Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 51 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2425679-2425680-2425718--0501-2426789- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8 »Neue Natlonal-Zeltung« Nr. 51 Wenn die jüdischen Arn-.en Londons sich in besserer Lage als früher befinden, so ist dies einzig und allein das Verdienst des »Board of Guardians« schuld. An der Wand dieses Saales hängt ein Porträt meines alten Freundes, Herrn Ephraim Alex. Ich erinnere mich der Zeit, als er mit Herrn Lionel Cohen das »Board of Guardians« gründete. Die Motive der Gründung des »Board of Guardians« waren sehr einfach, obwohl die hier Versammelten darüber in Unkenntnis sein oder sie ignoriert haben mögen. Vor der Existenz des »Jewish Board of Guardians« wurden die jüdischen Armen in den verschiedenen Synagogen nach dem Prinzip — und in gewissem Maße war es ein gutes Prinzip — des sogenannten »Rachmones« unterstützt. Niemand forschte über ihre traurige Lage oder wie sie in den Zustand solchen Elends gekommen waren, nach. Der Beamte verteilte, von Armenaufsehern unterstützt, die Beträge, welche die Synagoge herbeigeschafft hatte, meistens unter solche Leute, die zum Lesen der »Tora« und ähnlichen Verrichtungen aufgerufen wurden. Es wurde all' jenen, denen die Wohlfahrt der Juden Londons am Herzen liegt, klar, daß dies ein sehr schlechtes System sei, daß die großen Summen, welche von verschiedenen Synagogen gespendet wurden, nicht ausreichen, permanent etwas Gutes zu tun und daß die Anziehung, hierher zu kommen und von einem wohltätigen Beamten soviel Geld als möglich zu erlangen, für den wandernden Polen und Russen umso größer sei, je mehr Geld gesammelt werde. Dieser Tatsache ist es zuzuschreiben, daß das »Board of Guardians« vor vielen Jahren ins Leben gerufen wurde. Es ist zweifellos, daß die Männer, Frauen und Kinder, welche im Anfang, nach der Errichtung des »Board of Guardians« unterstützt wurden, Ausländer waren. Es hätte keinen Zweck, uns zu verhehlen, daß der englische Jude im Leben vorwärts gekommen ist Er war der Gemeinde keine Last. Es war vom »Board of Guardians« aber sehr weise, daß er den Ausländern erst nach sechsmonatlichem Aufenthalt Unterstützung gewährte. Ich möchte Ihnen und der Gemeinde begreiflich machen, daß die Schwierigkeiten, in welchen sich das »Board of Guardians« befindet, auf die große Anzahl der ausländischen Juden, die durch Verfolgungen hierher getrieben wurden, zurückzuführen sind. Gerade in dieser Hinsicht möchte ich Sie bitten, eine sehr wichtige Sache nicht zu übersehen. Ich nehme an, daß die in diesem Saale Anwesenden mehr oder weniger — vielleicht mehr als weniger — gegen das Fremdengesetz (Aliens-Act) sind. Ihre Meinungen mögen über die Vor- oder Nachteile, welche das freie Zuströmen russischer und polnischer Juden für unsere Gemeinde mit sich bringen kar~>, auseinander gehen, aber Sie werden alle darin übereinst jien — und ich würde mich Ihrer schämen, wenn Sie es nu.it täten — daß die Fremdenvorlage, wenn sie so ausgelegt und ausgeführt wird, wie es einer ihrer Anstifter wünschte, der jüdischen Rasse ein Schandmal aufdrücken und ihre Verfolgung vergrößern würde. (Hört! Hört!) Aber wenn Sie in diesem Punkte übereinstimmen, gibt es noch gewisse Dinge, welche ins Auge gefaßt werden müssen. Eine der Anklagen gegen die jüdische Gemeinde in England war, daß wir durch unsere Wohltätigkeit die Leute anlocken, hierher zu kommen. Sie stellten dies in Abrede. Sie sagten, Sie bieten den Armen keine Gelegenheit hierher zu kommen. Aber wenn sie hierher kommen und wenn Sie es zugeben, daß sie sich wie bei der Heilsarmee um ein Obdach drängen, können Sie niemals erwarten, daß die Fremdenvorlage in günstigem Sinne geändert werde, sondein Sie müssen gewärtig sein, daß sie noch verschärft wird. Das »Board of Guardians« zahlt gegenwärtig an 114 Witwen, deren Männer an Schwindsucht gestorben sind, Unterstützungsbeiträge. Manche Leute stehen jeder Maßnahme privater Mildtätigkeit mißtrauisch gegenüber. Ich kann darüber nicht diskutieren, aber die Hauptsache bleibt, daß gegenwärtig Schwindsucht von den öffentlichen Autoritäten nicht in dieselbe Kategorie gestellt wird, wie ansteckende Krankheiten und so lange dies der Fall ist, ziemt es dieser Institution, Leidende zu unterstützen und zu versuchen, die Ausbreitung der Krankheit zu verhindern. Ich habe vielleicht länger gesprochen, als ich beabsichtigte. Sie werden mich entschuldigen, denn Sie verstehen, daß mir, wie allen hier Versammelten, die Interessen des Boards am Herzen liegen. (Hochrufe.) Ich gestatte mir, allen, die heute Nachmittag hier versammelt sind — und ich freue mich, Sie zu sehen, denn ich weiß, daß Sie alle bei Werken der Nächstenliebe obenan stehen und bereit sind, jedermann zu helfen — bezüglich der Krise des Boards den Rat zu geben, keine neue Wohlfahrtseinrichtung zu gründen, nicht an Ausgaben für Ziegel und Mörtel zu denken, sondern dem Appell des Boards großherzig Folge zu leisten. Ich erlaube mir, die folgende Resolution vorzuschlagen: »Daß die Versammlung des Boards und der Förderer, welche für seine verschiedenen Komitees tätig sind, oder mit ihnen in Beziehung stehen, nachdem sie,festgestellt haben, daß das Werk des Boards in seinem gegenwärtigen Maßstabe ebenso wesentlich für die jüdischen Armen als für die Interessen der Gemeinde im allgemeinen ist, sich verpflichtet, keine Anstrengung zu scheuen, um genügend Mittel für die jährlichen Bedürfnisse des Boards aufzubringen.« Dann ergriff das Wort der ebenfalls erschienene Lord Swaythling (Montague). Er unterstützte diese Resolution und sagte, es bestehe kein Zweifel darüber, daß alle Anwesenden, sowie die ganze jüdische Gemeinde das »Board of Guardians« als Notwendigkeit anerkennen. Sie könnten unter keinen Umständen ohne ihn bestehen und es sei die Pflicht der Gemeinde, darauf zu sehen, daß das Board ausreichende Mittel für die Arbeit, die es zu verrichten hat, besitze. Er sei eifrig den Erklärungen des Präsidenten gefolgt und habe auch von dem Rate und den Bemerkungen Lord Rothschilds profitiert. Er hoffe, daß das Resultat dieser Bewegung zu einer Vergrößerung des Kapitals führen wird und, daß der Präsident mit leichterem Herzen an das nützliche Werk gehen könne, dessen er sich angenommen hat. Die Resolution wurde einstimmig angenommen. Lord Swaythling spendete sofort 500 Pf.St. (K 12.000.) IDie ein jüdischer Rekrut erschossen wurde. Wien, den 28. November. Allmählich werden wir uns daran gewöhnen müssen, nicht nur dem Kriege, sondern auch dem Frieden Vaterlandsverteidiger zu opfern. Die Statistik der Soldatenselbstmorde der letzten Jahre offenbart ein trauriges System der Rekrutenbehandlung. Noch ist die letzte Debatte im Parlament, betreffend die Soldatenmißhandlungen, in frischer Erinnerung und schon wieder hat sich ein Fall ereignet, der viele vor ihm dagewesene durch seine eigentümlichen Umstände in den Schatten stellt. Mehrere Blätter wußten vor einigen Tagen von dem hier am Sonntag, den 24. d. M., erfolgten Tode des Rekruten Michael Herschkowitz vom 51. Infanterieregiment zu bei-ichten. Aus der kurzgefaßten Darstellung war zu entnehmen, daß der Rekrut von seinem Vorgesetzten, dem Korporal Bai int, mit dem Dienstgewehr erschossen wurde. In dem mysteriösen Bericht wurde die Tat dieses Korporals als „Unvorsichtigkeit" bezeichnet. Die Patrone soll nämlich ein sogenannter „Versager" gewesen sein, so daß der Schuß ganz zufällig dem Lauf entkam und in die Stirn des armen Rekruten drang. Nur „zufällig-4 hat der Korporal so gut gezielt.. . Die Sache war anders. Das konnte jeder im vorhinein wissen. Bedenken wir: der Mann hieß Herschkowitz! Ein Name, nicht dazu angetan, die Gunst eines Korporals, der sich Baiint nennt, zu erwerben. Nach allem, was bisher über den tragischen Vorfall bekannt ist, kann man den „Zufall" bezweifeln, und die Absicht gelten lassen. Es ist erwiesen, daß der Korporal dem jüdischen Rekruten Michael Herschkowitz aufsässig war. Dieser war ein intelligenter Mensch und hat sieben Gymnasialklassen absolviert. Einjährig-Freiwillige werden es bestätigen können, wie unsympathisch einem Korporal Intelligenz oder etwa gar Gymnasialbildung ist. So wurde denn der arme Rekrut fortgesetzt in der perfidesten "Weise gequält. Sonntags nachmittag, also zur außerdienstlichenStunde, erreichte die Bestialität dieses Korporals ihren Höhepunkt. Er ließ den Rekruten Turnübungen machen, kommandierte etwa hundertmal „Auf!" und „Nieder!", befahl ihm dann Marschadjustierung anzulegen, sich rasch wieder zu entkleiden und was derlei gemeine Quälereien noch mehr sind. Schließlich war Herschkowitz erschöpft. Da befahl ihm