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Neue Nationalzeitung · 1907-11-29 · Heft 51 (29.11.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 51 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 51 »Neue National-Zeltung« Seite 5 Schüler verloren nie die Zuversicht: „Denn", sagten sie: „Netter liegt hier, die Schule -wird bestehen!" Und sie behielten Recht! Von Netter gilt das schöne Wort des Dichters: „Nehmt alles nur in allem: er war ein Mann! Wann werden wir seinesgleichen sehen!" OBERKANTOR JOSEF SIN OER (WIEN). lieber altjüdisdie Melodien. (Nationalmelodien und traditionelle Melodien.) Gestehen wir es nur von vornherein, daß der gewissenhafte Historiker bei Behandlung des oben, mit so mannigfachen, interessanten Benennungen ausgestatteten Stoffes allenthalben auf verschobenen Unterlagen umhertappt und im besten Falle die spärlich feststehenden Einzelheiten nur durch seine eigene Zeitbrille beurteilen und charakterisieren kann. Wenngleich es auch von nichtjüdischer Seite zugestanden werden muß, daß die Wurzel der abendländischen Musik auf altjüdischem Boden zu suchen sei, da doch die Bibel schon Jubalkajin als den Erfinder erzener Schlaginstrumente, Tubal als Schöpfer der Saiten- und Blasinstrumente bezeichnet (2987 v. Chr.), und gleichfalls, wie es im L Buch Moses (31—26—27) zu lesen, Laban zu seinem auf der Flucht eingeholten Schwager Jakob sagte: „Warum bist du heimlich entflohen, ich hätte dich begleitet mit Singen, Pauken und Harfen" (1739 v. Chr.), weiters mit Sicherheit angenommen werden kann, daß die Juden des grauesten Altertums Musik und Gesang pflegten, da die Betätigung der Künste, Gesang, Spiel und Reigen wie ein roter Faden auf die spätere Geschichte des Judentums bis auf die Richter- und Priesterperiode durchzieht, ja zur Zeit des Tempels in Jerusalem bereits eine solch bedeutsame Pflege erfuhr, daß von 12 Stämmen ein Stamm ausschließlich für, die Betätigung in Musik und Gesang bestimmt war, so ist trotzdem nicht eine einzige Stelle in den Geschichtsbiiehern auffindbar, welche auch nur in andeutender Weise den Nachweis bezüglich der Qualität, um nicht zu sagen, bezüglich der charakteristischmusikalischen Eigentümlichkeiten jener von unseren Altvorderen gepflegten Musik erbrächte. Zudem gesellt sich noch die bemerkenswerte Tatsache, daß die Synagoge nicht eine einzige Melodie besitzt, die Gemeingut aller Juden wäre. Und dennoch begegnet man allenthalben dem leichtfertigen Bestreben, die jeweiligen, landesüblichen Synagogen- oder Hausgesänge (Seder miroth etc. S|J als Zeugen klassischer Altertümer hinstellen zu wollen. Wir gestehen es ja zu, daß jene lieblichen Klänge, die uns in frühester Jugend aus unserer Heimatssynagoge oder gelegentlich der Familienandachten (Seder S^ miroth etc.) entgegenrauschten, noch heute die Herzen der gereiften Männer tief ergreifen, wie der nach Jahrzehnten uns gebotene Anblick des kleinen Häuschens, wo einstens unsere Wiege stand, uns mit pietätvoller Liebe erfüllt; allein, wer von uns wollte sich erdreisten, diesen von uns geliebten, heimatlichen Jugendstätten, die Signatur klassischer Altertümer zu verleihen? Zudem wären es strittige Objekte, welchen von uns verehrten Idealen der Preis höherer Bedeutung zuerkannt werden müßte; der von dem Meistersinger Dovidel Brod gesungene Weschomeru erfüllte die damaligen Zuhörer ebenso mit andächtiger Glut wie der von Kaschtan vorgetragene Mechalkel Chojim etc. So klar und deutlich diese angeführten Tatsachen zu uns sprechen, ebenso kühn und mutig treten Einzelne für die Unantastbarkeit der von ihren Ahnen gehörten und ererbten, sogenannten alten (?) Synagogenmelodien ein und obgleich alle anderen, die nicht das Glück haben, der direkten Linie jenes Ahnenstammbaumes anzugehören, — demnach auch in ihrer Jugend jene Gesänge nicht hören konnten — beim Vortrage derselben auch ziemlich kalt bleiben, sind die Ersteren doch unablässig bemüht, die in ihr e r Jugend gehörten Melodien geradezu als Schliemannsche Ausgrabungen altsynagogalerMusik hinzustellen. Den erschöpfendsten Beweis für die Nichtigkeit der absoluten Heiligsprechung alter ererbter Synagogenmelodien bietet auch folgendes Faktum. Wir befinden uns gerade jetzt inmitten des lieblichen Chanukafestes und jedem von uns klingt ja die einschmeichelnde Moaus-zur-Weise wie ein traulicher Gruß aus der goldenen Jugendzeit entgegen. Nun denn! Darf diese sonst berechtigte Sentimentalität auch dann noch eine jüdisch-antike Würdigung erfahren, wenn wir den Nachweis erbringen, daß diese, uns seit Jahrzehnten erhebende Melodie überhaupt nicht auf jüdischem Boden entstanden, sondern eine Komposition Meister Johann Sebastian Bachs*) ist. Wer weiß, welcher Chasen diesen Choral gelegentlich eines christlichen Leichenbegängnisses oder sonst wo gehört hat und den cantus firmus für seinen Zweck verwendete. Ein ähnliches Ursprungsbewandtnis mag auch bei anderen Melodien obwalten und dennoch wird nur allenthalben in leichtfertiger Weise von „altjüdischen" Gesänge gesprochen. — Eine Sammlung solcher Melodien, die gleich losen Blättern im Winde umherflattern, ohne zuvörderst einen diesbezüglichen Gradmesser zu Rate gezogen zu haben — wäre unseres Erachtens für die Entwicklung des Synagogengesanges ein müssiges, durchaus nicht zweckentsprechendesUnternehmen. Diesem Gedankengange huldigte ja auch seinerzeit der verewigte Professor Dr. H. Steinthal in Berlin, der ursprünglich für eine allgemeine Sammlung altjüdischer Melodien eintrat, nach erfolgter Darlegung seitens des Schreibers dieser Zeilen, an denselben nachfolgende Erklärung abgab: „Herr Oberkantor Singer, Wien. Ich habe in meinen Aeußerungen über die jüdischen Melodien entschieden gesagt, daß ich von Musik im allgemeinen und von jüdischen Melodien insbesondere eigentlich gar nichts weiß; darum war es voreilig von mir, auf eine zu veranstaltende Sammlung hinzuweisen. Sie wiesen mich aber auch positiv darauf hin, worauf es ankomme: auf eine Charakteristik des Stilesdieser Melodien und hierin muß ich Ihnen durchaus recht geben.**) Unser Eatschlag geht also dahin, zuvörderst bestimmen zu sollen, welche musikalische Signatur obwalten muß, um irgend einer vorfindlichen Melodie die Bezeichnung „altjüdisch" beilegen zu können und dann auf Grund dieser Feststellung eine Sichtung und eventuelle Sammlung zu ermöglichen. Um diesen überaus wichtigen Zweck zu erreichen, muß der jüdische Musikhistoriker die gleichen Hilfsmittel zu Rate ziehen, wie dieselben bei der musikalischen Stilbestimmung andersgläubiger Nationen des Altertums augewendet werden und zwar die Nutzanwendung des Intervallenverhältnisses. Der Anfang hiefür wurde durch den Schreiber dieser Zeilen mit der Veröffentlichung seiner Broschüre „Die Tonarten des traditionellen Synagogengesanges etc." gemacht; mögen ernststrebende, musikreife Fachgenossen diesen allerersten Hinweis in den Kreis ihres Denkens ziehen, um mit vereinten Kräften beizutragen, daß dieser — obgleich von vielen, namentlich jüngeren Kantoren zwar imitatorisch stillos geübte, doch musikalisch — fachlich gar nicht erfaßte, überaus wichtige Gegenstand endlich dem allgemeinen Verständnisse näher gerückt erscheine. Mit der Feststellung eines jüdisch-musikalischen Stiles wird zuversichtlich der Fortentwicklung des Synagogengesanges ein idealerer Dienst erwiesen, als mit der größtmöglichsten Sammlung aller, selbst noch so volkstümlicher, sogenannter „altjüdischer" Melodien. *) Siehe 371 vierstimmige Choralgesänge von Johann Sebastian Bach. Nr. 183 „Nun freuet euch, liebe Christen mein!" **) Siehe „Ueber Juden und Judentum" (S. 285), von Professor Dr. H. Steinthal in Berlin.

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