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Neue Nationalzeitung · 1907-11-29 · Heft 51 (29.11.1907) · p. Seite 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 51 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 NT- -51 Schwabesani lassen dich grüßen". Und wie der Andrea Doria und der Kaiser Bohemund nach Rhodus kommen sollten, schrie er, sie sollten sehen, daß die Rhodiserritter keine Hirtenknäblein vom Dorfe wären, und jagte hinüber nach Nicäa und kam zurück, das Schiff beladen mit geraubtem Samt und Seide. Die legte er dann dem Doria unter die Füsse und" verkleidete damit sein Haus, so daß die Seide draußen, gleich herrlichen Vohängen herniederfloß, daß der Wind sich in den steifen Falten verfing und knirschte. Und an anderen Stellen war sie feingefältelt und zusammengerafft, so daß die Wand aussah wie schwarzes, rotes und grünes Email mit feiner Kanellierung . . . Aber ich schwatz' und schwatz', und sehe trotz allem was ich erlebt habe, wie mir in meinen 70 Jahren noch immer die weltliche Albernheit im Blute liegt. Denn was nützte dem Schulenburger dies alles? Gerade wie wir da an seinem Hause hielten, lag er oben in dem Zimmer als ein Verendender und brüllte: „Himmel, erlöse mich von meiner Qual." Von vier Pfeilen der Ungläubigen getroffen lag er da, und konnte nicht leben noch sterben, und wie er so brüllte, griff sich Gangolf ans Herz und sagte: „Friedemund, mit mir wird es auch bald aus sein." Da auf einmal die alte Wahrheit, daß das Schicksal sich mit dem Zeit läßt, den es schon hat, und daß es den plötzlich mitnimmt, dem du soeben lächelnd zugerufen hast: Furcht' dich nicht, mit dir hat's noch gute Wege. Der Schulenburger nämlich schrie und brüllte, daß es schon wie toll klang und daß die Leute trotz des Brandes ringsum mitleidig vor dem Hause zusammenliefen. Da ein Schrei, und der Sturmwind trägt ein brennend Holzstück daher, das auf meinen armen, jungen Grafen fällt, daß er wie von einem Hieb getroffen, jählings tot zu Boden sinkt — und das war der Dank, daß er sein Leben lang so von allen Himmeln geschwärmt hatte. No und jetzt, was hatt' ich noch auf Rhodus zu tun? Wir schmolzen furchtbar zusammen, zum Schluß fehlte es an Brot, und wenn man auf die Schanzen kam, wer war da? Herr Villaret; wenn man auf den Turm stieg, wer saß da und spähte nach Entsatz aus? Herr Villaret; und in allen Kirchen und vor allen Altären lag er im Gebete, und wie brennendes Erz rannen ihm die Tränen über die Wangen. Doch es half nichts. Und wie wir einmal von den Bastionen heimkehrten, riefen uns die Drommeten zusammen und bei Fackelschein trat der Großmeister in unsere Mitte und sagte: „Ohne Entsatz sind wir verloren, für acht Tage haben wir noch Proviant, so stell' ich an euch die Frage: Wer will sich opfern und durch die feindliche Flotte durchschleichen, zur Fahrt nach Acca oder Jerusalem, um Rettung für uns Armesünder?" Alles schwieg... Da tat mir Herr Villaret leid, weil er so bestürzt aussah, wie wir alle rings schwiegen, und ich weiß selbst nicM, wie es war, aber ich trat vor und flüsterte: Vater, ich will's tun. Da stürzten dem Herrn Großmeister die Tränen aus den Augen, er umarmte mich und rief: „Du mein gutes Kind, gesegnet seist du!" Und sie führten mich in die Kapelle, wo vier Ritter in ihren schwarzseidenen Mänteln mich vor den Altar und dann vor den Thron des Großmeisters führten. Und alles, was noch auf den Beinen stand in unserer armen Stadt, war mit anwesend und sah mit so heißen Augen auf mich! Und wie ich dann vom Throne weg zusammen mit dem Großmeister unter dem Baldachin zur Kirchenpforte schritt, stand da der Luitpold, der Diener des Schulenburgers und streckte mir die Hand entgegen und sagte, indes ihm die Tränen rannen: „Nein, so was! Wenn sie das bei uns zu Hanse erfahren!" Und noch ein Deutscher war da, und denkt euch, wie komisch, war der just zwei Stunden von Schwabesam zu Hause! Hans Rother hieß er und war mit einem belgischen Herrn nach Rhodus gekommen und hatte ein Gesicht, dreieckig und mager und unzufrieden, wie der Gotts#beir uns. Dennoch drückte er mir jetzt die Hand und sagte:: „Jetzt wirst gar heilig, Fiiedemund! Aber 's Mütterlein wird wohl weinen." No, und nachmittags saßen..wir.4as letztemal zusammen, abends nahm mir der Großmeister die Beichte ab; dann erschollen alle Kirchenglacj^en, fille Kirchenfahnen wurden herausgetragen, hundert Fackeln entzündet. Und sie führten mich, der ich barhäuptig und mit gefalteten Händen unter dem Baldachin ging, .die Ritterstraße hinunter in den Hafen, wo hinter anderen großen Schiffen verborgen meine arme kleine Barke lag. Dann nahm mich der Großmeister zum letztenmal in seine Arme und die Fackeln verloschen und ich ruderte ins Finstere hinaus. Und es gelang, Blindheit fiel auf den Feind herab und früh morgens, als ,die Sonne, aufging, setzte ich keck schon die Segel auf, und meine Barke flog und flog und flog ... Allein nichts halfs, und es war ja auch: von Anbeginn aussichtslos. Du guter Gott,, von Rhodus; nach Acca oder Haifa in einer Barke! Und nur, weil, man doch nicht müßig zuschauen mag, wenn man so viele Menselien leiden und eines langsamen Todes sterben sieht, /nur darum tat ich's ja ... aus Erbarmen, um doch, etwas zu versuchen, und brächt' es mir selbst das Ende. Aber wie ich jetzt, mutterseelenallein das spiegelblanke Meer dahinfuhr, stieg in mir freilich riesengroß und schier wahnwitzig das Verlangen auf, daß es doch sein möchte; und am liebsten hätte ich den Wellen, und diesem Meer und dieser kleinen Barke und diesem Wind zugeschrieen, wie man einem Tier zuschreit:. Der Engel Gabriel iist über dir, was säumst du? Der Engel Ariel hat dichiin seiner Hut und die Heiligen beflügeln dicli^ und du hist so langsam? Und wie ich so halb wahnsinnig schon vom heftigen Wollen und der Ungeduld, die mich zerfleischte, den dritten oder vierten Tag dahinfuhr, kam ein Stürm, packte mich und meine Barke, und trug mich irgendwohin, ich wußte nicht ob nach Osten oder Westen, .bis ich die Besinnung verlor. No aber jetzt, lieber Landsmann, der du. vielleicht später einmal nach meinem. Tode diese Zeilen lesen wirst, jetzt bitte ich dich, gib Acht, wie mit mir das Leben immer so gespielt hat, als wie die launische Welle mit einem Blatt, und wie mir alles immer noch ärger zergangen ist, als dem Kinde die Seifenblase. Wo war unsere lustige Kriegsfahrt? Herr Gangolf moderte als Leiche in der Ferne. Wo war das Jerusalem, von woher ich Hilfe holen gewollt? Der Sturm jagte mich vor sich her, zu der Insel wo ich dies jetzt schreibe; und als ich zum Bewußtsein erwachte, wars mir, wie jenem alten König oder Rittersmann, von dem sie dereinst in Padova uns erzählten, wie er nach einem Krieg ebenfalls von den Wellen an eine Insel in Graecia getragen ward, wo sie ihn nicht verstanden und von dem heißen Sehnen nichts wissen wollten, das die arme Seele erfüllte. Denn die Leute hier waren gut und verbanden die Wunden an meinem Haupte. Nur was nochmehr schmerzte als mein körperlich Leid, dessen wunderten sie sich, und je öfter, desto tiefer staunten sie und sagten: „Tobt der alte Wahnsinn noch immer in der Welt?" Und immer wieder sagten sie: „Nein, nimmer soll eines unserer Schiffe dahin, von wannen du herkamst, und ist deine heilige Insel verloren, dann wird sie bald wieder zurückgewonnen und abermals auch wieder verloren sein. Denn das dreht sich seit Jahrhunderten so wie ein Kreisel in immer gleichem Gang, und ist wie eine Mühle, die die Knochen aus den Morgenländern und den Abendländern zermahlt und wo an den Wänden immer nur so das Blut herabrinnt." Und was ich dagegen bat und sagte, sie wollten nicht und wollten nicht, und sagten: „Nein, dahin gehen wir und fuhren wir dich nit; denn das ist das beste, daß-unsere

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