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Neue Nationalzeitung · 1907-11-29 · Heft 51 (29.11.1907) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 51 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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»Neue National-Zeitung« Seite 3 .v - Endlichlangtder seltsame Leichenzug an einer Gruppe yön vier Sternen aii, von welchen unsere Führer bereits die Brombeerstauden und das Unkraut entfernt hatten. Dann -zeigen alle Hände auf einen schiefen Stein: da isir.es. ,:Ünd plötzlich" schrumpfen die vom Elend abgewehrten, Gesichter; fast zu einem Lächeln zusammen und uberziehen sich mit einem tiefen Ernste. Die Augen vertiefen , sicli in. die Betrachtung der Geheimnisse des Weltalls und unter der verblaßten Farbe der Mützen, unter den schmierigen Käppchen entstehen Gedanken, die A.chtung gebieten. Ein jeder dieser Bettler ist jetzt ein Abtrpnester und der Rabbiner spricht Worte, welche jed^n in, Entzücken versetzten. . . . ".':>'Dem Orient entstammt der an den asiatischen Despotismus gewöhnte slavische Bauer, der sich demütig bückt; dem Orient entstammen auch die unruhigen Juden, deren' beschauliche. Fähigkeiten durch die feindlichen Angriffe anderer' Völker des Westens gefährdet werden. -V6n; uneigennützigerer Philosophie als der arische Paria, deri-vom unversöhnlichen Fluche seiner Mitbrüder verfolgt umherirrt,-wollte der von allen verdammte Semit 'die Welt erobern, in die ihn die Diaspora verschlagen 4iät.'-Verachtet,., gehaßt, verfolgt, weil er aus seinem -Blüte uns einen Gott gegeben, hat er es verstanden, sich die Herrschaft der Welt zu verschaffen. Darum wurde ihm nichts erspart, kein Leid und keine Folter, kein. Fluch und keine Rache. Es gibt keine erschütterndere-Geschichte. Und weil dieses Volk Scheiterhaufen, Blutbädern ^ntoeiehrungsversuchen widerstanden hat, weil es mit seinen Tugenden und seinen Lastern in die soziale * Organisation unserer Tugenden und Laster eingetreten und sich ihr wunderbar anpaßt, weil es aus seinem "Vorrat an Gutem' und Schlechtem die Kraft geschöpft Iiät,. uns in der Eroberung von Reichtümern überlegen zu. Sein, will man es in einem systematischen Vernichtungskrieg bekämpfen. Das aber muß ein verhaßtes ' i^esultät-hervorbringen, denn man wird auf diese Weise den E[aß derjenigen wieder erwecken, die vom Kapital bedrückt sind, man wird Hoffnungen auf Verfolgungen ' wieder wachrufen, mit denen die Gesellschaft nur ihre eigene Niederlage eingestehen wird. .•.-. Man wird die Juden nicht vernichten. Israel," das aus dem Mittelalter lebend hervorgegangen ist, kann< jetzt nicht mehr vernichtet werden. Anstatt es also zu verdammen, anstatt feig zu schreien, daß wir es: vernichten müssen, um Platz zum Leben zu haben, warum versuchen wir nicht einfach eine der Gleichheit näherkommende, uneigennützigere Gesellschaftsordnung zu schaffen, in der die Macht der jüdischen oder christlichen Erwerbssucht weniger brutal gegen alle und ohne diezerdrückende Tyrannei wider die menschlichen Massen, wäre? Närrisch sind diejenigen, welche die Freiheit auf eine Vergrößerung der Tyrannei begründen wollen. , Weniger Freiheit für den Egoismus, mehr Raum für "das .Mitleid! Oeffnet lieber dem Rechte die Wege und versperrt >die großen Tore, die der Unterdrückung freien Durchgang gewähren. Aber die Aussicht ist schwach. Denn .den Unterdrücker beseitigen, heißt ihn durch einen neuen ersetzen. Nur das eine ist möglich: ihn zu erreichen und in seiner Aktionsfreiheit einzuschränken. Es wird genügen, die Christen, die noch Herrscher der Welt sind, zu verbessern, damit sie es nicht nötig haben, die Juden zu vernichten, und ihnen den Thron de$ Ueberflasses, nach dem alle Menschen aller Zeiten und Länder streben, zu rauben. DR- MORITZ FRIEDLÄNDER (Wien). Charles netter in Brody. Zum 25. Todesjahr. Das Jahr 1881 war für das Judentum ein verhängnisvolles. Mit diesem begann die seither periodisch sich wiederholende Judenaustreibung in Rußland. Damals wurde die westeuropäische Judenheit ahnungslos und urplötzlich aus ihrer Ruhe und Lethargie aufgeschreckt. Greueltaten, die man längst nicht mehr erwartete, geschahen; an vielen Orten Rußlands wurden Juden unter den Augen der Hüter des Gesetzes ausgeplündert, gemordet und mit ausgesuchter Grausamkeit gemartert. Panikartig ergriffen die Massen die Flucht und ganze Scharen wälzten sich über die österreichische Grenze, sich nach dem nahe gelegenen Galizien wendend. Gab es aber damals noch einen Lichtschimmer, der wohltuend in diese Nacht mittelalterlicher Barbarei hineinleuchtete, so war es das allgemeine Mitleid mit den Opfern russischer Barbarei! Sämtliche Kulturvölker gaben ausnahmslos unverhohlen ihrer tiefsten Entrüstung über diese „Schmach des Jahrhunderts" beredten Ausdruck. Das geschah noch anno 1881! England voran schmetterte Proteste in die Welt hinaus. Dort zuerst bildeten sich Hilfskomitees aus hervorragenden Christen gemeinsam mit Juden in Stellung. Desgleichen in Paris, Berlin, und selbst Wien beteiligte sich interkonfessionell in namhafter Weise an den zugunsten der Verfolgten eingeleiteten Sammlungen. Jetzt galt es, den zahllosen Flüchtlingen Hilfe zu bringen, sie zu retten, die Hilfeleistung zu organisieren. Sie hatten sich mit Weibern und Kindern massenhaft in der Grenzstadt Brody angesammelt und eine unsagbare Notlage war infolgedessen in dieser, damals ohnedies arg herabgekommenen Stadt entstanden. Sie vermochte die Unglüklichen nicht nur nicht zu ernähren, sondern auch nicht mehr zu fassen. Diese lagen in allen Straßen und ringsum auf den Feldern halb nackt umher, nach Brot schreiend und Hilfe begehrend. Als die erste an der Unheilsstätte erschien die ,.Alliance Israelite Universelle14. Kaum waren die ersten Hilferufe zu ihr gedrungen, als sie schon einen jungen Russen, den in Paris auf Kosten ihres Präsidenten zum Arzt ausgebildeten Dr. Heinrich Schafier nach Brody dirigierte, um arbeitsfähige Emigranten nach Amerika zu expedieren, die übrigen aber womöglich in ihre Heimat zu repatriieren. Schafier war der richtige Mann für diese Mission. Er war ungemein rührig, hatte Herr und Verständnis für seine unglücklichen Landsleute, konnte mit ihnen in ihrer Sprache sprechen: mit den alten den Jargon, mit den Jüngeren russisch und genoß ihr Vertrauen. Allein der Sisyphusarbeit, die er in Brody vorfand, war ein einzelner Mensch und war er von herkulischer Kraft, nicht gewachsen. Er schilderte der Allianz das Verzweiflungsvolle seiner Lage und verlangte Sukkurs. Darauf entsandte das Zentralkomitee in Paris den besten Mann aus seiner Mitte: Charles Netter, nach Brody. Wer die Leistungen der Alliance im Orient kennt, der kennt auch Netter: denn er war nicht nur die Seele dieser segensreichen Institutionen, er war auch ihr leiblicher Vater, ihr Bildner und Organisator. Um Netters Verdienste ins richtige Licht zu stellen, braucht man sich nur an die Ackerbauschule von J äff a zu erinnern, die seine Schöpfung war und die er unter tausend Gefahren und unvergleichlicher Selbstaufopferung schuf, siegreich alle von Seite der Natur und der Beduinen drohenden Gefahren bewältigend. Dort in jenen Einöden rang ein Mensch, alleinstehend und nur im Bunde mit einem unbeugsamen Willen im still-geräuschlosen Kampfe mit übermächtigen, feindseligen Elementen und

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