Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 51 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 »Neue National-Zeitung« ÄEUiLLEEÖN ADOLF GELBER. Die Gräber uon Santorin. (Aus einem Zyklus: »Erzählungen aus der Levante.«) ... Nein, ich kann es nit schildern, was Wunder es war, als in aller Morgenfrühe schon Frau Catharina Oornaro, die Königin, ganz angezogen und geputzt auf Deck erschien. Sie hatte trotz der wilden See, in die wir seit Cypern geraten waren, sehr gut geschlafen und sagte: „Ich bin doch eine Tochter Venedigs und vor Wellen haben wir keine Angst.*' Sie reichte mir zum Kusse die Hand, die so weich war; ich küßte sie und sagte: Nun, Königin, habe ich wahr gesprochen? — Sie antwortete: „Bei unserer lieben Frauen von San Marco und Larnaca, das hätt' ich nit geglaubt! Gestern nahm sich die Insel, wie wir ihr entgegenfuhren, doch immer aus, verzeih' mir Gott, wie ein langweiliger und schlecht gebackener Kipfel... und jetzt! Wie sagt Ihr, Graf Reuchlin, daß die Insel heißt? Santorin, sagt' ich. Und sie: „Das klingt wie Musik." Und war ja auch Musik, als einst, vor zweihundert oder zweihundertfünfzig Jahren das große Erdbeben war, wo die halbe Insel abbrach und ins Meer stürzte. Nun, und wie wir in die Bucht hineinfuhren, machte die Königin immer größere Augen. „Ich habe Wunder gesehen, sagte sie, unseren Dom zu Mailand, dessen hundert Türme wie ein matt Silber glänzen, oder in Florenz den elfenbeinernen Dom, der elefantisch groß daliegt, oder den Vesuv, wenn in ihm die Flammen kochen, oder den Stromboli, der wie ein einzig Feuer auf dem Meere liegt. Das sein doch Wunder — aber so etwas wie hier, hab' ich noch nit gesehen!" Und sie vergaß die venetianische Heimat, die cyprische Herrlichkeit, die sie soeben zum erstenmal als Königin kennen gelernt hatte, und Rhodus, von wo wir eben kamen, nachdem sie dort den Rittern und dem hochwürdigsten und durchlauchtigsten Herrn von Villaret, dem neuen Großmeister, einen Besueh gemacht hatte. Es war, als träumte sie mit offenen Augen, so starrte sie auf die Insel, in deren inneren Kreis wir jetzt einfuhren. Und richtig sah sie jetzt, daß ich wahr gesprochen hatte, und war dabei nicht ein Hauch und Atom von etwelcher allzuvieler Zutat. Sondern wirklich lag die eine Hälfte der Insel vor uns wie ein umgefallenes großes Lateinisch-E, mit den drei Hörnern nach unten: erst ein kleiner, dann ein ganz großer und hoher Bogen — und sah jeder aus, noch ungeheurer als irgend ein römisches Amphitheatrum. Und in jedem der beiden Zirkusse stiegen von unten bis zur Spitze hinauf gewaltig steile Wände, und im zweiten Zirkus lag hoch oben auf dem höchsten Kamm etwas Langhingestrecktes und Schneeweißes — wie ein weißer Fliederzweig war es, eine milchweiße Stadt... Das war die eine Hälfte der Insel. Gegenüber aber lagen die im Laufe der Jahrhunderte aus der Tiefe des Meeres wieder aufgestiegenen drei Spitzen des Santoriner feuerspeienden Berges, und in der Mitte umschlossen sie einen goldgelben See ... Und da schlug die Königin vor Verwunderung die Hände zusammen, und konnte sich nicht sattsehen, und rief immerfort: „Nein, so was! nein, so was!" Von dem goldgelben See fuhren wir dann zum aufrecht gebliebenen Teile der Insel hinüber. Die Königin bestieg einen Mulo und wir folgten hinterdrein auf dem schmalen Zickzackpfade, der in die senkrecht abstürzende Wand eingehauen war und bis zu der weißen Stadt hinaufführte. Und oben stand auf der höchsten Höhe ein Kloster mit einem fremden Kreuze j und nachdem wir die Stadt durchwandert und auf die Stufen zum Kloster hinaufgestiegen waren, blieb die Königin stehen und sah sich nach allen Seiten um: nach Osten, von wannen wir mit der Sonne gekommen waren, nach Westen, wo sie eben in purpurne Hüllen gekleidet unterging, und auf den goldgelben See, der aus der Umrahmung der schwarzen Berge heraufblickte. Und die schöne Frau legte die Hand aufs Herz und flüsterte: „Ich weiß nicht, wie mir ist, ich möchte weinen." No, es entstand aber ein großes Gelächter, als plötzlich noch gegen Abend unter Bücklingen und Entschuldigungen der Prior des Klosters auf einem verschwitzten Eselchen herankam. Er war auf der entgegengesetzten Seite der Insel beim Fischstechen oder beim Krebsenfang gewesen und hatte auch hübsch große Hummern und Langusten mitgebracht (schmecken sehr gut; nimmst nur ein Bissel eine sehr scharfe Sauce dazu, sind aber auch ohne dem brauchbar, und erst auf dem Rückweg hatte er von der Ankunft der Königin erfahren und eilte jetzt, sie zu begrüßen. Und war ihm offenbar auch nicht unlieb, wie er unter den großen grauen, buschigen Augenbrauen auf die Holdseligkeit unserer Frau Königin blickte. Und führte uns dann im Kloster herum und zeigte die Schätze: einen silbernen Teller, auf dem einst das Haupt der heiligen Pelagia lag, dann den Kupferschrjein, in dem der heilige Ophtalmoleon die Gebeine seines wundertätigen toten Vogels aufbewahrte, und ein Stück von der Säule, auf der der heilige Sosnobir drei Jahre lang auf einem Fuße gestanden. Und Frau Catharina sah alles an. Und dann, wie wir schon mit allem Sehenswerten fertig waren, war noch eine kleine Bücherei da, und Frau Catharina sagte mit seltsam glänzenden Augen: Schau, schau! Und guckte hinein und nahm ein Buch ums andere heraus, konnte aber das meiste nicht lesen. Denn was lateinisch oder griechisch geschrieben war, das verstand sie schon; aber es waren da auch seltsam mit viereckigen Buchr staben, syrisch oder chaldäisch geschriebene Blätter und Pergamente, und mitten drin zog der Herr Prior, der uns führte, noch eines heraus und sagte, ob wir nicht vielleicht das wiederum verstünden? Aber Frau Catharina Cornaro kannte es nicht, sondern gab es mir und sagte: „Graf Reuchlin, versucht Ihr Euer Glück." Und wie ich es in die Hände nahm, o Wunder, wie ward mir da! Denn freilich konnte es die Königin nicht verstehen, es war ja ein deutsches Pergament und sie fragte mich, was es sei. Nun, und natürlich machte ich mich gleich drüber, aber fertig wurde ich erst spät nachts, und so lange wollte die holde Frau nicht aufbleiben. Ich aber saß wohl die halbe Nacht bei Fackelschein in meinem einsamen Zimmer auf der fremden Höhe im Kloster von Santorin, und horchte hinaus auf das Rauschen des gewaltigen Sees, und horchte auf das, was in den fremden Blättern rauschte von einst heftig vergossenen Tränen. Und ich las wie folgt: r Christenmensch, Bruder aus der Heimat, der du dies vielleicht einst unter die Augen bekommst, ich bitte dich, bete ein Vaterunser für mich und habe Mitleid mit einem armen Menschenkinde, das so geglaubt hat, und jetzt die Hände ringt!... Wisse, ich heiße Friedemund Leuchtehold aus Schwabesam im Allej manischen, und itzund bin ich siebzig Jahre, und sehe zurück auf ein arm vergeudet Leben. Und sitze hieals Siebzigjähriger mutterseelenallein in der Fremde und strecke die Arme aus nach der Heimat, die ich