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Neue Nationalzeitung · 1907-12-06 · Heft 52 (6.12.1907) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 52 (6.12.1907)
Date
1907-12-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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MCiONAL-ZEMG JüDI^RPOUCISCfig WOCRSNSCRRiFC ^ERföü§G5B5R! DrS.R.LANDiSU:! IX. JAHRGANG. WIEN, 6. DEZEMBER 1907. No. 52. Dr. 31. AHKONSOJf. Judentag und Katholikentag. Von dem alten römischen Tacitus wird behauptet, er habe in seiner „Germania" dem schon etwas alternden römischen Volke das Bild eines kraftstrotzenden Stammes vorführen wollen, der vielleicht berufen war, an der Stelle der alten Roma einen Völkerneubau aufzuführen. Mit einem gewissen Neide weist der gewaltige Sittenschilderer auf jene Eigenschaften hin, welche die Germanen besonders bevorzugten und die den Römern ganz abhanden gekommen waren. Wenn wir Juden die zerrütteten Verhältnisse in unserer Mitte und dann wieder die große Heerschau betrachten, die jüngst die mit den Klerikalen eng verbündeten Christlichsozialen in der Reichshauptstadt über ihre Manen abhielten, eine Heerschau, so man Katholikentag nennt, dann verstehen wir die Gedanken des römischen Historikers. Es kommt über uns, gestehen wir es nur, wie Neid und die Frage drängt sich auf unsere Lippen: „Warum bringen wir Jnden es nicht zu einem solchen Tage, auf dem einmütig, den Blick nur immer auf das Ganze, auf die Hauptziele gerichtet, beraten wird, zum Wohle dieses krankhaft zuckenden Körpers unseres Judentums? Und wir hätten so viel zu beraten und noch mehr auszuführen, Heilung zu bringen diesem Körper „von der Fußsohle bis zum Haupte"!... Man wird in diesen Betrachtungen schon oft Gesagtes wiederfinden, aber dieselben Gedanken drängen sich uns auf, wenn wir dieselben Erscheinungen beobachten. Wenn wir auf die letzte imposante Katholikenversammlung in Wien blicken, fiel uns vor allem deren stramme, bewunderungswürdige Organisation auf. Selbst die Sozialdemokraten bringen dies nicht zuwege. Da hörte man von nationalen Reibungen nichts, es traten keine Friktionen zutage, die doch sicherlich auch in dieser großen Partei vorhanden sind, keine persönlichen Streitigkeiten und Nebenbuhlerschaften wurden offenbar, man beriet einmütig und sachlich. Wenn wir Juden von unseren Gegnern lernen wollen, behalten wir vor allem diese Einmütigkeit und Sachlichkeit im Auge, wo es gilt, die großen Aufgaben des Judentums zu vollführen. Hier ist unser Grundfehler zu suchen, ein Fehler, der in erschrecklicher Weise zersetzend, besonders auf unsere Kultusgemeinden, wirkt. In diesen muß man alles schön und gut finden, nur immer die Führer loben und preisen, sie womöglich als Genies und Retter des Judentums hinstellen, sonst — nun sonst ist man ein Stänkerer, ein jüdischer Antisemit, ein Störenfried, man macht in Chillul Haschern und wie alle die Vorwürfe und Anklagen heißen mögen, mit denen man bei uns sehr rasch zur Hand ist. Ueber Persönlichkeiten läßt man die Sachlichkeiten aus dem Auge. Wie ganz andere Erscheinungen führte uns der Katholikentag vor! Wir zweifeln nicht daran, daß es auch in diesem Lager der Rivalitäten und Zwistigkeiten genug gibt, aber wie trat hier alles vor dem einen, großen Gedanken, den diese Versammlung verkörperte, in den Hintergrund! Geistliche und weltliche Machthaber saßen hier mit Vertretern des Volkes beisammen, jeder persönliche Streit schwieg, der Einzelne unterwarf sich dem Ganzen, es war, ob wir es zugestehen oder nicht, eine bewunderungswürdige Demonstration. Unwillkürlich fragen wir: Wäre eine solche Einmütigkeit zu erzielen, wenn ein großer Juden tag zustande käme? Und wie notwendig hätten wir eine solche einmütige Beratung! Furchtbare Schäden sind gerade in der jüngsten Zeit in unserem Judentum zutage getreten. Es gilt hier kein Vertuschen, kein Beschönigen, da ist Abhilfe notwendig. Unser Kultus-, Unterrichts- und Ritualwesen, sowie das soziale Leben bedürfen dringender Umgestaltung. Man sieht, wir gebrauchen das Wort „Reform" nicht, weil es uns zu abgetragen erscheint und nicht das ausdrückt, was wir sagen wollen. Das persönliche Regiment, die absolutistische Herrschaft einzelner in den Organisationen, welche den Namen Kultusgemeinden führen, muß auf-

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