Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 52 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Neue National-Zeitung« Nr. 52 hören, sollen sich nicht die großen Massen vom Judentum ganz absondern. Es sind oft nur kleinere Fälle, aber sie zeigen deutlich, wie die Herrschaft in den Kultusgemeinden gewissen Leuten ganz ausgeliefert ist. Diese schalten und walten nach ihrem Gutdünken, und, wer mit diesen Wölfen heult, baut sich sein warmes Nest Kann es uns wundern, wenn bei solchen Verhältnissen viele, und es sind oft nicht die Schlechtesten, dem Judentum den Rücken kehren, das der Boden geworden zu sein scheint für persönlichen Ehrgeiz und eigenen Nutzen? Blicken wir auf eine andere Erscheinung, die der Katholikentag zutage treten ließ. Wir wiesen bereits auf diese hin: Geistliche und weltliche Kavaliere sehen wir mit dem Volke in einträchtiger Arbeit. Können wir dies auch in unseren Gemeinden erzielen? Man betrachte nur die Verhältnisse, wie sie bei uns geworden sind. Sie weisen meist eine nicht ganz reinliche Scheidung auf, zwischen — reich und arm. Die oberen Zehntausend, gehen sie bei uns auch mit dem Volke? Man kann in dieser Richtung ganz merkwürdiges erleben, das in kleineren Gemeinden noch mehr hervortritt als in der Großgeineinde der Reichshauptstadt, Man sieht, wie bei gewissen Anlässen, etwa bei von einem Vereine veranstalteten Vorträgen, das Volk sich hinzudrängt, während von den Führern kein einziger zu sehen ist. Und da rede man uns noch von dem demokratischen Zuge im jüdischen Volke! Was Demokratie ist und volkliche Organisation, davon gab uns der Katholikentag ein glänzendes Beispiel, fast hätte ich gesagt, ein nachahniungswürdiges Vorbild. Angenommen, wir brächten einen Juden tag zustande: Werden sich unsere Großen auch mit dem Volke zusammensetzen und über gemeinsame Angelegenheiten beraten? Wir wollen diese Fragen nicht beantworten, haben es auch nicht nötig, dies zu tun, die Erscheinungen in den Gemeinden entheben uns der Antwort. Wir sehen hier im kleinen, was auf einem eventuellen Judentage im großen in die Erscheinung träte. Wir gehen weiter. Mit einem gewissen Stolze wurde immer und immer wieder ein Wort in den Mund genommen: Katholizismus. Niemand scheute sich, dies Wort in konfessionellem Sinne zu gebrauchen. Wie ängstlich vermeiden wir aber das Wort Jüdisch". Man ist „human" geworden im Judentume. Als schlösse das Judentum die Humanität aus. An das Judentum werden gewisse Leute nicht gerne erinnert. Da wurde nun von ihnen glücklich die Humanitätsformel gefunden. Und bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit werfen sie mit ihr herum. Wollen wir aber Juden sein, dann müssen wir dies auch kräftig betonen und stets darauf hinweisen, daß das Judentum die höchste Humanität einschließt, und deren Segnungen für alle, ohne Unterschied vorhanden sind. Alle großen Frageu wurden auf dem Katholikentage in Erwägung gezogen und zur Erörterung gebracht, alle großen Fragen, die in diesen Tagen die Welt bewegen. Auch dies möge uns eine Lehre sein. Wir verlieren uns im kleinlichen Gezänke über Rabbiner-, Schächtungs-, Friedhofs- und Kantoren angelegen heften. Man muß nur hören, wie widerlich dies Gepolter ist — pro nihilo. Den Blick aufs ganze und große zu richten: auch darin sei der Katholikentag uns Lehrmeister. Kein persönliches und kein kleinliches Regiment, nicht Paschadespotismus und nicht Schammes- oder, wenn man lieber will, Sekretärsabsolutismus beherrsche uns. Wie man sieht, gibt es Fragen genug, große und wichtige, die einen künftigen Judentag beschäftigen könnten. Eines aber tut uns not, was im modernen Kampfe der Geister höchste Bedeutung besitzt, das ist: eine mutige Presse. Wir legen das Hauptgewicht auf das Adjektivum mutig. Eine Presse soll es sein, die sich nicht scheut, Fehler, wo immer sie vorhanden sind, ans Tageslicht zu ziehen, um sie zu heilen. Eine Presse, die alles nur in rosige Farben taucht, stets nur lobt, alles, auch das Schlechteste gut findet, als befänden wir uns in der besten aller Welten, hat ihre Pflicht dem Volke gegenüber nicht erfüllt. Die Mächtigen sind leicht im Stande, die Stimmen der Zeitungen zu gewinnen und durch diese die Menge darüber hinwegzutäuschen, wie übel bestellt es um sie ist. Darum legte auch der Katholikentag ein so großes Gewicht auf eine tüchtige Preßleitung; erkannte er doch sehr wohl, was für eine Macht die Presse, die wohlorganisierte und gutgebildete, darstellt. Freilich sind dazu auch Mittel notwendig und wir konnten erstaunt darüber sein, wie reichlich der christlichsozialen Partei die Quellen zufließen, wenn es gilt, in Wort und Schrift agitatorisch aufzutreten und zu wirken. Vielleicht beherzigen das unsere „Reichen". Ich denke, der Lehren, die wir aus dem jüngst abgehaltenen Katholikentage, seinem Auftreten und seinem Verlaufe ziehen können, sind genug. Was vermag doch die stramme Organisation, wieviel das Machtgebot, das verlangt, daß sich der Einzelne der Gesamtheit unterwerfe. Wie viel kann die eiserne Disziplin ausführen, die hier Männer der verschiedenartigsten Lebensstellung, hohe und niedrige, zu einem Zwecke verbindet! Wahrlich, die Lehren des Katholikentages sprechen laut genug zu uns. Wie kleinlaut verliefen diese Versammlungen noch vor achtzehn Jahren, als der zweite Katholikentag abgehalten wurde, und was hat konsequentes Festhalten an einem Programme zuwege gebracht! Vielleicht wird das Vorgehen unserer Gegner doch den „Machthabern" in Israel die Augen öffnen. Wir halten zwar nicht viel davon, daß jemals das kleinliche Gezänke in unserer Mitte aufhöre, möglich ist es aber doch, daß die Fragen, die uns heute bewegen und die Geister erregen, wenn auch nicht ihre Lösung, so doch eine gründliche Besprechung finden werden auf einem großen Judentage. General-Oberstabsarzt Dr. uon Uriel. Yon einem hohen Offizier. Ein unleugbar schwerer taktischer, auf mangelhafter Information wohl beruhender Fehler war es, daß auf die Interpellationsbeantwortung in der XII. Session, 7. Sitzung am 2. Juli 1906 der Delegation der hochverehrte Delegierte Dr. Straucher nicht sofort die Unaufrichtigkeit derselben ins rechte Licht rückte. Wer den geraden, wahrhaftigen, streng loyalen Sinn des damaligen Reichskriegsministers kennt, konnte nicht einen Augenblick im Zweifel sein, daß hinter seiner Interpellationsbeantwortung ein anderer steht und kein anderer, als der in der Schule des Schneiderschen Antisemitismus ausgewachsene General-Oberstabsarzt Dr. Josef Ritter von Uriel. Wie alle Handlanger dieser Partei, hat auch er mehrfache Häutungen durchgemacht. Schlesier von Geburt und als solcher von politischer Gesinnung ursprünglich liberal, wurde er nach Wien versetzt ultradeutsch national (couleur Schönerer) und gehörte zu den Gründern des „Wehrfondes" als Spitalskommandant. Als Vorstand der 14. Abteilung des Reichskriegsministeriums und bald darauf als Chef des militärärztlichen Offizierskorps entdeckte er sein rein christlichsoziales, d. h. antisemitisches Herz strengster Observanz und begann den Ausrottungskampf gegen die jüdischen Militärärzte. Dieser bewegte sich nach 3 Richtungen: 1. Es wurden die jüdischen Regimentsärzte, die zur stabsärztlichen Prüfung kamen, wenn sie sich nicht sehr