir uns über die Reden der parlamentarischen Sprecher freuten, die das Land zu Frieden, Liebe und Einigkeit aufriefen, haben einige Unbekannte hier ganz nahe von uns, vielleicht in der Entfernung von einigen Schritten von den Betten unserer Kinder, moralisch Verwilderte, jeder Vorstellung von den Grenzen des Erlaubten bare, das schreckliche Verwüstungsinstrnment vorbereitet und andere Anstalten getroffen zur Beraubung, ja Ermordung von Menschen, die sie bis dahin niemals gesehen und die ihnen nichts Böses angetan hatten. Und schon ein oder zwei Stunden, nachdem das höllische Vorhaben zur Ausführung gebracht war, haben Gruppen von neuen Unbekannten, die ebenso unverantwortlich und ebenso weit entfernt von den Quellen gesunden Gesellschaftsbewußtseins waren, Ueberfälle mit Dolchen und Messern veranstaltet, auf zufällige friedliche Passanten, deren einzige Schuld darin besteht, daß sie eine dunkle Gesichtsfarbe und charakteristische Nase haben. So haben sich nun die Steine unseres Straßenpflasters, die so vieles während der letzten drei Jahre gesehen haben, wiederum mit Flecken menschlichen Blutes bedeckt, diesen stummen, aber unwiderleglichen Zeugen unseres kulturellen Verfalles. . . Die räuberische Gewalttat wird durch eine Reihe neuer Gewalttätigkeiten erschwert, die umsoweniger begreiflich sind, als sie nicht einmal durch das materielle Interesse diktiert werden. Mit einer geradezu fatalen Beständigkeit folgt jedem verbrecherischen Exzesse eine Reihe von kannibalischen Straßenkrawallen gegen Juden und Jüdinnen, die ungefähr in denselben Beziehungen zu den Heldentaten der unbekannten Räuber stehen, wie z. B. der chinesische Kaiser zu den Unternehmungen