Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 51 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51 »Neue National-Zeitung« Seite 7 Die Arbeitsschule in Jaffa. Nach dem Muster der Talmud - Thora- Schulen in Lodz und Warschau, wurde in jüngster Zeit auch in Jaffa als Angliederungsinstitut an die bereits bestehende Talmudschule „Schaare- Tora" eine Arbeitsschule gegründet, deren Zweck es ist, diejenigen Schüler, die für das höhere Talmudstudium keine Befähigung besitzen, in einem Handwerk auszubilden. Diese „Beth Mala c h a" (so heißt diese neue Arbeitsschule), war eine Notwendigkeit. Es ist mit Freude zu begrüßen, daß gerade im Kreise der Orthodoxen sich die Erkenntnis Bahn bricht, daß neben dem Talmudstudium, die jüdische Jugend auch im Handwerk und in seinen verschiedenen Zweigen ausgebildet werden müsse. Für die Arbeitsanstalt kommt in erster Reihe die Ausbildung in der Schlosserei, Schmiederei und in mechanischen Gewerben in Betracht. Das Lehrprogramm der Schule ist wie folgt gedacht: 3 Stunden praktische Arbeit. 1 Stunde theoretischer Unterricht. Die übrige Zeit des Tages Talmudstudium. Die Unterrichtssprache wird hebräisch sein, die auch als Umgangssprache während der Arbeit allein gebraucht werden soll. Im zweiten Jahr wird eine Fabrik eingerichtet werden, in der hauptsächlich solche Artikel fabriziert werden sollen, die jetzt von Europa bezogen werden, und zwar handelt es sich dabei wie bereits erwähnt wurde, um Schlosserei- und Mechanikerarbeiten. Das Tagespensum des zweiten Jahres wird sein: 4 Stunden praktische Arbeit, die im Gegensatz zu der des ersten Jahres bezahlt wird. 2 Stunden weitere Fachausbildung. 1 Stunde theoretischer Unterricht. Das Tagespensum des dritten Jahres wird sein: 6Stunden praktische (bezahlte) Arbeit. 2 Stunden weitere Fachausbildung. 1 Stunde theoretischer Unterricht. Nach Ablauf der dreijährigen Lehrzeit, sollen die Schüler in der Fabrik als Arbeiter verbleiben können. Wir bringen gleichzeitig zwei Aufnahmen, die uns unsere Brüder in Palästina als Schüler und Lehrer dieses neuartigen Institutes im Bilde zeigen. bord flathaniel Rothschilds Appell. London, den 20. November. Der hiesige Wohltätigkeitsverein »Jewish Board of Guardians« befindet sich in großer Bedrängnis. Seine Einnahmen werden geringer, seine Auslagen infolge der zunehmenden Einwanderung russischer Juden immer größer. Zudem scheint der Wohltätigkeitssinn der englischen Juden abzuflauen. Es hat sich dies schon bei der Sammlung für die rumänischen Juden gezeigt. Man soll bei der Wiener Allianz über die geringen Summen, die von hier abgegangenen sind, sehr verschnupft sein. Aber es ändern sich die Zeiten. Die Legende von dem strammen Judentum und der Philantropie der englischen Juden, von der am Kontinent mit so großem Respekt gesprochen wird, dürfte bald der Geschichte angehören. Jüngst fand eine große Versammlung des »Board of Guardians« statt, um zur Krisis Stellung zu nehmen. Wie der Präsident Mr. Leonard L. C o h e n ausführte, wird das Defizit des Vereines in diesem Jahre 9000 Pf. St (216.000 Kronen) betragen. Dasselbe ist darauf zurückzuführen, daß der Verein im letzten Jahre 4200 Pf. St. weniger eingenommen und 1000 Pf. St. mehr verausgabt hat; im vorigen Jahre hat das Defizit 3900 Pf. St. ausgemacht. Der Verein steht vor einer Katastrophe, wenn ihm nicht größere Beiträge zugeführt werden. Als Hauptredner zu einem warmen Appell ergriff dann das Wort Lord Nathimiel Rothschild. »Ich kenne« — begann er seine Rede — »die jüdische Bevölkerung Londons und ihr Gerechtigkeits- und Mitleidsgefühl. Ich bin sicher, daß nicht nur die hier im Saale Versammelten, sondern auch die jüdische Oeffentlichkeit, welche liest, was hier vor sich geht, dem Appell des Herrn Leonard Cohen Folge leisten wird, daß alle ihm großherzig entgegenkommen und ihn in die glückliche Lage versetzen, daß er nicht den Rock nach dem Tuch schneiden müsse. Als ich hierher fuhr, kam ich an dem Asyl der Heilsarmee vorüber und sah dort einen Haufen unglücklicher Menschen, die im Begriffe waren, um ein paar Pence und ein Nachtlager zu bitten und ich dachte bei mir selbst — und auch Sie sollten daran denken — daß es nur der jahrelangen, ausgezeichneten Arbeit des »Jewish Board of Guardians« zu verdanken ist, wenn nicht auch außerhalb dieses Saales die Menge auf ein Bett und Nahrung wartet.