Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 51 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 »Neue Natlonal-Zettiin?« Nr. 51 obsiegte ihnen, und aus wüstem, chaotischem Grunde erstand ein Kulturwerk ersten Ranges, ein Wahrzeichen für die Juden aller Länder und aller Zungen für alle ■Zukunft, sich um diese Fahne zu scharen und unter diesem Zeichen zu siegen. Netter war ein kerngesunder Mann. Breitschulterig, von steifem Nacken, riesiger Brust, abgehärtet bis zur Möglichkeit, bei aller Wohlhabenheit von erstaunlicher Einfachheit in Nahrung und Lebensweise, unabhängig, hochherzig und von ungewöhnlicher Intelligenz. Nie sah ich einen MenscheD, der leichter anhaltendes Nachtleben, unsagbare körperliche und seelische Anstrengungen und last not least: in erstickenden und verpesteten Räumen, ertragen konnte, wie er. Ich sah aber auch niemals einen Menschen, der bei scheinbarer, äußerer Schroffheit, ein so unerschöpfliches Gemüt, ein so überquellendes, zeitweilig eruptiv hervorbrechendes Mitgefühl hatte. Er blieb gleichwohl zeitlebens unverheiratet. Es fehlte ihm wohl die richtige Muße für eine Ehe: er war der geborene Altruist. Netter kam nach Brody. Er wollte hier die Emigration nach Amerika und die Repatriierung organisieren und dann wieder fort nach Jaffa. Es sollte jedoch anders kommen. Er konnte aus Brody nicht mehr hinaus und blieb da etwa drei Monate interniert. Denn, als die von allen Seiten über die galizischen Grenzen hereinflutenden Flüchtlinge die frohe Botschaft vernahmen, daß in Brody eine Hilfsaktion eingeleitet werde — und gewissenlose Schiffsagenten taten das Ihrige dazu — strömten sie sämtlich in diese Stadt zusammen, die nun von einer wahren Katastrophe bedroht war. Netter kämpfte heldenmütig gegen eine solche. Er arbeitete mit übermenschlicher Anstrengung nach zwei Richtungen hin, zunächst, um über die Notdurft des Tages hinwegzukommen, den Massen Obdach und Brot zu verschaffen und dann soviel Emigranten als nur immer möglich nach Amerika zu befördern und die für die Emigration Untauglichen zu repatriieren. Aber je mehr Emigranten befördert wurden, desto stärker, desto drückender wurde der Zuzug. Man hatte die unheimliche und tief beängstigende Empfindung, als ob eine mächtige, nicht mehr einzudämmende Lawine ins Rollen gekommen wäre, die alle Kulturen rings wegschwemmen könnte. Unter solchem "verzweifelten, nach außenhin aber kaum vernehmbaren Ringen, erschien ein Mitglied des Leipziger Hilfskomitees, Herr Hermann M a g n u s s. A. in Brody, um den dortigen Delegierten der „Alliance Israelite Universelle" die gesammelten Hilfsmittel zur Verfügung zu stellen. Was er aber da sah, die fürchterlichen Kämpfe der beiden, bis zur völligen Erschöpfung arbeitenden Pariser Herren, die ergreifenden Szenen, die sich im Arbeitslokal und auf den Straßen abspielten, erschütterten ihn dermaßen, daß er nach kaum eintägigem Aufenthalte fluchtartig Brody verließ, um schnurstracks nach Wien zu reisen, dem Vorstand der Wiener Allianz die verzweiflungsvolle Situation zu schildern, in der sich Herr Dr. Henry Schafier Charles Netter Netter in Brody befinde und schleunige Hilfe zu verlangen. Noch vibrierte seine Stimme vor Aufregung über das in Brody Erlebte, als er dieses in eingehender und lebhaftester Weise schilderte, so daß sämtliche Anwesende tief ergriffen wurden. In dieser, an ergreifenden Momenten so reichen Sitzung wurde dann auch beschlossen, ohne Verzug den Sekretär in Begleitung dreier kräftiger und leistungsfähiger Hilfsarbeiter nach Brody zu entsenden. Und so geschah es auch. Das Chaos in Brody fing sich nun insofern einiger maßen zu lichten an, als jetzt in drei, in verschiedenen Straßen untergebrachten Bureaus gearbeitet wurde. Allein die Massen konnten gleichwohl, mochte auch viele Wochen hindurch täglich vom frühen Morgen bis tief in die Nacht hinein gearbeitet werden, nicht bewältigt werden. Obgleich fast täglich, nach sorgfältig vorgenommener Auswahl, ganze Eisenbahnzüge voll von Emigranten abgelassen und Hunderte repatri- ____' ___iert wurden, immer neue Zuflüsse füllten rasch die entstandenen Lücken aus. So ging es Wochen und Monate hindurch, bis endlich der mit erbarmungsloser Härte hereingebrochene Winter der Auswanderung Halt gebot. Ich will nicht länger bei der mich noch heute, nach sechsundzwanzig Jahren, im innersten erregenden Schilderung dessen, was ich damals in Brody gesehen und erfahren, verweilen, will - nicht aufzählen, was da unter unsagbaren Schwierigkeiten und katastrophalen Zuständen geleistet wurde;*) es sei nur kurz bemerkt, daß damals etliche zwanzigtausend russischer Emigranten nach Amerika befördert wurden, daß sie sämtlich ihr Brod in der neuen Welt gefunden und dies, unter eifriger Verwendung des wohlorganisierten amerikanischen Hilfskomitees, und daß nach und nach ihre Weiber nnd Kinder ihnen nachgesendet werden konnten. Netter ließ damals ganze Scharen von Knaben durch Dr. Schafier nach Jaffa expedieren, um sie daselbst zu tüchtigen, modern geschulten Ackerbauern heranbilden zu lassen. Bald darauf reiste er selbst, nachdem für sämtliche in Brody zurückgebliebenen Emigranten Winterquartiere bestellt, für ihre Verpflegung vorgesorgt war, über Paris nach seinem geliebten Jaffa — um daselbst zu sterben. Die übermenschlichen Arbeiten und Aufregungen in Brody hatten seine eiserne Gesundheit untergraben. Er liegt in Jaffa begraben. Die Ackerbauschule in Jaffa hatte seither manche schwere Krise durchzumachen; aber die Lehrer und *) Anmerkung der Redaktion: Eingehendere Schilderungen hierüber finden sich in der im Jahre 1882 in drei Auflagen erschienenen Schrift: „Fünf Wochen in Brody.* — Hier noch eine Reminiszenz: Der geistreiche und sehr gelehrte Herausgeber des „Hechaluz", Heschl Schorz in Brody s. A. schilderte damals im „Ibri" als Augenzeuge in einem fulminanten Artikel die menschenerrettenden und menschenerhaltenden Taten der vereinigten Allianzen in Brody und wandten auf deren drei Delegierte, die in Brody das Erlösungswerk verrichteten, in witziger Weise die Worte Genes: XH., 5, an, wo von den Seelen (Ne £ e seh,) die Rede ist, die Abraham und Lot in Charan geworben, hinweisend darauf, daß das Wort Nefesch die Anfangsbuchstaben der Namen Netter, Friedländer und Schafier enthalte. Dr. M. Friedländer