Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 51 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51 »Neue National-Zeitung« Seite 15 Insel so außer dem Kurs liegt, und nicht zählt zu den Gebieten eures wilden Ruhmes und eurer Begeisterungen und freventlichen Gluten." Und wie einmal Sonntag war und die Glocken ihrer stillen Kirche, auf deren Grund ich jetzt sitze und dies schreibe, erschollen, da riefen sie mich aus dem Innern, wo ich unter Tränen auf den Steinfließen lag, hinaus unter die Bäume, die da rauschen, und führten mich vor einen alten Mann, der fragte mich nach Padova und Verona und anderem. Und plötzlich fragte er: „Bist du der deutsche Mann, der sich wegen der Rhodiser so kränkt?" Und er lachte und ich erwiderte zornig: Ja, ich bin es, und erzählte ihm haargenau, wie alles gewesen; und da lachte er wieder und sagte, wie ich von dem Herrn Großmeister sprach: „Also du liebtest ihn, und für ihn eigentlich, weil sein Schmerz dich jammerte, hast du alles getan? Aber warum, Knabe, sag' doch, wenn es dir so weh tut, sobald du einen anderen weinen siehst, warum gehst du dennoch hin uud schlägst andere mit Tod und Not, die so weit von dir waren, wie Hesperia oder das Geysirland, und dir nimmer zuvor ein Leids angetan hatten?" Und weil ich damals doch noch nicht gut griechisch reden konnte, dacht' ich mir: Wart', ich will dir schon, bis ichs besser kann, antworten. Aber der Alte lachte immerfort und sagte: „Und wenn du griechisch reden wirst, wie ein Gott, kannst du doch die Wahrheit nicht ändern. Gebäude kann man umstürzen, und wenn ein Erdbeben kommt, macht es Berg zu Tal, nur die Wahrheit kannst du nit erschüttern. Was geht dich der ferne Krieg an, was suchst du ihn, was erhitzt sich dein Puls und lügt dir vor, daß Gott will, einer Mutter ihr blonder Gangolf soll hunderte Meilen weg umkommen, oder ein armer Friedemund, der kein Großmeister und kein Ritter, sondern ein armer deutscher Bauersmann ist, soll hier in der Fremde mutterseelenallein leben und sterben? Doch werd' nicht wild, mein Knabe, ich will dich wahrlich nimmer schmähen. 0, daß fremdes Leid dich rührte, nie will ich darüber lachen und spotten sehen. Nur eines sag' mir: weist du etwas Genaueres von deinem Großmeister, der sich so härmte und mit so mildem und gütigem Gesicht zu dir sprach? Ich kenn' ihn ebenfalls und seine Christlichkeit und seinen milden Sinn. Ich heiße Prospero von Villaret und bin sein Bruder." Und von da ab war ich immer um den alten Mann. Er wohnte in einer zierlichen Hütte, beinahe am Westrande der - Insel, an einem herrlichen goldgelben See, der da zauberisch wie geschmolzenes Gold mitten zwischen schwarzem Gestein aus der Tiefe heraufsprudelte. Und wie ich das erstemal hinkam, stand Herr Villaret an dem Ufer des Sees und warf scharfzielend mit heftigem Schwünge einen Stein mitten hinein und sagte grimmig lachend: „Der Stein ist nur Stein, er folgt der Notwendigkeit und fliegt dorthin, wohin man ihn wirft. Ich aber bin dumm, daß ich jetzt tu, was vor fünfzig Jahren besser geschehen wär', und daß ich jetzt nach dem Wasser ziele, statt damals nach einem Kopfe." Und wie er so sprach, trat ein liebliches Wesen, seine Enkelin, Fräulein Lucrezia, vor die Tür, und-er sagte ihr, ich wäre der deutsche Mann, von dem man überall auf der Insel sprach, und ich beugte das Knie und ersättigte meine Augen kaum an dem Anblick ihrer Schönheit. Und als eine Weile hernach ein Schiff des hochberühmten Herrn Barozzi aus Venedig nach Santorin kam, um hier Storaxharz und Sesam und Oliven und weiß Gott noch was zu kaufen, da kam ein seltsam Leben in die Hütte am See. Denn der junge Herr Barozzi, der sich auf dem Schiffe befand, hatte unser Fräulein gesehn und sie ward seine Braut; und er fuhr nur jetzt nach Hause zurück, um die Einwilligung des Vaters zu holen. Und Herr Prospero wußte nicht, sollte er sich freuen, daß die teure Enkelin nun doch nicht in Armut auf unserer einsamen Insel verkam, oder sollte er still und heimlich seinen bitteren Schmerz ausweinen, weil er nun mutterseelenallein zurückbleiben sollte in der Ferne. Aber er überwand es und man sah ihm nichts an, und es kam die Zeit, wo man nach Westen auszuspähen begann, ob sich nicht schon das Schiff, das den jungen Bräutigam aus Venedig bringen sollte, am Horizont zeigte. Und gerade in jenen Tagen war's, da erlebten wir noch etwas: nämlich, wie von OsteD her einmal ein Schiff auf der Flucht vor dem anderen dahergejagt kam; und beide brannten und wurden bei uns gerettet, und erzählten von einem Kampf ihrer Flotten — und fletschten, kaum gerettet, die Zähne widereinander, und gaben ein Schauspiel von Wut. Aber wir achteten ja dessen nicht mehr, denn schon hatten wir Alles, die Freude und die Bangigkeit im eigenen Hause. Denn wenige Tage darauf wurde Herr Prospero früh morgens geweckt und wir eilten auf den Turm, um gen Westen zu schauen; und siehe, da kam schon das Schiff, mit braunen und violetten Fittigen, das Bräutigamsschiff, das unser Holdseligstes nach dem Orte des Glücks abholen sollte. Und bald sprang Herr Barozzi ans Ufer und küßte Herrn Prospero die Hand, und das Fräulein war so glücklich und schön, daß ich mit Herrn Prospero weinen mußte bei dem Gedanken, daß das alles nun von uns genommen werden sollte. Und dann war Trauung, und Herr Barozzi nahm das Fräulein in seinen Arm, und nachts wurde in dem kleinen Häuschen am See Beilager gehalten. Nun, und da geschah, was keiner vergessen kann, so er verflucht gewesen, es mit anzusehen mit eigenen Augen. Was Herr Prospero in dieser Nacht litt, das beschreibt kein Mensch. „Komm, Friedemund, heulte er, komm, ich trag nicht den Schmerz dieses Abschieds." Und wir stiegen aus der Tiefe allraählig bis zu dieser Höhe empor und durchwanderten die Straßen der schlafenden Stadt und sahen die funkelnden Sterne am Himmel und hörten das Rauschen des Meeres. Da auf einmal, was war das? Unser Berg begann zu glühen und aus seinem Innern stiegen Flammen auf, die bis an den Himmel reichten. Und gleichzeitig begann die Erde zu beben, erst mit einem dünnen, schnarrenden Ton, dann tiefer und wilder, wie wenn Tuben drinn im Erdinnern erdröhnten. Und der Boden schwankte, anfangs wie ein leicht bewegtes Blatt, aber dann bäumte er sich auf wie ein Tier, wenn es plötzlich aus dem Schlafe aufschreckend auffährt. Und Hütten, Häuser, Bäume, Felsen sprangen von dem Körper der Erde ab, wie Staub und Splitter aus der Mähne eines Löwen, wenn er auffährt. „Herr Prospero," rief ich, „Herr Prospero!" und griff nach ihm mit der Hand. Aber da brüllte er auf, wie ich es nie von einem Menschen gehört und deutete dorthin, wo unser Fräulein heute ihr Beilager hielt, am Ufer des goldgelben Sees. Denn dort spaltete sich in weiter Linie die Erde, wütende Flammen schlugen aus ihr hervor, das ganze Hügelland jenseits des Sees hob sich wie ein von einer Hand geworfener Ball, und stürzte dann, mitten entzweibrechend und Jugend, Alter, Glück, Liebe, Arbeit, Hoffnungen, alles mit sich reißend, in die Tiefe des Meeres. Und mit ihnen zusammen lag auch der Gegenstand unserer bitteren Zwiste, der Grund des Todes von so vielen Millionen, das, worum der junge Gangolf und der arme Schulenburger starben, das Kreuz und der Halbmond mitsamt den unlängst geretteten Schiffen, auf dem Grunde des Meeres." * * * . . . Soweit war ich gekommen, da wurde es licht, und draußen vor meinem Fenster stand Frau Catharina Comaro und rief lachend: „Hei, forschet wo der Graf