Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 51 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51 »Neue National-Zeitung« Seite 13 nimmer sehen werde und die nimmer, nimmer wieder hören wird von mir. Wisse, sowie es mir erging, ist es wohl niemandem mehr in der ganzen Christenheit ergangen. Ich war 19 Jahre alt und der Großvater war eben gestorben und wir trugen ihn hinaus auf den Friedhof. Da guckte, wie wir ihn begruben, unser Graf über die Friedhofsmauer und fragte, wer der Tote sei. Und sagte dann: „Ah, der alte Leuchtehold! Schau, Schau, ist er endlich auch tot . . . Abfer er hat einen tüchtigen Enkel." Und sah mich von der Ferne wohlgefällig an und kannte mich ja auch gut, weil er mich oft gesehen hatte beim Pferdesch wemmefi oder Jagen. Aufs Pferd hinauf und hinunter, und im Galopp ins Wasser hinein und s' Pferd zurückreißen und ihm die Nüstern oben halten, wenn's in einen Wirbel geriet, das konnte keiner so gut, wie ich. Und wie die beiden jungen Gräflein mit ihren komischen kleinen Bogen uhd Pfeilen durch den Wald streiften, daß kein Spatz und kein Schmetterling vor ihnen Angst hatte, da jagten sie einmal einen Eber auf, und da hatte der Spaß ein Ende. Und ich kam gerade dazu und ließ mich von einem Baum, auf dem ich saß, auf den Eber herabfallen und saß ihm rücklings im Nacken und hielt ihn an den Ohren fest wie mit Zangen, und da konnte man ihn bequem abstechen. Und wie wir den Friedhof verließen, sagte der alte Graf: „No, Friedemund, laufen dir noch die Tropfen über die Nase? Wenn du zu weinen aufgehört hast, komm' zu mir ins Schloß." Und das geschah auch, ich ward des ältesten Gräfleins, des Herrn Gangölf, Leibdiener und Spielkamerad, und begleitete ihn, als er so weit war, nach Italien, nach Padua, Verona. Und als unser hochseliger Herr und Kaiser, Friedrich der Hohenstaufer, der Zweite, das heilige Kreuz nahm, zog mein Gangolf-Gräflein mit und mit ihm auch ich, weil es der alte Graf so haben wollte. No, und seitdem habe ich die liebe Heimat nicht mehr gesehen. Es war ein guter Abschied und wir weinten nicht viel, weil wir schon oft abgereist und trotz Gefahren wieder zurückgekehrt waren. Darum mochten wir es, jung, und fröhlich Blut nicht leiden, daß jetzt beim Abschied Tränen rinnen sollten. Aber es hilft nichts, daß man sichs vornimmt. Als wir unsere Pferde im Schloßhof besteigen wollten und die alte Gräfin noch einmal die Treppe herunterkam, sprang Graf Gangolf zur Mutter hin und umarmte sie unter heißen Tränen. Und als wir aus dein Schloßhof herausgeritten waren, stand auf dem abschüßigen Weglein, das von oben ins Tal hinunterführte, unter der alten Linde mitten im Regenschauer mein Vater und mein arm Mütterlein, und trauten sich nicht aufzuschluchzen, weil doch der junge Graf dabei war, und trauten sich nicht mich anzufassen, um mit den nassen Händen mir nicht das neue Koller unter dem Mantel schmutzig zu machen. Und wie ich vom Pferde heruntersprang, da war es doch mit allem vorbei, und sie schluchzten und schluchzten und rangen die Hände zum Erbarmen. No, und dann ritten wir weiter. Es liegt nichts daran, welcherseits, ob rechterseits oder linkerseits, wir in Feindesland hinunter kamen. Du lieber Himmel, darauf kannst dich verlassen, hinunteikommen ist noch jeder leicht; nur den Rückweg haben die wenigsten gefunden. Auch wir tummelten uns herum, um Jerusalem und Iconium, am Saleph, wo unseres Herrn Friedrichs Großvater selig im Flusse gestorben ist, und noch lange Jahre nach der Rückkehr des Kaisers bei Edessa, Antiochia, bis herauf nach Konstantinopel. No, und eines Tages gings nach Rhodus, weil ja unser junger Graf Gangolf Rhodiser Ritter war, indem seine Mütter einmal das Gelübde getan hatte, er solle Rhodiserritter werden. No, und wir waren natürlich glücklich, als wir hinkamen, denn es hieß, daß wir mit Briefschaften des damaligen Großmeisters, des hochwürdigsten von Villaret, zum heiligen Vater nach Rom abgehen sollten, und wie sehnten wir uns schon nach Rom, nach den AI pen, nach der lieben Heimat! Und richtig wurden wir eiues Tages vor Herrn Villaret gerufen, der Graf kniete nieder, als wir eintraten, desgleichen auch ich, und Herr Villaret gab uns seinen Segen. Dann schärfte er dem Graten ein, was er dem heiligen Vater zu den Briefen noch mündlich sagen sollte: daß die Sarazenen sich wieder wappneten, daß der treulose Theodor Protosebastos, verflucht sei sein Name, sie gerufen habe; daß nun ihre Flotte ganz gewiß bald sich nähern werde — während im Abendland überall Lauigkeit herrsche und Priorate und Balleyen in Frankreich, England und leider auch Deutschland ihre Pflicht nicht täten, weswegen es nötig sei, daß der heilige Vater sie ansporne. „Habt Ihr Euch alles gemerkt, mein Sohn?" fragte Herr Villaret. Graf Gangolf erwiderte: Ja, und Herr Villaret reichte ihm das Kreuz am Schwertknauf zum Kusse und erteilte ihm, mit dem milden gütigen Gesicht ernst lächelnd seinen Segen. „Und noch Eines," fügte er hinzu, „Horcht!" und wir horchten hinaus und hörten Gesang vom Marktplatze her und Glockenläuten. Der Großmeister aber wies ernst lächelnd hinaus und sagte: „Meldet dem heiligen Vater die treue Erfüllung der Befehle, die er mir armem Knechte zukommen ließ. Hört Ihr die Stimmen? Die sind das Zeichen, daß die Ungläubigen sind bei uns verbannt worden, und welche geblieben sind, hat man getötet: auf Mytilene 138, auf Naxos und Paros je 56 Sarazenen und Juden; und heut sind hier ihrer 74 gehenkt worden". Der Graf merkte sich alles und der Großmeister nickte ihm nochmals mit dem gütigen Gesichte zu, und wir schieden. Noch an demselben Tage bestiegen wir das Schiff? das uns westwärts nach Ruropa bringen sollte. Aber da ereignete sich unser großes Unglück. Nämlich wir waren kaum zwei Stunden von der Insel entfernt, da erblickten wir die vom Hund, von dem treulosen Theodor Protosebastos gerufene sarazenische Flotte am Horizonte, wie sie sich der Insel näherte. Wir nahmen Reißaus, aber sie jagten mit ihren Galleeren rascher als wir und versperrten uns den Weg nach dem Westen. Also zurück! Aber wohin? Im Süden standen die feindlichen Schiffe auch schon gleich düsterem Gewölk, und uns blieb nichts übrig, als nach Rhodus zarückznflüchten. Groß war die Bestürzung, als wir ankamen und die unselige Botschaft brachten, und als ein Wunder pries es Herr Villaret wenigstens, daß wir noch rechtzeitig den Feind entdeckt hatten, so daß der Ungläubige uns doch nicht ganz unvorbereitet fand. Allein was halfs? Nun folgte die Belagerung, ein oder zwei Monate lang, oder was weiß ich — denn man verlernte ja das Rechnen der Tage. Denn es schien, als hätte die Christenheit unser vergessen, und wie auch die Glocken läuteten und auf dem Atabyris, oder wie er heißt, die Feuer brannten, es kam kein Entsatz und immer schrecklicher wurde der Feind. Kines Tages ging ich also mit meinem jungen Herrn Gangolf von der Festung zum Hafen hinunter; zwanzig Häuser standen, von den sarazenischen Bränden getroffen, frisch in Flammen, und wir Kriegsvolk waren vom ewigen Wachen und Kämpfen schon weg. Und mein Herr Gangolf, das arme junge Blut, sah schon mehr wie ein Toter aus, als wie einer, dem es noch nach dem Leben gelüstet. „Friedeniund" sagte er, indem wir die Ritterstraße abwärts stiegen. „Friedemund, schlimm ist's, du wirst sehn, mein Mütterlein wird sich die Augen aasweinen" — und griff sich ans Herz, so daß er schier umsank. Wir standen gerade am Palazzo des Schulenburgers. Der war auch erst vor einigen Wochen rosig wie der junge Tag nach Rhodus gekommen und hatte zu unseren Fenstern heraufgebrüllt: „Grüß Gott, Gangolf, und die Wölfe und Geier um Schloß