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Neue Nationalzeitung · 1907-12-06 · Heft 52 (6.12.1907) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 52 (6.12.1907)
Date
1907-12-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 52 »Neue Natlonal-ZeltungA Seite $ hoher Gunst erfreuten, aufs Allerstrengste geprüft und beurteilt. So kam es, daß trotz dem bekannten Fleiße und dem unleugbaren Talente jüdischer Aerzte, mehr als $0% der Durchgefallenen Juden waren. Ein solches Mißgeschick bedeutet Zertrümmerung der Existenz älterer Männer und ihrer oft zahlreichen Familie. Aus Selbstachtung mußten die meisten dieser Verunglückten aus der Armee mit einer sehr geringen Pension treten und in vorgerücktem Alter Zahn-, Landärzte u. dgl. werden, da nahezu ausnahmslos für deren weitere Ausbildung als moderne Aerzte nichts geschehen war und auch nur selten ein Jude zur weiteren Ausbildung auf eine Klinik kommandiert wurde und wird. Sie waren und sind gut genug, um mit ihnen die schlechtesten Garnisonen zu stopfen. 2. Uriel schuf den berüchtigten Judenparagraph der Beförderungsvorschrift, demgemäß schon bei der Qualifikation zum Oberstabsarzte 2. Klasse ausgesprochen werden mußte, ob der Beschriebene auch die Erlangung der Eignung zum Oberstabsarzte 1. Klasse in Aussicht stelle. Gleichgesinnte und rückgratsweiche Sanitätschefs fanden sich genug, die einem post tot discrimina rerum et examinum endlich zum Stabsarzte gewordenen jüdischen Militärarzte das Exequatur versagten. Und geschah dies nicht, so hatte Uriel die in keinem Offizierskorps sonst vorhandenen Be—richtiger für die Juden-Verurteilungskommission. Niemandem verantwortlich, erklärte sie bei allen, mit Ausnahme weniger, die als Paradejnden im ärztlichen Korps bekannt sind, daß sie ihr Ziel erreicht haben. So kommt es, daß der angezogenen Interpellationsbeantwortung gemäß unter 44 Oberstabsärzten, zwei, sage zwei Juden als solche 1. Klasse, figurieren. Durch dieses Vorgehen wurde wieder eine große Anzahl von arbeitsfähigen und -freudigen jüdischen Militärärzten vorzeitig und mit für die jetzigen Zeitläufe unzureichenden Subsistenzmitteln in den Ruhestand versetzt. Diese Kategorie war noch schlimmer daran, als die erste. Denn es waren zumeist Männer, die nahe dem 60. Lebensjahre standen und die sich keine neue Existenz mehr gründen konnten. 3. Uriel verwehrte den jüdischen Aspiranten die BeteilungmitMilitärstipendien und wenn ein provisorischer Arzt um die Aufnahme in das ärztliche Offizierskorps bittlich wurde, so wurde das von einem jüdischen St ab sarzte aus gestellte Zeugnis gar nicht b erücksichtigt; die christlichen Stabsärzte hatten den Auftrag erhalten, unter dem Schlagworte „Gesamteindruck" bei jüdischen Aspiranten diesen als „minder günstig" zu schildern. Wie sich doch dieser generaloberstabsärztliche Antisemit — les extremes se touchent — auf das Beschneiden verstand. Doch wurde durch eine hygienische Operation der Körper der österreichisch-ungarischen Militärärzte recht unhygienisch getroffen. Er schrumpfte zusammen und in vielen Garnisonen müssen Zivilärzte gegen einen Taglohn von 2 Kronen dem Herrn Generaloberstabsarztgewaltigen aus der Misere helfen, in den meisten Fällen versieht ein Militärarzt bei mehreren Truppenkörpern den Dienst. Da bekanntlich das Heer nicht allein dazu da ist, um zu Streikassistenzzwecken zu dienen, sondern vornehmlich, um im Kriege für den Staat einzutreten, so steht für den Mobilisierungsfall in sanitärer Beziehung schon von aller Anfang ein Debacle in Aussicht, der seinesgleichen in der Kriegsgeschichte nicht finden dürfte. An und für sich ist der miiitärärztliche Stand in seiner heutigen Stellung und seiner materiellen Bewertung für keinen Arzt, weß' Glaubens er auch sei, anstrebenswert. Aber daß auch dieser den Staatsbürgern jüdischen Glaubensbekenntnisses verwehrt wird, ist gesetzwidrig und der Urheber dieser eklatanten Rechtsverweigerung, General-Oberstabsarzt v. Uriel, der es nicht verschmähte, jüdische Militärärzte zum Abfalle von ihrem Glauben zu drängen, wenn sie in ihrer, in der vorantisemitischen Zeit gewählten Laufbahn verbleiben wollten, erscheint in den Augen aller rechtlich Denkenden, ohne Unterschied auf Glauben und politische Parteistellung-, hinlänglich charakterisiert. 1)K. 3IAYER EBNER. Gin üerteidiger Dr. huegers. Die Hetzrede des Wiener Bürgermeisters gegen die Universitäten hat in der wissenschaftlichen Welt einen großen Sturm hervorgerufen. Eine Universität nach der anderen meldet sich zu Worte, um diesen Angriff auf die Freiheit der Wissenschaft zurückzuweisen. Auch die Czernowitzer Universität steht nicht zurück. Der akademische Senat hat eine Kundgebung gegen Dr. Lueger veranstaltet, der alle Mitglieder dieser würdigen Körperschaft zugestimmt haben. Alle? Nein, einer enthielt sich der Abstimmung, einer nahm bei einer öffentlichen Feier die Gelegenheit wahr, um Dr. Lueger, den „großen Bürgermeister Wiens", in Schutz zu nehmen, einer fand, daß Wissenschaft und Religion einander keineswegs ausschließen, daß sonach die Katholisierung der Universitäten keineswegs Av^ Gefahr für die Wissenschaft und freie Forschung bedeu e. Dieser eine war der Professor des Handels- und Wechselrechtes Dr. Adler und das Merkwürdige an der Sache ist, daß dieser eine schwarze Rabe an der Czernowitzer Universität gerade ein Jude ist, allerdings ein getaufter Jude. Mit Herrn Professor Dr. Adler zu rechten, wäre eine mißliche Sache. Er gefällt sich in Paradoxen. Wenn die ganze gebildete Welt, der Professor; Dr. Adler doch in erster Linie angehört, die Unauflöslichkeit der katholischen Ehe beklagt und einen Feldzug gegen das antiquierte Ehegesetz unternimmt, der derzeit leider aussichtslos ist, dann ist es Professor Dr. Adler, der in dithyrambenhaftem Schwung das Dogma von der Untrennbarkeit der Ehen feiert, die im Himmel geschlossen werden; wenn die Klerikalen den so ziemlich aussichtsreichen Versuch unternehmen, die Wissenschaft unter die Herrschaft des katholischen Dogmas zu bringen und die ganze Republik der Geister sich zum Kampfe gegen die Freunde Luegers wappnet, dann ist es wieder Professor Dr. Adler, der einen Hymnus auf den^Feldmarschall der Schwarzen anstimmt. Profesjor Dr. "Adler ist eben kein Cato, die besiegte Sache liebt er nicht. Aber nicht rechten möchte ich mit ihm, denn seine Haltung entspringt offenbar seiner Einsicht und er hat gewiß das, was die mitleidige Welt jedem als Milderungsgrund zubilligt, der eine ungerechte Sache mit Eifer verficht, eine — ehrliche Ueberzeugung. Darum glaube ich, daß es schwer fallen muß, mit Professor Dr. Adler zu rechten, er ist bereits überzeugt und keine Macht der Welt könnte ihn eines andern belehren. Er ist offenbar ein Posthumus der romantischen Schule, die im Katholizismus geendigt hat. Er sieht die Welt im Dämmerlicht der gemalten Fensterscheiben der Kirche und benebelt von Weihrauch und Räucherwerk sieht er noch dort eine mysteriöse Welt, wo die endliche Wissenschaft aufhört und die unendliche Unendlichkeit beginnt. Ich knüpfe aber diese Betrachtung über die Attaque des Dr. Lueger auf die Universitäten deswegen an den Namen des Professors Dr. Adler, weil die Sache auch vom jüdischen Standpunkte besonders beachtenswert ist. Dr. Lueger kehrt sich gegen die angebliche Verjudung der Universitäten und ein Jude ist es —

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