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Neue Nationalzeitung · 1907-11-29 · Heft 51 (29.11.1907) · p. Seite 16

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 51 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
Seite 16 (sequence 16)
Language
German
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Seite 16 »Neue National-Zeitung« Nr. 51 Reuchlin heut' Nacht gewesen, er ist noch nit schlafen gegangen." Da trat ich hinaus zu ihrer Begrüßung und erzählt1 ihr, wo ich dieser Nacht gewesen, worauf sie sich verfärbte und begann heftig zu weinen. Und dann führt' uns der Herr Prior zu Friedemund Leuchteholds Grab und zu demjenigen, worein mein Landsmann damals, vor zweihundert und mehr Jahren, nach der Nacht des Unglücks den Herrn Prospero gebettet hatte, dessen ganzes Leben ein Lieben und ein Leiden gewesen. Und als wir die Stadt verließen, ruderten wir noch zu dem goldenen See, in dessen Tiefen jetzt ein Kreuz und ein Halbmond lag und wo nach einer Minute des Glücks im Umsturz flammender und brechender Gewalten auch eine so lichte Unschuld mit den Schuldigen zugrunde gegangen. I. L. PEREZ. Das Chanukah-biditlein. (In freier Nachdichtung aus dem Jiddisch von A. B.Werner.) Schatten decken dunkel die Welt, Niedersinkt die Nacht, Mit mattem Zucken ein Lichtlein hält, Im Fenster stille Wacht ... * Es zuckt und erzählt die traurige Mär: Es war einmal ein Schwert, Es war aus Stahl, es glänzt nicht mehr, Zerbrochen Hegt's auf der Erd' . . . . * Verrostet das Schwert, verdorrt die Hand, Verklungen Kampf und Schall, Bleich und stumm in der Wüste, im Sand, Liegen die Helden all . . . * War's gestern nicht? Nein, tausende Jahr', Fehlen schon Hand und Schwert, Die Leute fragen: Ist es wahr, Das Wunder, das wir gehört . . .? * Vorüber, vorüber ... die ganze Welt Bleiern und ohne Schein, Ewiges Dunkel, kein Stern, kein Held, Das Lichtlein blieb allein . . .! SAMUEL MEISE LS (Charlottenlmig). Chanukah-lsiditer. In der Nähe des Fensters, wie es Brauch und Vorschrift ist, stand der achtarmige Chanukahleuchter. Der Hausherr, ein ehrwürdiger Greis mit schneeweißem Haar, hatte soeben die grünen und roten Kerzchen angezündet und summte den üblichen Gesang mit monotoner farbloser Stimme vor sich hin. Die matten Flämmchen bewegten sich leise. Er betrachtete sie mit inniger Rührung. Hierauf setzte er sich in seinen Lehnstuhl und befahl mir, Platz zu nehmen. Eine leichte Röte umspielte seine sonst so bleichen Wangen. Es war wie die Schamröte eines Alten, der sich einer Jugendsünde erinnert. Jedoch, er schämte sich nicht. Hatte er doch nach den testen Vorsätzen und Absichten gehandelt. Nur das richtige Verständnis für die Sache hatte ihm gefehlt. Deshalb erzielte er auch das Gegenteil von dem, was er erstrebte. Jetzt weiß er es, er hätte anders handeln müssen, anders handeln können und es verdrießt ihn, daß er es früher nicht gewußt hatte. Das erregt sein Inneres, bringt sein Blut in Wallung und treibt es in sein von seelischen Leiden abgehärmtes Gesicht. Gestern begann er, mir die Geschichte seiner Söhne zu erzählen, heute wollte er sie fortsetzen. »Meine Kinder«, seufzte er; in diesem Seufzer lag der Weltschmerz eines zerrissenen Herzens. »Meine Kinder, sie sind mir, sie sind dem Judentum fremd. Ich selbst trage die Schuld. Ich habe sie mir, ich habe sie dem Judentum entfremdet.« Als ich ihn unterbrechen wollte, machte er eine abwehrende Handbewegung. »In einer Stunde der weihevollen Stimmung«, fuhr er in gedämpftem Tone fort, »tut es einem wohl, frei von der Leber weg alles reden zu können. Man sagt oft, das Alter sei geschwätzig. Aber denken Sie mal, man wird alt, man sammelt so viele Erfahrungen, man lernt so vieles auf diesem mühseligen Lebensweg ... so vieles liegt auf der Brust ... auf dem Herzen ... es übersprudelt ... es übersteigt ... es muß heraus! Ja, prachtvolle Jungen waren es, Sie können es mir glauben, schön und wohlgestaltet, gesund und arbeitskräftig, recht liebliche Kinder mit hellen Köpfen und aufgewecktem Verstand. Aber unwissend wie die Lämmer, wie alle anderen gleich alten Jungen in unserem Fleckchen. Zwar waren sie gut erzogen, echt jüdisch erzogen, wie ich es von meinem Vater gelernt; aber das, was man allgemeine Bildung nennt, ging ihnen gänzlich ab. Es waren gute Keime, es fehlte ihnen nur Luft und Sonnenwärme, um schöne Früchte tragen zu können. Es war ihnen zu eng bei mir ... in diesem Neste . .. Und ich sagte mir, sie sollen nicht verkümmern. Ich werde sie in luftige und sonnige Gegenden bringen. Dort werden sie blühen und gedeihen, dort werden sie zu tüchtigen Menschen, zu ehrenwerten Juden, zu nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft werden. Warum sollten sie denn nicht alles lernen, alles wissen, fragte ich mich. Ja, sie sollen's. Wie sagt doch das Sprichwort: Wissen ist Schönheit, Wissen ist Macht, Dasselbe sagt auch der weise Salomo, nur mit anderen Worten. Und das stimmt auch. Also, ich ließ sie unterrichten. Ich sparte von meinem täglichen Brot und zahlte einem Lehrer, der sie in allen Wissensfächern unterwies. Neue Welten tat er vor ihnen auf. Er erschloß ihnen den unversiegbaren Quell des Wissens und sie schlürften aus diesem Quell und ihre Augen wurden hell. Aber das war es eben, worin ich fehlgriff. Ich verstand es nicht, ihnen jüdische Weisheit und modernes Wissen vereinigt darzubieten. Ich versäumte es, sie zu belehren, daß das Judentum und das moderne Wissen nicht in einem Gegensatz zu einander stehen, daß sie einander nicht ausschließen, sondern vielmehr vervollständigen, ergänzen. Ich tat es nicht. Im Gegenteil, ich zog sogar eine Scheidungslinie zwischen der Schule des Lebens und der Schule des Hauses. So hatten sie alles im Kopf, ihr Herz jedoch blieb leer. Das war der Hauptfehler in der Erziehung meiner Kinder .... Und als sie mit Kenntnissen genügend ausgerüstet waren, schickte ich sie in die Hauptstadt der Zentrale der Kultur und Zivilisation. Gehet hin, sprach ich, gehet hin und vervollkommnet euch und werdet zu Leuchten Israels.- . . Und--sie-gingen hin — nein, sie gingen fort — fort von hier, fort vom Judentum.« Hier stockte er. Die kleinen Chanukahlichter flimmerten und tänzelten und schienen der Geschichte des Alten zu lauschen oder selbst manch ähnliches Geschichtchen zu erzählen. Traurig saß er in seinem Lehnstuhl. Er senkte seinen Blick zu Boden wie einer, der eine Sünde beichtet. »Nun«, begann er wieder mit erregter Stimme, »Sie sind wohl neugierig, den Schluß der Geschichte zu hören. Der Schluß ist kurz. Zur Hälfte habe ich mein Werk vollbracht. Sie sind in der Hauptstadt wohl zu Leuchten, aber nicht zu ehrenwerten Juden geworden. Der eine ließ seine Kinder taufen, der zweite ist selbst getauft und im Hause des dritten — traurig, aber wahr — prangt in dieser Stunde, während ich die Chanukahlichter zünde, der Weihnachtsbaum in strahlender Pracht. Zu Leuchten sind sie geworden; der eine ist eine Leuchte der Wissenschaft, der zweite eine Leuchte der Kunst und der dritte ist groß in seinem Tun und edel in seinem Schaffen — aber zu Leuchten Israels sind sie nicht geworden. Sie kennen das Judentum nicht. Sie sind ihm fremd . . . Chanukah-Lichter! — Das ist die richtige Bezeichnung. Sie werden wohl wissen, wie man nach altem Brauch Chanukah-Lichter zündet: an der Tür oder neben. Wir dürfen von ihrem Schimmer und Licht keinen Nutzen haben. Wir dürfen sie nicht zur Beleuchtung des Zimmers verwenden. Nicht ins Zimmer hinein, sondern auf die Straße hinaus sollen sie leuchten ... Ja, das ist mein Los ... Ich zündete Chanukah-Lichter an . . . Chanukah-Lichter! ... In meinem Zimmer habe ich sie angezündet und sie leuchten auf die Straße.« eingesendet.

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