Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 51 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 »Neue National-Zeitung« N.r PROFESSOR Dr. E. SELLIN: nieine nächste f orsdiungsreise nach dem heiligen bände. In seinem stillen, vom geräuschvollen Treiben der Großstadt entferntem Häuschen, an der äußersten Peripherie von Groß-Wien, hatte der hervorragende Gelehrte die Liebenswürdigkeit, einen unserer Redakteure zu empfangen und demselben über seine bevorstehenden Ausgrabungsarbeiten auf den Trümmern des alten Jericho einige Aufschlüsse zu. erteilen. Wiewohl Universitätsprofessor und Theologe, läßt Professor Sellin beide Eigenschaften keineswegs erkennen. Er macht eher den Eindruck eines Forsehungsreisenden, eines Mannes aus dem Holze derer geschnitzt, die voll Selbstbewußtsein und Zuversicht bis in das tiefste Asien oder ins entlegendste Afrika gedrungen sind. Ein Mann in den Vierzigerjaliren, mit dunkelblondem Schnurrbart und glattrasiertem Kinn, mittelgroß, kräftig, verkörpert Prof. Sellin in sich den Typus des weltmännischen Theologen, den wir bei Katholiken und Juden kaum finden werden... Er ist kein Geheimniskrämer, kein Effekt- . hascher. Und so nahm er auch keinen Anstand, über seine nächsten Pläne einige Aufklärungen zu erteilen. „Ich begebe mich," begann Prof. Sellin, „schön in den nächsten Wochen nach dem heiligen Lande, wo ich auf den sieben Hügeln von Jericho meine Ausgrabungen fortsetze. Meine bisherigen Arbeiten waren lediglich ein Versuch. Derselbe ist geglückt. Ich kann sagen, wie ich es bereits einmal niedergeschrieben habe: ,Es ist bereits der sichere Beweis hiefür erbracht, daß die Hügel bei der Elisaquelle das einst von den Israeliten zerstörte Jericho umschließen, es ist bereits die Befestigungsart dieser Stadt im Norden festgestellt, und es ist bereits durch eine größere Zahl von Einzelfunden der Beweis geliefert, daß vieles im Innern der Stadt alle Stürme der Eroberung wie der Zeit überstanden hat, so daß eine fernere Ausgrabung die ganze Kultur einer originell kanaanitischen Stadt hier wird rekonstruieren können'. Meine bevorstehende Ausgrabungsai beit dürfte bis Mai dauern und wird auch in größerem Umfange geführt werden, zumal diesmal die Mittel nicht mehr so knapp sind". „Ob auch von jüdischer Seite für meine Forschungszwecke etwas hergegeben wird? Ich darf wohl keinen Namen nennen, allein, die Berliner Orient-Gesellschaft, die diesmal mein -Unternehmen fördert, hat auch von einem jüdischen Mäcen einen größeren Beitrag erhalten. Dank einer intensiveren Arbeit unter Zuhilfenahme von 200 Arbeitern (Fellachen), hoffe ich in kurzer Zeit eine reiche Ausbeute zu finden. Es werden wohl dadurch auch viele strittige Fragen aufgeklärt werden. Vorerst die Frage, ob das israelitische Jericho, welches Chiel unter König Achab erbaut hat, sich auf den Trümmern des kanaanitischen Jerichos befindet, oder auf einen der vier südlichen, bis jetzt noch nicht angestochenen Hügel. Durch die Ausgrabungen soll auch die Frage gelöst werden, auf welche Zeit hinaus die Kultivierung Palästinas reicht und wie weit Babylon auf das israelitische Palästina eingewirkt hat. Was die Strapazen, die mit den Ausgrabungen verbunden sind, betrifft, dürften sie heuer nicht so groß sein. Wir werden nicht mehr in Zelten hausen, sondern in einem bequemen Hotel wohnen, das sich im Dorfe Jericho, dem Durchzugs* Toten r^A , Auf den Trümmern Jerichos. (Das Lagerleben der Expedition.) platze nach dem Meere, befindet. Die türkische Regierung dürfte keine Schwierigkeiten machen, da sie ja bereits einen bezüglichen Ferman erlassen hat, und. die Arbeiten in Anwesenheit eines kaiserlichen Kommissärs vor sich gehen. Zudem gehören sämtliche Funde der türkischen Regierung, welche selbe in ihrem Museum zu Konstantinopel aufstapelt. Der Ferman erstreckt sich lediglich auf die sieben Hügel Jerichos. Er berechtigt mich nicht zu sonstigen Ausgrabungen, wie z. B. auf dem Gebiete des herodianischen Jerichos, welches sich in einer Entfernung von 2 bis 3 Kilometern befindet. Dort ragen die Fundamente weit über die Erde empor. Wir sehen die Trümmer f von Theatern und Schlössern, die einst prächtig gewesen sein müssen. Hier in diesen Räumen hat sich Kleopatra aufgehalten, hier hat der mächtige Herodes geherrscht, der das meiste dazu beitrug, um unter den Juden, — wie Sie es nennen — die Assimilation zu verbreiten. Damit muß ich wohl meine Mitteilungen schließen. Ich bin jetzt nicht mehr der souveräne Herr meiner Forschungsarbeiten, wie ich es früher war, als mich noch die Wiener Akademie der Wissenschaften und einige Wiener Millionäre unterstützten. Ich habe die Pflicht, über alle meine wissenschaftlichen Arbeiten in. erster Linie der Berliner Orientgesellschaft Bericht zu erstatten. Ich glaube jedoch nicht, daß dieselben vor dem Monat Mai in die Oeffentlichkeit gelangen werden." Unser Thema war erschöpft; es wurde Abschied genommen. Wir wünschen dem bisher so glücklichen Forscher im Namen der jüdischen Wissenschaft, für die heute in erster Linie protestantische Theologen arbeiten, auch weiterhin den besten Erfolg.