Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 51 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 51 »Neue Natfonal-Zeftniig« Seite 0 der Korporal, sich in die Ecke zu stellen, nahm sein Gewehr vom Haken und lud es mit einer scharfen Patrone. Dann rief er: „Verrichte dein letztes Gebet!", legte an, drückte Jos und der Kekrut Michael Herschkowitz war eine Leiche. . . . Nein, das Blut kann angesichts dieses Vorfalles nicht mehr in Wallung kommen. Es stockt. Nein, man kaun nicht Worte der Empörung finden; man hält den Atem an und sagt sich selbst: „Es ist nicht möglich!" ... Aber der arme Rekrut hat diesen Unglauben mit seinem jungen Leben gebüßt. Er floh nicht aus dem Mannschaftszimmer, sondern wartete geduldig in der Ecke, bis er wehrlos von seinem Vorgesetzten niedergeschossen wurde. Es handelt sich um einen jüdischen Rekruten. Die Mißhandlung jüdischer Soldaten ist ein Kapitel, so lang und so inhaltsreich, daß es schon ein Buch ausmacht. Man erinnere sich nur an die Folterung des Artilleristen Henner, die in der Nummer 35 dieses Blattes geschildert wurde. Nicht immer ist die Pointe der Rekrutenquälerei so effektvoll, daß man sie der breiten Oeffentlichkeit serviert. Zumeist wartet dann so ein armer, verfolgter Mensch nicht bis ihn sein Korporal erschießt, sondern macht seinem jungen Leben selbst ein Ende. Aber wisset es, jüdische Eltern: Das Leben eurer Söhne liegt oft in der Hand eines bestialischen Korporals! . . Die Patrone mag ein „Versager" sein; heißt der Rekrut aber Herschkowitz, — sie wird nicht versagen! . . . Vorgestern wurde der Arme zu Grabe getragen. Vor ganz kurzer Zeit erst, wurde er von seinem Ergänzungskörper Klausenburg, der ungarischen Garnison, nach Wien versetzt. Die Eltern sind arme, alte Leute in Klausenburg. Wohl wurden sie von dem Tode ihres Kindes telegraphsch benachrichtigt, aber es fehlten ihnen die Reisemittel. Mit schwerem Herzen lassen jüdische Eltern ihie Söhne zum Militär ziehen! . . . . Wieviel Tränen weint diu Muttei", wie grämt sich der Vater! Geschieht's reit Unrecht? Während nun die unglücklichen Eltern dieses armen Menschen noch die Abschiedstränen weinen, c: reicht sie die Kunde von dem Tode ihres Kindes. Und neue Tränen fließen . . . Fern von der Heimat, fern von seinen Lieben wurde Michael Herschkowitz begraben. Kein liebendes Herz schritt hinter seinem Sarge, stumm und kalt wie die Gräber ringsumher war dieses Begräbnis. Der Feldrabbiner Dr. Armin A b e 1 e s fand an der Bahre Worte tiefsten Mitgefühls. Rabbinische Grabreden sind sehr oft eingeübte Phraseologie. Aber die wenigen, schlichten und innigen Worte des Feldrabbiners hatten eine individuelle Note. Er behandelte den dieswöchentlichen Bibelabschnitt. Josef im Kerker klagt seinen Brüdern: „Was habe ich getan? Ich bin noch so jung und muß schon in der Grube sein . . .!" Der Rabbiner denkt der Eltern dieses unglücklichen Opfers und zitiert die Stelle aus dem Abschnitte: „Das Kind ist nicht da!" Es gibt Beschwichtigungsmittel: der Korporal Balint ist in Untersuchungshaft. Die Eltern des Opfers werden es hören, aber sie werden nicht daran denken and nur klagen: „Das Kind ist nicht da!" Was kann die Gerechtigkeit oder das Gesetz hier ausgleichen? Wenn auch der Korporal bestraft wird und der Regimentsoberst den blauen Bogen erhält, wo ist die Sühne für dieses, für die vielen vorangegangenen Opfer? . . . Ja, rasch tritt der Tod den Menschen an, wenn er ein jüdischer Rekrut ist! Wie könnten hier Worte der Empörung hinreichen, wo ein grenzenloser Jammer ans Herz gieift? Der Rabbiner hat am Grabe ganz unbewußt und ungewollt das gesagt, was jeder an diesem Grabe eines Unschuldigen empfindet: „Da erstirbt einem das Wort..." M. Sch. Interpellation an Se. Exzellenz den Herrn Landesverteidigungsminister FZM. v. Latscher! Ueberreicht von den Abgeordneten Dr. Heinrich Gabel und Genossen in der Parlamentssitzung vom 28. November. Sonntag, den 24. d. M. am Nachmittag wurde in der Wiener Stiftskaserne der Rekrut des 51. Infanterieregimentes Michael Herschkowitz von seinem Vorgesetzten, dem Korporal Johann Balint, außerhalb des Dienstes erschossen. Wie mehrere Wiener Tagesblätter berichten, ist diese Tötung durchaus nicht auf einen Zufall zurückzuführen, sondern bildet den tragischen Abschluß einer Kette von Quälereien und Schikanen, denen der arme Rekrut seitens seines Vorgesetzten ausgesetzt war. So machte der Korporal strafweise mit dem Rekruten Gelenksübungen, dann Uebungen mit dem Gewehr, und gab ihm schließlich den Befehl, Marschadjustierung anzulegen und die Uebungen fortzusetzen — alles an einem Sonntag Nachmittag! Schließlich forderte er den Rekruten auf, niederzuknieen, nahm ihm das Gewehr ab und mit dem Ausrufe: »Jetzt bete!« — erschoß er ihn. Es wird nun von offiziöser Seite behauptet, daß diese Ermordung auf einen Zufall zurückzuführen sei, indem die Patrone, die ein »Versager« war, diesmal zufällig losgegangen sei! Wenn wir jedoch dieses Vorgehen des Unteroffiziers gegenüber dem Rekruten Herschkowitz im Zusammenhange mit seinen früheren systematischen Quälerein betrachten, so können wir zu keinem anderen Schlüsse gelangen, als daß hier ein junges, hoffnungsvolles Leben von einem blutgierigen Individuum vernichtet wurde. Zieht man noch in Betracht, daß es sich hier um die Ermordung eines jüdischen Soldaten handelt, so läßt sich ermessen, welchen Schikanen der jüdische Soldat seitens seiner Vorgesetzten, zu einer Zeit ausgesetzt ist, da er seine besten Lebensjahre dem Kaiser und dem Staate hingibt. Es ist das nicht der erste Fall, daß ein jüdischer Soldat wegen seiner Konfession in der blutigsten Weise verfolgt wird. Es muß aber im Interesse des Staates und der jüdischen Staatsbürger diesen Quälereien ein Ende gemacht werden. Die Gefertigten beehren sich, an Eure Exzellenz nachfolgende Anfrage zu richten: 1. Ist Euer Exzellenz die Ermordung des jüdischen Rekruten Herschkowitz bekannt? 2. In welcher Weise gedenkt Eure Exzellenz diesen haarsträubenden Zuständen in der Armee ein Ende zu bereiten? gCORRgSPCNbgNZCN Oesterreich-UL garn. Zur Frage der Militärärzte. Wien, den 25. November. (Orig.-Korr.). Die von uns avisierte Interpellation in obiger Frage, wurde in der Sitzung vom 22. d. M. (infolge eines Druckfehlers wurde dieselbe für den 23. in Aussicht gestellt) durch Dr. Gabel und Genossen tatsächlich überreicht. Wir erwarten nun die Antwort des Ministerpräsidenten und des Landesverteidigungsministers. Wir wollen jedoch hoffen, daß der Jüdische Klub mit dieser Interpellation allein die Sache nicht als erledigt ausehen wird. Es handelt sich hier nicht bloß um eine Frage der jüdischnationalen Partei, sondern um eine Frage der österreichischen Judenschaft. Die Gehässigkeit des Herrn v. Uriel richtet sich nicht bloß gegen zionistische, sondern gegen alle Studenten, die dem jüdischen Glauben angehören und mögen sie sich auch in noch so fremd - nationalen Verbindungen verkriechen. Umso trauriger, wenn die ganze Last des Kampfes in dieser Frage aur' den Schultern des Jüdischen Klubs allein ruhen muß. Umso rühmlicher, wenn der Klub beweist, daß er dieser Aufgabe gewachsen ist. Wir erwarten in dieser Frago unbedingt die Einbringung eines Dringlichkeitsantrages. Herr Dr. v. Uriel muß vor der gesamten Oefientlichkeit entlarvt werden. Wir haben infolge unseres Artikels von Seiten vieler jüdischer Militärärzte Dankschreiben und Ermunterungszuschriften erhalten. Von einer hohen